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Keine Spiele, keine Veranstaltungen, nichts

Ronald Tscherning, Manager des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions, spricht über Geisterspiele mit Dynamo, mögliche Konzert-Absagen und neue Hoffnungen.

Keine Zuschauer, keine Einnahmen: Das Dresdner Stadion könnte durch die Ausfälle in eine ernste wirtschaftliche Lage geraten, sagt der Manager Ronald Tscherning.
Keine Zuschauer, keine Einnahmen: Das Dresdner Stadion könnte durch die Ausfälle in eine ernste wirtschaftliche Lage geraten, sagt der Manager Ronald Tscherning. © dpa-Zentralbild

Dresden. Es ist ein kurzer Hinweis für die Besucher auf der Internetseite: „Die Sport- und Eventflächen dürfen bis auf Weiteres nicht mehr genutzt werden. Vielen Dank für Ihr Verständnis! Bleiben Sie gesund!“ Doch was bedeutet es für die Projektgesellschaft, den Betreiber des Dresdner Rudolf-Harbig-Stadions, wenn hier keine Spiele und Veranstaltungen stattfinden?

Ronald Tscherning, der kaufmännische Leiter, beantwortet die Fragen der SZ.

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Herr Tscherning, wie arbeitet die Stadionprojektgesellschaft unter Corona-Bedingungen?
Das Thema rund um Corona hat sich rasant entwickelt. Innerhalb einer Woche ist unser Kerngeschäft praktisch zusammengebrochen. Keine Spiele, keine Veranstaltungen – das trifft uns brutal. Dennoch haben wir die Situation ruhig analysiert.

Und mit welchem Ergebnis?
Wir haben uns unmittelbar mit dem gesamten Stadionteam zusammengesetzt. Jeder Mitarbeiter hat Vorschläge eingebracht, um sofort die Kosten zu reduzieren. Der Stadionbetrieb wurde innerhalb weniger Tage soweit wie möglich nach unten gefahren. Alle Mitarbeiter haben der Kurzarbeit zugestimmt. Der technische Immobilienbetrieb muss trotzdem weitergehen. Diverse Anlagen werden gewartet und kleinere Reparaturen durchgeführt. Die Greenkeeper halten den Rasen im perfekten Zustand, auch wenn Spiele oder Trainingseinheiten nicht stattfinden. Wo es sich anbietet, besteht die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten. Das kann jeder Mitarbeiter frei entscheiden. Telefonkonferenzen mit unseren Partnern Dynamo, Lagardere (Vermarkter/d. Red.) und den Konzertveranstaltern stehen auf der Tagesordnung.

Gibt es Szenarien, wie es weitergehen könnte?
Wir können gerade gar keine Lösung präsentieren. Derzeit hat die Gleichung zu viele Unbekannte. Die Ungewissheit steht einfach über allem.

War es aus Ihrer Sicht richtig, das Derby von Dynamo gegen Aue am 8. März noch mit Zuschauern durchzuführen?
Die Situation wurde damals von allen Beteiligten so eingeschätzt.

Es wirkt wie ein Bild aus längst vergangenen Tagen, dabei ist es noch keinen Monat her. Am 8. März feierten Spieler und Fans von Dynamo Dresden im mit gut 30.000 Zuschauern ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion den 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Erzgebirge
Es wirkt wie ein Bild aus längst vergangenen Tagen, dabei ist es noch keinen Monat her. Am 8. März feierten Spieler und Fans von Dynamo Dresden im mit gut 30.000 Zuschauern ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion den 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Erzgebirge ©  dpa/Robert Michael

Inwiefern wirkt sich die Spielpause auf die Miete aus, die Dynamo für die Stadion-Nutzung zahlt?
Ohne Spiele fließt aktuell auch keine Miete für die Spieltage. Wir werden uns dazu zeitnah mit Dynamo zusammensetzen.

Aber laut Nutzungsvertrag sind bestimmte Abgaben von Dynamo an die Projektgesellschaft unabhängig von Spielen zu zahlen. Was ist damit?
Die vertraglichen Verpflichtungen sind soweit erfüllt. Aber auch hier muss man die Situation des Vereins und des Stadions einschätzen und miteinander sprechen.

Was würde es bedeuten, wenn es in dieser Saison nur noch „Geisterspiele“ geben sollte?
Grundlegend gehen wir wegen der aktuellen Zwangspause von sehr hohen Verlusten im Wirtschaftsjahr 2019/2020 aus. Diese Sondersituation, sprich: ohne Spiele, ohne Veranstaltungen oder mehrere Geisterspiele, ist natürlich vertraglich nicht abgebildet. Egal, welche Szenarien es jetzt gibt: Der Verein, das Stadion und die Stadt werden Lösungen finden. Die Zusammenarbeit ist in den vergangenen Jahren sehr partnerschaftlich und konstruktiv gewesen.

Können Sie eine Verlustrechnung anstellen?
Für das laufende Wirtschaftsjahr hatten wir sehr positive Erwartungen. Davon sind wir jetzt natürlich weit entfernt. Man darf aber auf keinen Fall nur seinen eigenen Betrieb sehen. Dynamo und die anderen Vereine werden gemeinsam mit der Deutschen Fußball-Liga Entscheidungen treffen, die positive wie negative Effekte haben. Sobald das klar ist, werden wir die Probleme anpacken und gemeinsam lösen.

Ist die Streckung der Saison organisatorisch überhaupt möglich oder würden Heimspiele von Dynamo mit anderen Veranstaltungen kollidieren?
Wir haben in den letzten Tagen viele Szenarien für Dynamo und die DFL entwickelt. Es ist vollkommen klar, dass wir Verpflichtungen gegenüber Dynamo haben und den Schaden für den Verein so gering wie möglich halten müssen. Deshalb arbeiten wir natürlich daran, die Spiele stattfinden zu lassen. In der aktuellen Situation wird einmal mehr gefordert, als Gemeinschaft zusammenzustehen. Es müssen diesbezüglich auch Lösungen mit den Veranstaltern her. Aber grundsätzlich ist es möglich, zusätzliche Zeitfenster für Dynamo zu bekommen.

Das vorerst letzte Tor im Dresdner Fußball-Tempel - Patrick Schmidt (2. v. l.) erzielt das 2:1 für Dynamo gegen den Erzrivalen aus dem Erzgebirge, Aues Torwart Martin Männel (l.) kann dem Ball nur hinterherschauen.
Das vorerst letzte Tor im Dresdner Fußball-Tempel - Patrick Schmidt (2. v. l.) erzielt das 2:1 für Dynamo gegen den Erzrivalen aus dem Erzgebirge, Aues Torwart Martin Männel (l.) kann dem Ball nur hinterherschauen. ©  dpa/Robert Michael

Was wird mit den Konzerten von Peter Maffay und Udo Lindenberg am 6. und 7. Juni? Rechnen Sie mit Absagen?
Derzeit kann noch niemand den Verlauf der gegenwärtigen Lage einschätzen. Wir erarbeiten gemeinsam mit den Veranstaltern Szenarien, um die Konzerte und die Großveranstaltungen zu verlegen. Von Absagen gehen wir aktuell nicht aus. Dennoch liegt die Entscheidung nicht in unserer Hand.

Aber die Termine Anfang Juni sind nicht zu halten, oder?
Die Entscheidungen trifft der Veranstalter nach Rücksprache mit dem Künstler. Es geht nicht nur um ein Konzert, sondern um das Routing einer gesamten Tour. Alle Städte und alle Locations sind gerade betroffen. Wir sichern unseren Partnern die größtmögliche Unterstützung zu.

Welche weiteren Veranstaltungen sind von den Beschränkungen bereits betroffen oder könnten betroffen sein?
Aktuell sind alle Veranstaltungen betroffen. Wir sind gesondert von der Landeshauptstadt Dresden informiert worden, die Allgemeinverfügung zum Vollzug des Infektionsschutzgesetzes für das Konzessionsgebiet durchzusetzen. Selbst der Trainingsbetrieb darf ohne schriftliche Genehmigung des Sächsischen Staatsministeriums des Innern nicht erfolgen.

Also wird auch die Team Challenge mit dem Ziel im Stadion nicht wie geplant am 28. Mai stattfinden können?
Wir sind in voller Abhängigkeit zur Situation im gesamten Land. Insofern können wir aktuell nur abwarten.

Die Kassen am Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden sind geschlossen. Ob es nach dem 30. April tatsächlich auch in der 2. Fußball-Bundesliga mit "Geisterspielen" weitergeht, vermag niemand zu sagen. 
Die Kassen am Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden sind geschlossen. Ob es nach dem 30. April tatsächlich auch in der 2. Fußball-Bundesliga mit "Geisterspielen" weitergeht, vermag niemand zu sagen.  ©  dpa/Robert Michael

Wie lange hält die Projektgesellschaft ohne Veranstaltungen mit Zuschauern und den entsprechenden Einnahmen durch?
Die zahlreichen Veranstaltungen hatten die letzten Jahre eine positive Wirkung auf unser wirtschaftliches Ergebnis. Aber ohne stetige Einnahmen – und hier meinen wir zuerst den Fußball – wird die wirtschaftliche Lage des Unternehmens natürlich ernst. Wir haben Fixkosten wie Energie, Personal, Wartung oder die zu bedienende Annuität.

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Welche Hilfsfonds kämen infrage?
Wir prüfen alle Möglichkeiten, um eventuelle Hilfen voll auszuschöpfen. Wir werden wie immer Lösungen finden. Derzeit sind unsere Gedanken aber bei unseren Familien, bei unseren Freunden und bei unseren Geschäftspartnern. Wenn wir auf die vergangenen Jahre zurückblicken, haben wir eine große Zuversicht, dass nach der Corona-Krise alles wieder gut wird.

Die Fragen stellte Sven Geisler.

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