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Corona kann unser Miteinander positiv ändern

Die Dresdner Verhaltenstrainerin Petra Erdmann über das Ende von Egoismus und die Chance auf mehr Wärme und Freundlichkeit.

Mehr füreinander da sein - gerade in der Corona-Krise.
Mehr füreinander da sein - gerade in der Corona-Krise. © 123.rf

Corona macht vielen Menschen Angst: Nicht nur Angst, krank zu werden, sondern auch, die Arbeit zu verlieren, nicht mehr genug Geld zu verdienen, die Miete oder Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen zu können. Angst vor der Zukunft. Das wirkt sich auf ihr Verhalten aus, sagt Verhaltenstrainerin Petra C. Erdmann.

Frau Erdmann, Sie beobachten Menschen sehr genau. Wie hat sich denn ihr Verhalten in der Krise verändert?

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Am Anfang stand die Ungläubigkeit, dann das langsame Ankommen in der Realität. Plötzlich war die Grundsicherheit weg, und das betraf diesmal wirklich alle – egal, ob sie noch zur Arbeit gingen oder zu Hause saßen, allein, mit Kindern oder Partner. Das löste Betroffenheit, Beklemmung, Sorgen, Verwirrung und Ängste aus, die in vielen Gesichtern abzulesen waren. Im Supermarkt war plötzlich jeder ein potenzieller Feind. Die Menschen hielten kaum noch Blickkontakt. Komm mir nicht zu nahe, hieß die Botschaft. Denn Viren sieht man nicht. Das alles hat aber auch etwas Positives gebracht.

Was ist positiv daran, wenn jetzt jeder Abstand hält und sich nicht mehr zum Gruß die Hand gibt?

Weil man sich nicht mehr sehen konnte und zu Hause bleiben musste, hatte man plötzlich Zeit zum Telefonieren, zum miteinander Reden. Da wurden nicht nur Verwandte und Freunde angerufen, sondern auch Menschen, die man schon lange nicht mehr gesprochen hatte. Dabei hat sich die Art der Kommunikation geändert. Es geht nun nicht mehr nur um den schnellen Sachaustausch: Was gibt‘s Neues? Wohin geht’s im nächsten Urlaub? In der Coronazeit bewegen alle Menschen ähnliche, existenzielle Fragen: Was wird werden? In welchen Zeiträumen? Mit welchen Konsequenzen? Das Unsichere in dieser Zeit verbindet. Da werden Gefühle ausgetauscht und geteilt. Trotz räumlicher Distanz sind die Menschen näher zusammengerückt, gehen wieder wärmer miteinander um. Das stimmt mich optimistisch für die Zukunft.

Der zielstrebige, pünktliche, unterkühlte Deutsche wird plötzlich einfühlsam?

Die Chance ist jetzt da, und ich hoffe, dass wir sie nutzen. Denn wir sitzen alle in einem Boot – wenn das Boot auch zwei Seiten hat: Auf der einen Seite sitzen die Menschen, für die sich nicht viel geändert hat, weil sie weiter arbeiten können und nicht zur Risikogruppe gehören. Doch auch diese Menschen kennen in ihrem nahen Umfeld irgendjemanden, der von der Krise betroffen ist und auf der anderen Seite sitzt: Menschen zum Beispiel, die einsam im Pflegeheim sind, die im Homeoffice an ihre Grenzen kommen, weil sie gleichzeitig Kinder betreuen müssen oder Selbstständige, die in ihrer Existenz bedroht sind. Gerade diesen Menschen kann eine empathische Kommunikation helfen und zeigen, dass sie nicht allein sind.

Petra C. Erdmann arbeitet seit dem Jahr 1992 als selbstständige Verhaltenstrainerin. Auch sie ist derzeit durch das Verbot von Gruppenveranstaltungen von der Corona-Krise beruflich betroffen.
Petra C. Erdmann arbeitet seit dem Jahr 1992 als selbstständige Verhaltenstrainerin. Auch sie ist derzeit durch das Verbot von Gruppenveranstaltungen von der Corona-Krise beruflich betroffen. © PR

Was heißt für Sie empathische Kommunikation?

Sich zuerst mal die Zeit nehmen, zuzuhören und zu erspüren, wie es dem Anderen geht. Also weg vom eigenen Ego, hin zu mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen. Dazu braucht es mehr als zu sagen: Ich verstehe Dich! Es ist auch gut zu fragen, was der Andere braucht, damit es ihm besser geht. Wichtig ist, ihm das Gefühl zu geben: Ich bleibe in dieser herausfordernden Zeit für Dich ein Ansprechpartner.

Am simplen Beispiel Klopapier erleben wir aber gerade das Gegenteil von Anteilnahme. Jeder rafft erstmal für sich allein.

Ich kann das nicht nachvollziehen und frage mich, welche Verlustangst diese Menschen antreibt. Es heißt nicht zu Unrecht, dass sich in einer Krise der Charakter zeigt. Die Herausforderung ist, auch diese Menschen mitzunehmen.

Lässt sich Einfühlungsvermögen lernen?

Um Einfühlungsvermögen zu zeigen, braucht es oft eine Eigenerfahrung. Wenn sich zum Beispiel jemand ein Bein gebrochen hat, wird der, der schon mal das gleiche Problem hatte, die Schmerzen sehr viel besser nachvollziehen können. Die ähnlichen Erfahrungen, die wir jetzt alle in der Pandemie machen, bieten die Chance für ein empathischeres Miteinander. Dazu sollte jeder erst mal versuchen, seine eigenen Gefühle zu erkennen. Denn nur dann nimmt man sie auch bei Anderen wahr und kann mit anteilnehmenden Worten darauf eingehen. Oft sieht man auch schon an der Körperhaltung, wie es Menschen geht. Insofern ist Achtsamkeit gefragt. Jetzt ist eine gute Zeit, zum Beispiel auch mal seinen Nachbarn zu fragen, wie er in der Krise zurechtkommt. Denn ihn bewegt Ähnliches, auch wenn er sich vielleicht in einer anderen Position befindet. Jeder kann mit ganz kleinen Gesten bei sich anfangen und Anderen zum Beispiel ein freundliches Lächeln schenken.

Das freundliche Lächeln wird jetzt leider immer häufiger hinter einer Maske verschwinden.

Das bedauere ich sehr. Denn wer eine Maske trägt, will zwar mich als Gegenüber schützen, sendet aber automatisch auch das Signal, ihm nicht zu nahe zu treten. Umso wichtiger ist es, mehr miteinander zu reden.

In anderen Krisensituationen, wie zum Beispiel zur Flut, waren Empathie und Hilfsbereitschaft zunächst groß, danach aber auch schnell wieder vorbei. Warum sollte es diesmal anders sein?

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Weil uns Corona noch sehr, sehr lange beschäftigen und unser Leben verändern wird. Die Schlangen vor den Läden zum Beispiel werden uns angesichts des Abstandsgebots noch lange erhalten bleiben. Lasst uns die Zeit nutzen, entschleunigen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist es allerdings wichtig, nach vorne zu schauen. Ja, es ist eine unsichere Zeit. Aber es ist unsere wertvolle Lebenszeit. Machen wir was daraus. Es ist Frühling! 

Drei Beispiele für einfühlsames Kommunizieren:

1. Problem: „Ich darf meine Mutter, meinen Vater nicht im Pflegeheim nicht besuchen. Das ist so schrecklich.“

Antwort: „Ja, das ist sehr, sehr belastend.“ (Bestätigung)„Du fühlst dich hilflos, stimmt’s?“(Der Gesprächspartner hat die Möglichkeit zu sagen, ob er sich so fühlt oder ob er gar verzweifelt ist.)„Ich kann das gut verstehen. Schreib an deine Mutter oder deinen Vater, ruf sie an, so oft es geht. Sie/er soll wissen, dass du trotzdem da bist.“

2. Problem: „Ich kann mit den Kindern auf keinen Spielplatz gehen, und sie verstehen es nicht.“

Antwort: „Ja, das ist schrecklich. Kannst du mit ihnen vielleicht ins Grüne fahren?“

Gegenrede: „Wir haben kein Auto!“

Antwort: (Hier kann man nichts mehr sagen. Man kann nur nonverbale Anteilnahme zeigen.)

3. Problem: „Ich weiß nicht, wie ich die kommenden Wochen überstehen soll.“

Antwort: „Gib nicht auf. Es betrifft so viele Menschen jetzt. Versuche, ruhig zu bleiben, und überlege, was du jetzt machen kannst .“

Gegenrede: „Ich fühle mich abgeschnitten vom Leben. Meine Kinder leben so weit weg.“

Antwort: „Du hättest sie jetzt gern um dich? Sei sicher, sie denken an dich. Weißt du, für sie ist es auch nicht leicht.“

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