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"Das war erstmal ein Schock"

Kristin Götze erfuhr vor wenigen Tagen, dass bei ihrer ersten Schwangerschaft nicht alles normal verläuft. Nun soll ihr mit einem neuen Projekt geholfen werden.

Von Sarah Herrmann
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Cahit Birdir, Oberarzt am Uniklinikum, untersucht Patientin Kristin Götze per Ultraschall. Sie bekommt eine besondere Behandlung, weil ihr ungeborenes Kind wahrscheinlich nicht richtig versorgt wird.
Cahit Birdir, Oberarzt am Uniklinikum, untersucht Patientin Kristin Götze per Ultraschall. Sie bekommt eine besondere Behandlung, weil ihr ungeborenes Kind wahrscheinlich nicht richtig versorgt wird. © René Meinig

Wie die meisten Schwangeren hatte sich auch die 26-jährige Kristin Götze auf ihre erste Untersuchung gefreut. "Ich bin mit der Erwartung hingegangen und habe auch gehofft, dass alles gut ist", sagt die Dresdnerin. Doch es kam anders. Bei der jungen Frau wurde ein erhöhtes Risiko für eine sogenannte Wachstumsretardierung festgestellt. Dabei entwickelt sich das Ungeborene nicht richtig, weil es im Mutterleib nicht ausreichend gut versorgt werden kann. "Das war natürlich erstmal ein Schock", sagt Götze. Doch die Experten von der Uniklinik Dresden gaben ihr schnell wieder neue Hoffnung - mit einem neuen Projekt, das bundesweit einmalig ist.

Zusammen mit der Uniklinik Jena hat das Dresdner Krankenhaus den sogenannten feto-neonatalen Gesundheitspfad ins Leben gerufen. Dort werden Schwangere betreut, bei denen das Risiko besteht, dass ihr Kind nicht richtig wächst. "Das ist etwas, das auch langfristig Probleme macht", sagt Professor Mario Rüdiger, Leiter des Zentrums für feto-neonatale Gesundheit. Zum Einen erhöhe die Schwangerschaftskomplikation das Risiko für eine Frühgeburt. Zum Anderen werden bei den betroffenen Kindern häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Diabetes festgestellt - oft erst im Erwachsenenalter. 

Stellt ein Frauenarzt dieses Risiko fest, können die Betroffenen jetzt am Projekt des Uniklinikums teilnehmen. Sie erhalten dort wichtige Untersuchungen kostenlos, die normalerweise von den werdenden Eltern bezahlt werden müssen. So erfolgt zwischen der elften und 14. Schwangerschaftswoche das sogenannte kombinierte Screening. Dabei werden mehrere Tests gemacht - unter anderem eine Blutentnahme und Ultraschall. "Wenn man die Ergebnisse zusammen betrachtet, kann man erkennen, ob tatsächlich ein Risiko für eine Wachstumsretardierung besteht", sagt Cahit Birdir, leitender Oberarzt für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik. 

Ist das der Fall müssen sich die Frauen einer Therapie mit Aspirin unterziehen. Dadurch kann das Risiko für eine Wachstumsretardierung gesenkt werden. In diesem Stadium der Behandlung befindet sich auch Kristin Götze gerade, die jetzt in der 13. Woche schwanger ist. In der 20. Woche muss sie erneut zur Untersuchung. Dann wird das Baby vermessen und ein sogenannter Doppler-Ultraschall durchgeführt, bei dem die Versorgung des Kindes im Mutterleib untersucht wird. "Wenn das Risiko dann immer noch vorhanden ist, sehen wir uns alle vier Wochen zur Untersuchung", sagt Birdir. Dabei wird jedes Mal überlegt, ob das Kind im Mutterleib noch gut aufgehoben ist oder bereits auf die Welt geholt werden muss.

Diese schwierige Situation müssen die Patientinnen aber nicht allein mit Frauen- und Kinderärzten durchstehen. Auch eine psychologische Betreuung ist Teil des Projekts. "Die Mitteilung des Frauenarztes, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist, löst Ängste aus", sagt Jörg Reichert, Leiter des Projektes Familiennetz an der Universitätsklinik. Dort werden Familien psychologisch betreut. "Oft hat die werdende Mutter auch Schuldgefühle. Warum können andere Mütter ihr Kind versorgen und ich nicht?" Bei solchen und anderen Fragen soll sein Team helfen. Mindestens fünfmal sucht er Kontakt zu den Patientinnen - bei Bedarf auch öfter.

Und nicht nur die Betreuung der Schwangeren ist Teil des Projektes. Wenn das Kind geboren ist, erhält auch dieses im ersten Lebensjahr kostenfrei spezielle Untersuchungen. "Wir haben in Sachsen die niedrigste Säuglingssterblichkeit weltweit", erklärt Mario Rüdiger. "Jetzt geht es darum, Voraussetzungen für ein gesundes Aufwachsen zu schaffen." Für zunächst vier Jahre wird das Projekt mit fünf Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. Ergibt die anschließende Auswertung, dass das Projekt erfolgreich ist - die betroffenen Kinder beispielsweise weniger häufig zum Arzt oder ins Krankenhaus müssen - soll das Projekt bundesweit eingeführt werden. Kristin Götze hat es schon jetzt etwas Hoffnung nach dem ersten Schock gegeben.

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