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Was ein Syrer mit der Pflegekrise zu tun hat

Adnan Alnajjar möchte gern in Deutschland arbeiten und den Pflegenotstand etwas mildern. Eine Zittauerin will ihm dabei helfen.

Adnan Alnajjar aus Syrien würde gern als Krankenpfleger in Deutschland arbeiten. Doch die Behörden verhindern das bisher.
Adnan Alnajjar aus Syrien würde gern als Krankenpfleger in Deutschland arbeiten. Doch die Behörden verhindern das bisher. ©  privat

In Deutschland mangelt es an Pflegekräften. Und das nicht erst jetzt, wie die Zittauerin Elke Müller aus eigener Erfahrung weiß. Bereits vor neun Jahren fand der ambulante Pflegedienst, bei dem sie tätig war, keine deutschen Mitarbeiter. Damals sollte eine Tschechin die Lücke füllen. Da aber ihre Berufsausbildung nicht anerkannt wurde, ging sie zurück in die Heimat. "Hier denken viele immer noch, es gibt doch genug Pflegekräfte aus Tschechien", sagt Elke Müller. Aber aufgrund der fehlenden Anerkennung kommen sie gar nicht oder wenn, gehen sie gleich in die westdeutschen Bundesländer, meint Frau Müller. 

Deshalb müsse die Suche nach Pflegekräften, findet sie, über Osteuropa hinaus ausgedehnt werden. "Das Heim in Niederoderwitz hat ja auch zahlreiche Pflegekräfte aus Albanien eingestellt, weil es auf dem deutschen Arbeitsmarkt niemanden mehr gibt", sagt Elke Müller. Da sich Pflegeberufe auf der Positivliste der Mangel- und Engpassberufe befinden, können auch Pflegefachkräfte aus Nicht-EU-Staaten in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten, teilt Daniel Boenigk, Mitarbeiter des Bundesgesundheitsministerium, in einem Antwortschreiben an Frau Müller mit. Die Zittauerin hatte sich wegen Adnan Alnajjar an den Gesundheitsminister gewandt.

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Der Syrer ist ausgebildeter Krankenpfleger und an der Uni in Aleppo tätig. Dort unterrichtet er auch Pfleger, weiß Elke Müller, die früher selbst Mentorin in der Pflegeausbildung war und nun seit über einem Jahr Rentnerin ist. Über zwei junge syrische Flüchtlinge, um die sich die Zittauerin gekümmert hat und deren Vater mit Adnans Onkel befreundet ist, entstand der Kontakt zu dem 25-Jährigen. 

Adnan Alnajjar würde gern nach Deutschland kommen, um hier als Krankenpfleger zu arbeiten. Doch das ist nicht so einfach, wie man aufgrund des Pflegekräftemangels vermuten würde. Seit eineinhalb Jahren kämpft der junge Syrer um das nötige Visum. "Zuerst gab es monatelang gar keine Termine in der deutschen Botschaft in Beirut, um überhaupt ein Arbeitsvisum beantragen zu können", berichtet Elke Müller. "Wir haben es dann mit einem Touristenvisum versucht, das ihm aber verwehrt wurde." So bemühte er sich erneut, ein Arbeitsvisum zu bekommen. Dieses hätte er ja zusammen mit dem Touristenvisum beantragen können, wenn er schon mal in der 400 Kilometer entfernten Botschaft ist. Gut gedacht, aber rechtlich nicht möglich. Und so musste er einen neuen Termin vereinbaren, was erneut Wochen kostete. Schließlich konnte er den Antrag abgeben, der aber ebenfalls abgelehnt wurde. Die Visastelle begründete dies mit der fehlenden Arbeitsmarktzulassung.

Die Anerkennungsstelle hat die Zulassung zum Arbeitsmarkt als Pfleger mit vorheriger Anschlussqualifizierung inzwischen ausgestellt. Diese Weiterbildung über eine Dauer von zwölf Monaten könnte Adnan Alnajjar im Krankenhaus Zittau absolvieren. Das hat Elke Müller für ihn in die Wege geleitet. Während der Qualifizierung in Deutschland können die ausländischen Pfleger nebenbei als Pflegehilfskraft arbeiten und Geld verdienen, um sich unter anderem auch die Weiterbildungen zu finanzieren.

Parallel zu der angebotenen Anschlussqualifizierung besteht die Möglichkeit, einen Deutschkurs für Medizin zu absolvieren, der erstmals in Zittau angeboten wird und Mitte September startet. "Er kann bereits sehr gut Deutsch", erklärt die Zittauerin. Adnans Onkel brachte es ihm bei. Der spricht selbst fließend Deutsch, weil er 20 Jahre in der DDR gelebt hatte und später noch einige Zeit für eine DDR-Firma als Dolmetscher in Syrien tätig war.

Doch das alles hängt am seidenen Faden. Denn die Botschaft erteilte dem jungen Syrer noch immer kein Visum. Stattdessen teilte sie ihm mit, dass die Bearbeitung seines Widerspruches aufgrund der hohen Anzahl der Verfahren mindestens sechs bis acht Monate dauern wird. Diese Zeit hat der 25-Jährige aber nicht. Mit seinem derzeitigen Reisepass kann er nur noch knapp drei Monate ausreisen. Einen neuen Pass wird er nicht bekommen, wie ihm die syrischen Behörden deutlich zu verstehen gegeben haben. Adnan Alnajjar würde dann zur Armee eingezogen und in den Krieg geschickt, was für ihn wahrscheinlich den Tod bedeutet. Wie real diese Gefahr ist, musste Adnans Familie erst kürzlich erfahren: 500 Meter von ihrem Wohnhaus entfernt, schlug eine Bombe der türkischen Armee ein. Am Montag gab es erneut massiven Mörsergranatenbeschuss um die Wohnungen seiner Familie und die seiner Verwandten. Ein Nachbar ist dabei ums Leben gekommen.

Auch deshalb setzt sich Elke Müller so vehement für Adnan Alnajjar ein, schreibt ans Auswärtige Amt, an den Bundesgesundheitsminister, macht Druck bei Behörden. "Es kann nicht sein, dass er so lange auf die Bearbeitung seines Verfahrens warten soll, weil es in der Botschaft an Personal fehlt", kann Elke Müller nicht verstehen. Die Antworten der Ministerien und Ämter ähneln sich meist. Entweder sei man nicht zuständig, oder man könne den Bearbeitungsprozess für ein Visum nicht beschleunigen. "So langsam weiß ich nicht mehr weiter", gibt sie sich etwas ratlos.

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