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Riesa

Das vergessene Denkmal im Glaubitzer Wald

Warum es eigentlich auf dem hiesigen Fußballplatz stehen müsste. Das Ehrenhain Zeithain hat jetzt einen Augenzeugenbericht veröffentlicht.

Etwas zugewuchert steht der Gedenkstein im Glaubitzer Wald, in der Nähe des Birkenteichs. Er erinnert an einen Todesmarsch, der mehrere Tage in Glaubitz Station machte.
Etwas zugewuchert steht der Gedenkstein im Glaubitzer Wald, in der Nähe des Birkenteichs. Er erinnert an einen Todesmarsch, der mehrere Tage in Glaubitz Station machte. © Jörg Richter

Glaubitz. Ist es Zufall oder nicht? In diesen Tagen ist auf einer Nünchritzer Facebook-Seite ein Foto aufgetaucht, das gut zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges passt. Es zeigt den dreieckigen Gedenkstein im Glaubitzer Wald, der mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. Das zeigen auch die Reaktionen auf Facebook. Vor allem jüngere Menschen kennen das Ehrenhain in der Nähe des Birkenteichs nicht.   

Dabei wurden zu DDR-Zeiten Jahrzehnte lang Schulklassen aus Glaubitz und Nünchritz zu diesem Ort geführt, um der 65 Opfer des Faschismus, die hier begraben sein sollen, zu gedenken. Meistens am 8. Mai, dem Tag der Befreiung. Den Jungen und Mädchen, die mit Pionierhemd und Halstuch erscheinen mussten, wurde dann in Kurzform erzählt, dass in den letzten Kriegstagen ein Gefangenentross durch Glaubitz kam. Wenn einer versuchte zu fliehen oder erschöpft zu Boden fiel, wurde er von den SS-Aufsehern erschossen. 

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Was damals wirklich in und um Glaubitz geschah, hat der damals 24-jährige Franzose André Raimbault aufgeschrieben. Sein Tagebuch, das er bereits in den 1950er Jahren dem KZ Buchenwald überreichte, beruht auf den Erinnerungen von ihm und drei weiteren Überlebenden. Mitarbeiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain haben vor Kurzem auf ihrer Internetseite auf den Todesmarsch, der durch Glaubitz kam, erinnert.

13. April 1945 - Der Todesmarsch beginnt

Ausgangspunkt des Häftlingszuges waren drei Leipziger Außenlager des KZ Buchenwald in Thekla, Abtnaundorf und Heiterblick. Sie wurden am 13. April 1945 wegen der heranrückenden US-Armee evakuiert. Etwa 2.400 Häftlinge, die seit 1943 in drei Werken der Erla Maschinenwerke GmbH in Leipzig für die Montage von Flugzeugteilen eingesetzt waren, wurden per Fußmarsch auf den Weg in das KZ Theresienstadt geschickt. Doch dort kamen sie nie an.

17. April 1945 - Ankunft in Glaubitz

Der Marsch führte über Wurzen und Oschatz nach Merschwitz bei Riesa. André Raimbault schreibt: "Am Morgen ist es ein Gerücht, dass wir die Elbe überqueren. Wir sind in Merschwitz. Innerhalb einer Stunde setzen alle Häftlinge mit einer Fähre über (jeweils 50 Mann). Ein amerikanisches Flugzeug fliegt über uns, von Funken eingehüllt, dann Schüsse. Alle werfen sich zu Boden und wir können den Mut der SS abschätzen, die sich buchstäblich flach auf den Boden werfen, mit dem Gesicht nach unten. Sie verlieren 5 Tote und mehrere Verletzte. Unser Freund Bayse wird getötet. Leduc hat eine Kugel im Fuß. Das amerikanische Flugzeug hat seinen Fehler bemerkt, hört mit dem Beschuss auf, macht uns Zeichen mit den Tragflächen und entfernt sich. Wir setzen unseren Marsch fort und kommen um 15:00 Uhr auf einem Fußballplatz in Glaubitz an. Eine Stunde später erhalten wir fünf Kartoffeln."

SZ-Recherchen zufolge muss es sich bei dem genannten Sportplatz um den oberen Fußballplatz an der Sageritzer Straße handeln. Denn der Fußballplatz am Waldbad, wo der SV Einheit Glaubitz seine Punktspiele bestreitet, wurde erst 1973 eingeweiht.

18. April 1945 - Schüsse auf dem Fußballplatz

An diesem Tag werden zum ersten Mal Menschen auf dem Sportplatz ermordet. Raimbault schreibt: "Während einer Pause erhalten wir 7 Kartoffeln und 1 Löffel Konservenfleisch. (Wenigstens einige). Amerikanische Flieger schießen über uns. Patronenhülsen fallen auf unsere Köpfe. Das Gerücht kommt auf, dass wir kein Ziel mehr haben, da die Russen den Weg in die Tschechoslowakei abgeschnitten haben. 

Es geht an alle der Befehl, in der Nacht nicht aufzustehen. Das ist sehr schwierig. Die Soldaten schießen auf uns: 2 Tote und viele Verletzte. Während der Nacht fliehen Gefangene, die Zivilkleider haben. Während der Beschießung der Amerikaner finden weitere Ausbrüche statt. Drei der Geflohenen werden gefangen und sofort erschossen.

Wir bleiben über Nacht auf dem Gelände, schlafen auf der Erde, ohne Wasser, ohne WC und mit vielen, ja sehr vielen Kranken, die vor allem unter Koliken leiden."

19. April 1945 - Tödliche Hetzjagd

Am dritten Tag in Glaubitz gibt es mehrere Fluchtversuche von Häftlingen. Ein paar haben Erfolg, andere nicht. Raimbault schreibt: "Nach sehr zahlreichen Ausbrüchen wird sich die SS der Lage bewusst und schießt auf eine erste Gruppe von 6 Flüchtigen, die getötet werden. Alarm im gesamten Dorf und in der Umgebung, die zivilen Mitglieder des Volkssturmes beginnen mit der Jagd." Auch in den Nachbarorten Streumen, Peritz und Roda werden Häftlinge wieder eingefangen und zurück nach Glaubitz gebracht. Die ersten werden zu dem Gelände zurückgeführt, stark geprügelt und dann wieder zu uns gebracht: beispielsweise Charlot Brun und Müller, die sich auf diese Weise noch gut aus der Affäre ziehen. Während weitere Entflohene wieder eingefangen werden, wird die Bestrafung immer härter. Wir erfahren, dass viele auf der Stelle erschossen werden."

20. April 1945 - Der Zug verlässt Glaubitz

Am nächsten Morgen ab 4 Uhr werden mehrere Arbeitsgruppen gebildet, die von SS-Leuten begleitet werden. Sie sollen die ermordeten Häftlinge begraben. Raimbault schreibt: "Nach einem langen Marsch durch einen Wald erreicht die Gruppe mit Maillet den Ort eines Massakers an entflohenen Häftlingen. Sofort werden Papa Gaulier, René und Jacques Dupuis erkannt. … Sie haben sich im Tode umschlungen. Sie wurden aus nächster Nähe erschossen, durch eine Kugel in den Kopf umgebracht, sie sind völlig verunstaltet. 19 Polen befinden sich in dem gleichen Zustand. Andere Gruppen oder Einzelne liegen genauso auf dem Boden. Der Anblick ist so schrecklich, dass sogar die SS-Eskorte die Urheber verrät: Volkssturm oder Zivilgarden: Gruppen zum Teil aus Männern des Dorfes Glaubitz. Die blutigen Körper werden aufgesammelt und in einem Massengrab begraben." Der Schilderung zufolge kann es sich dabei um die Stelle am Birkenteich handeln, wo heute der dreieckige Gedenkstein steht.   

Das ist der Weg zum Ehrenhain mitten im Glaubitzer Wald. Womöglich fand hier oder in der Nähe ein Massaker statt.
Das ist der Weg zum Ehrenhain mitten im Glaubitzer Wald. Womöglich fand hier oder in der Nähe ein Massaker statt. © Jörg Richter

Raimbault schreibt weiter: "Gegen 8:00 Uhr zwingt uns die SS, den Fußballplatz zu säubern, indem wir uns mit unseren Kleidern darüber rollen müssen, um unsere Exkremente zu beseitigen. Eine traurige Arbeit, die unsere Bewacher und die Bevölkerung, die da ist, um uns zuzuschauen, noch mehr entwertet. Wir marschieren weiter in Richtung Röderau." Der Todesmarsch überquert bei Riesa wieder die Elbe und zieht entlang des Flusses in Richtung Sahlassan, wo die KZ-Häftlinge und ihre Bewacher die nächste Nacht verbringen.

Nur 250 Überlebende

28 der Opfer wurden in Massengräbern in Streumen, 65 von ihnen in Glaubitz verscharrt, bevor der Häftlingszug sich am 20. April wieder in Bewegung setzte. Der Todesmarsch dauerte 19 weitere Tage bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 9. Mai 1945 bei Geising. Von den einst 2.400 KZ-Häftlingen, die in Leipzig gestartet waren, überlebten nur etwa 250.