merken
PLUS Leben und Stil

Der Klimawandel verändert auch das Kernobst im Garten

Extreme Wetterereignisse führen zu Herausforderungen im Anbau. Müssen wir um unser Lieblingsobst fürchten?

Die Apfelernte hat in Sachsen begonnen. Doch Klimaprobleme lassen nicht alle Bäume so reich tragen wie hier.
Die Apfelernte hat in Sachsen begonnen. Doch Klimaprobleme lassen nicht alle Bäume so reich tragen wie hier. © Christin Klose/dpa

Von Franziska Bauer

Jahrhundertelang prägten Obstbäume unsere Landschaft. Unter den locker auf Wiesen verteilten hochstämmigen Bäumen bildeten sich artenreiche Biotope. Doch dieser Anblick hat sich gewandelt, unter dem Preisdruck des Marktes und den hohen Qualitätsansprüchen der Verbraucher. Er ist Obstplantagen gewichen, in denen kleine, leicht zu beerntende Bäume im Spalier aufgereiht sind.

Anzeige
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät

Und nun? Mit Covid-19 kam die Thematik der Triage, dem Sichten und Klassifizieren von Patienten, erneut auf. Ein Interview mit Medizinrechtsexperte Prof. Dr. Erik Hahn.

Im Esteburg Obstbauzentrum Jork haben sich deshalb mehrere Institutionen zusammengetan, um den Erwerbsobstbau mit Forschung, Beratung, Aus- und Weiterbildung zu unterstützen. „Die Auswirkungen des Klimawandels verändert den Obstanbau schleichend“, sagt Institutsleiter Karsten Klopp. Anhand von langjährigen Wetterdaten haben die Experten festgestellt, dass die Durchschnittstemperatur im Alten Land seit 1975 um 1,5 Grad gestiegen ist. Die Niederelberegion zwischen Hamburg und Cuxhaven ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas. Die Apfelbäume reagieren darauf mit einer verfrühten Blüte. Das heißt, sie blühen nicht mehr wie bisher im Mai, sondern schon im April.

„Problematisch ist dies, wenn es dann noch mal zu kalten Nächten kommt und die empfindlichen, aufgebrochenen Knospen durch Frost zerstört werden“, erklärt Klopp. Die Vegetationszeit geht zudem nicht nur früher los, sondern dauert auch länger. „Und zwar bis in den November hinein“, sagt Henryk Flachowsky, Leiter des Julius-Kühn-Fachinstituts für Züchtungsforschung in Dresden-Pillnitz. Im Unterschied zu vor 20 bis 30 Jahren würden die länger reifenden Sorten, wie der Braeburn, jetzt besser reif. „Dem Hollsteiner Cox wird es hingegen in Norddeutschland allmählich zu heiß“, erklärt Klopp. Die veränderten Bedingungen werfen somit altes Wissen über den Haufen und erfordern Anpassung und Experimentierfreudigkeit in Anbau und Pflege.

Schädlinge reagieren mit neuer Dynamik

Die Unvorhersehbarkeit von Starkregen, Frost, Hagel und Trockenperioden machen es den Obstbauern nicht leicht. Hinzu kommt, dass die Wärme die Ausbreitung von Insekten und Pilzen begünstigt. „Schädlinge reagieren mit einer neuen Dynamik, verstärktem Wachstum und schnelleren Generationenfolgen“, sagt Klopp. Ohne menschlichen Eingriff ist die schmackhafte Frucht da schnell von Larven bevölkert oder von Pilzen durchzogen.

Auch am Julius-Kühn-Fachinstitut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, wird daher an Obstbäumen geforscht. „Unser Ziel ist es, obstgenetische Ressourcen zu erhalten und gleichzeitig neue Sorten zu züchten, die mit den sich ändernden Bedingungen klarkommen“, so Flachowsky.

Im heimischen Garten wird der Apfelbaum trotz aller Unwägbarkeiten weiterhin viel und gern gepflanzt. „Apfelbäume sind mit Abstand die häufigsten Kernobstbäume in deutschen Gärten, gefolgt von Birne, Quitte und Mispel“, weiß Johannes Schmitt von der Obstbaumschule Schmitt aus dem bayerischen Poxdorf. Das Sortenspektrum sei hier im Gegensatz zum kommerziellen Anbau noch weit gefächert.

Gartenfackeln schützen vor Kälte

Schmitt sieht im Hobbygartenbereich bisher keine Notwendigkeit, das Sortenspektrum zu überdenken. Für nötig hält er hingegen Veränderungen in der Veredelung. Wer einen Obstbaum kauft, erhält eigentlich zwei Bäume unterschiedlicher Sorte in einem: Die Wurzeln stammen von einem Baum, der veredelt wurde, sie bilden die Unterlage. Stamm, Krone und Früchte stammen von einem anderen Baum und bestimmen die gewünschte Sorte. Die Wahl der passenden Unterlage wird aufgrund trockener Jahre immer entscheidender. Die Wuchsstärke muss erhöht werden, denn der Baum braucht ein größeres Wurzelvolumen, um Wasser aus tieferen Regionen besser erschließen zu können“, sagt Schmitt. Flachowsky bestätigt dies: Ist ein Baum gut im Boden verankert, kommt er auch mit wochenlangen Trockenperioden gut zurecht.

Des Weiteren rät Flachowsky, die Baumscheiden sauber zu halten und nach Möglichkeit mit Rasenschnitt und Hackschnitzeln abzudecken, um der Verdunstung mit Wasser entgegenzuwirken. Wasser ist im deutschen Obstanbau bisher kein begrenzender Faktor. Schmitt plädiert jedoch zu einem nachhaltigen Ressourcenumgang: „Bei der gezielten Nutzung von Bewässerungssäcken mit Tropfvorrichtungen, die über den Tag verteilt Wasser an die Baumscheide abgeben, geht nichts verloren.“

Weiterführende Artikel

Luftverschmutzung größte Gefahr

Luftverschmutzung größte Gefahr

Etwa jeder achte vorzeitige Todesfall in der EU ist auf Umweltfaktoren zurückführen und wäre daher vermeidbar. Es trifft vor allem Kinder, Alte und Arme.

Wohin mit den Äpfeln?

Wohin mit den Äpfeln?

Die Ernte fällt in diesem Jahr offenbar durchschnittlich aus. Die Keltereien rund um Radeberg haben dennoch gut zu tun.

Pool im Kleingarten: Was erlaubt ist - und was nicht

Pool im Kleingarten: Was erlaubt ist - und was nicht

Die meisten Kleingartenvereine tolerieren auch größere Planschbecken. In einem Verein wird aber durchgegriffen.

2020 ist kein gutes Obstjahr in Sachsen

2020 ist kein gutes Obstjahr in Sachsen

Märzfrost und Eisheilige schmälern die Obsternte in Sachsen. Bei den Erdbeeren sieht es noch gut aus, bei Kirschen nicht - und für den Rest bleibt die Hoffnung.

Schutz vor zu hoher Sonneneinstrahlung und einem Sonnenbrand der Früchte bietet der passende Standort im Halbschatten. „Kleinere Bäume können mit Planen abgedeckt werden“, erklärt Schmitt. Auch um die Bäume gegen Frühjahrsfröste zu schützen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. „In der Nähe des Baumes platzierte Gartenfackeln oder Feuerschalen schützen vor kalten Nächten. Bei kleinen Bäumen reicht ein über die Krone geworfener Flies“, sagt Schmitt. Auch eine Frostschutzberegnung mit dem Gartensprenger hält er für sinnvoll. (dpa)

Mehr zum Thema Leben und Stil