merken
PLUS Feuilleton

Wie Musikschulen durch die Krise kommen

Immer mehr Musikschüler haben wegen der Corona-Krise Video-Unterricht – unfreiwillig. Inzwischen sehen das viele als Chance. Es sei denn, das Talent ist zu groß.

Schülerin Senta Kruppa beim digitalen Fagott-Unterricht.
Schülerin Senta Kruppa beim digitalen Fagott-Unterricht. © Matthias Rietschel

Damit die Hexe hintergründig grinsen kann, braucht es zuvor einen schönen runden Mund. Nicht beim verwunschenen Weib, sondern bei der zehnjährigen Senta. Denn die erweckt die Hexe zum Leben – mit ihrem Fagottino, einer Kinderversion des Fagotts. Dieses ist ein Holzblasinstrument und wird für seine warmen, tiefen Töne geschätzt. Nicht zufällig verkörpert das Fagott im musikalischen Märchen „Peter und der Wolf“ den Großvater.

Senta, die Musikschülerin aus Heidenau, sitzt daheim mit dem Instrument vorm PC – zwangsweise wegen Corona. Unter Anleitung ihrer Lehrerin Berit Chahbani, die in der Musikschule Sächsische Schweiz mit Hauptsitz in Pirna ebenfalls mit Fagott am PC steht, macht das Mädchen zunächst Lockerungsübungen, um dann das „Hexen“-Stück anzustimmen. Es geht gut los, plötzlich kickst es. Die Lehrerin beugt sich zum Mikro: „Lass dir Zeit für Pausen, nicht hetzen.“ Nach zwei neuen Versuchen klingt es besser. Die Alte singt mit der tiefen Fagott-Stimme und grient förmlich von Ohr zu Ohr.

Anzeige
Zukunft? Na klar!
Zukunft? Na klar!

Die Berufsakademie Sachsen bietet ein krisensicheres Studium mit besten Job-Chancen und Ausbildungsvergütung.

Es kommt noch besser. Denn Senta stimmt das Musikstück „Die Sonne“ an. Doch die Lehrerin unterbricht. „Ich sehe deine Finger nicht genau, vermute aber, dass du sie nicht gleichzeitig bewegst.“ Die junge Fagottistin setzt neu an. Und siehe da, die Sonne tänzelt und lacht – leicht verzerrt – aus dem Lautsprecher des Tablets der Lehrerin. Die lobt. „Fein gemacht!“ Senta strahlt aus der Ferne.

Einmal die Woche hat Senta derzeit Fernunterricht. Sie gehört zu den 1.500 Schülern der Musikschule Sächsische Schweiz, die wie viele Einrichtungen seit dem 18. März dicht ist. Doch die meisten der 70 Pädagogen und der Schüler machen weiter. Die Mehrzahl per Video – ob im Livestream oder mit gemailten Filmchen. Viele Pädagogen arbeiten von daheim aus, manche – wie Berit Chahbani – „gern im vertrauten, durchaus etwas strengen Schulambiente des Musikzimmers“.

Volle Konzentration auch über die Distanz: Musiklehrerin Berit Chahbani verfolgt via Tablet und Noten wie ihre Schülerin Senta Kruppa daheim in Heidenau vorm Laptop musiziert.
Volle Konzentration auch über die Distanz: Musiklehrerin Berit Chahbani verfolgt via Tablet und Noten wie ihre Schülerin Senta Kruppa daheim in Heidenau vorm Laptop musiziert. © Jürgen Lösel

Immer mehr der 62.391 Musikschüler der 25 im Landesverband deutscher Musikschulen vereinten Institute sowie Hunderte von privaten Schulen in Sachsen haben auf diese Weise Unterricht. Dabei sahen das Thema die Experten vordem kritisch. „Wir waren skeptisch, ob das funktioniert“, sagt auch der Pirnaer Musikschul-Geschäftsführer Till Wanschura. „Haben alle die Technik, hört man gut trotz der leichten Verzerrung und sieht man richtig? Ganz schnell war klar: 75 Prozent unserer Schüler nehmen dieses Angebot an.“ Die Schule hat sich wegen Corona Tablets zugelegt. Nicht alle sind derzeit im Einsatz. „Der Grad der Technik-Ausstattung ist erstaunlich hoch und die Offenheit der Pädagogen auch, obwohl es anstrengender ist, denn es braucht mehr Konzentration“, so Wanschura. Auch kann man weniger zeigen und vormachen, muss mehr erklären. Einzig bei der musikalischen Früherziehung der ganz Kleinen, beim Tanzunterricht und beim Ensemblespiel sowie bei der Begabtenförderung ist der Fernunterricht keine Alternative. Die Stunden fallen dann weitgehend aus oder die Lehrer und Schüler treffen sich – mit dem gebotenen Abstand. 

Doch es gibt Grenzen

Klar sei auch, so Wanschura: Der Video-Unterricht habe Grenzen. Ab einem gewissen Niveau – „gehobenes Mittel“ – komme der Schüler damit nicht weiter, vor allem wenn er das Zusammenspiel mit einem Begleitinstrument üben muss. Und es sei ebenso eindeutig, dass der Fernunterricht keine Dauerlösung sei. Es fehle das Menschelnde. Aber er und Berit Chahbani als stellvertretende künstlerische Leiterin der Schule ziehen nach vier Wochen Video-Unterricht eine überraschende Bilanz: Die Schüler werden selbstständiger und motivierter, weil sie sich etwa Schwerpunkte in die Noten selbst eintragen müssen, Hausaufgaben notieren. Sonst tat das der Lehrer. Die Schüler üben mehr, wenn sie die Videos für den Lehrer aufnehmen, weil sie beim Abhören eigene Defizite erkennen. „Und die Eltern, die jetzt teilweise neben ihren Kinder sitzen, merken erstmals, was ihre Talente für ein Pensum absolvieren.“

Vor allem aber sei der Fernunterricht in Maßen eine Alternative, um die Elternfahrdienste zu mindern oder damit die Schüler weniger lange Bus- und S-Bahn-Strecken fahren müssen. Das gilt besonders in einem so großen, vom öffentlichen Nahverkehr nur mäßig frequentierten Gebiet wie der Sächsischen Schweiz. Und erst recht im Winter. „Wir sind auch zeitlich flexibler, es fällt weniger Unterricht aus. Freilich setzt das alles voraus, dass das Funknetz stabil und gut ist“, so Chahbani. Und das ist es bekanntlich nicht überall.

Weiterführende Artikel

Warum Corona sogar den Büchern schadet

Warum Corona sogar den Büchern schadet

An diesem Donnerstag ist Welttag des Buches. Doch obwohl viele jetzt Zeit hätten zu lesen, hat die Branche gerade wenig zu feiern.

Auch Kunst ist systemrelevant

Auch Kunst ist systemrelevant

Wir können uns keinen kulturellen Kahlschlag leisten. Ein Kommentar zu den Fördermitteln für sächsische Künstler.

„Anders, aber gar nicht so blöd“, findet die zehnjährige Senta die neue Unterrichtsform. Sie ist ohnehin mit neuen Medien gut vertraut. Eins allerdings würde sie auf Dauer vermissen: „Das gemeinsame Spiel mit Frau Chahbani.“ Und das Lächeln der Lehrerin nach einer guten Stunde – direkt und nicht auf dem Bildschirm.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Mehr zum Thema Feuilleton