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Der Mann mit dem größten Vogel

Jochen Schumacher ist der Straußenfarmer von Helmsdorf. Er liebt seine Tiere, auch wenn er manchmal einen Tritt abkriegt.

Der Eindruck täuscht: Strauße sind keine Kuscheltiere, sagt Jochen Schumacher (38), Chef der Helmsdorfer Straußenfarm.
Der Eindruck täuscht: Strauße sind keine Kuscheltiere, sagt Jochen Schumacher (38), Chef der Helmsdorfer Straußenfarm. © Daniel Schäfer

Jochen Schumacher zieht sein Hemd hoch. Ein blauer Fleck kommt ans Licht, groß wie ein Hühnerei. "Ein Streifschuss", sagt er. Schumacher hat den Tritt vor drei Tagen eingesteckt, beim Schlachten eines jungen Hahns. Kaum auszudenken, was passiert, würde Francesco zutreten. Francesco ist der größte Zuchthahn hier, vielleicht 140 Kilo schwer, zwei Meter siebzig groß, und dazu noch hochgradig gereizt, wegen der Brutzeit. Trotzdem muss Schumacher ins Gehege. Der Sturm hat die Futterboxen umgeworfen. Er greift sich eine lange Latte aus Metall. "Sicher ist sicher."

Zaungäste unterschätzen die Gefahr

Wer von Lohmen nach Stolpen fährt, sieht sie von der Straße aus: die Savanne von Helmsdorf. Weite Wiesen, auf denen rudelweise Strauße herumspazieren. Etwa 150 Tiere hält Jochen Schumacher auf seiner Farm. Die Exoten aus Afrika erregen Neugier. Immer wieder dringen Leute auf das Privatland vor, trotz Verbotsschilder und Schranke, fahren gar quer über den Acker, um an die Gehege zu kommen. Das kann gefährlich werden, sagt Hofchef Schumacher, für die Vögel, aber auch für die Menschen. Nicht umsonst gibt es Doppelzäune. "Strauße sind keine Kuscheltiere." 

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Strauße sind wehrhaft, aber auch schreckhaft. Aufgescheuchte Tiere werden von alten Feuerwehrschläuchen leichter gestoppt als von Drahtmaschen.
Strauße sind wehrhaft, aber auch schreckhaft. Aufgescheuchte Tiere werden von alten Feuerwehrschläuchen leichter gestoppt als von Drahtmaschen. © Daniel Schäfer

Es ist vormittags gegen elf. Höchste Zeit zum Füttern. Aufgetischt wird eine Mixtur aus Gerste, Mais, Weizen, Soja, Luzerne, Mineralstoffen und Zuckerrübenschnitzeln, hergestellt von Jochen Schumachers Freundin Janine Golla im umgenutzten Betonmischer. Strauße satt zu kriegen ist ein Kraftakt. Ausgewachsene Tiere brauchen pro Tag anderthalb bis zwei Kilo Futter, dazu literweise Wasser. An heißen Tagen wird mehrfach getränkt, und manchmal sogar gebadet. Janine Golla liebt es, wenn sich die Vögel in ihren Wasserlöchern austoben. "Die finden das toll."

Das ganze Jahr im "Freilandpuff"

Die Farm verfügt aktuell über 14 Hektar Land, für die Futterproduktion - garantiert öko -, und für die Zucht. Die Strauße leben ganzjährig auf der Weide. Regen? Hagel? Schnee? "Das interessiert die wie eine sibirische Wasserstandsmeldung", sagt Janine. Die tonnenartigen Unterstände, die von weitem wie Flugzeuggaragen aussehen, sind die meiste Zeit eher Dekoration. "Da gehen die nur rein, wenn Futter drin ist."

Bis zu zwei Kilo Futter braucht ein Strauß am Tag. Die Mischung enthält verschiedene Getreidesorten, aber auch Rübenschnitzel. Dazu gibt es selbstgemachtes Heu.
Bis zu zwei Kilo Futter braucht ein Strauß am Tag. Die Mischung enthält verschiedene Getreidesorten, aber auch Rübenschnitzel. Dazu gibt es selbstgemachtes Heu. © Daniel Schäfer

Es gibt ein halbes Dutzend Weiden, auf denen sich die Jungvögel verschiedener Altersgruppen tummeln, bis sie, nach etwa 14 Monaten, schlachtreif sind. Der Hof braucht etwa hundert bis hundertzwanzig Schlachttiere im Jahr. Immer mehr davon sollen auch hier schlüpfen. Dafür gibt es die Zuchtgruppen. "Freilandpuff" sagen die Farmer im Scherz dazu. 

Der kleinste Hahn fabriziert das größte Ei

Hier lebt jeweils ein Hahn mit seinem Harem - drei bis vier Hennen. Im März schießen die Hormone ein und bleiben bis zum Spätsommer. Oder bis zum Frühherbst. Riesenhahn Francesco erlebt gerade seinen zweiten Frühling. Schnabel und Beine sind rötlich gefärbt. Mit erhobenen Flügeln und aufgesperrtem Rachen droht er Gustav, der im Nachbargatter seine Mädels nicht weniger eifrig verteidigt. Dazwischen mogelt sich Jochen Schumacher durch und platziert die Futtertröge. Die Vögel scheinen ihn schon Maß zu nehmen. Aber Schumacher hält sie mit seiner Stange auf Abstand.

Filets, Steaks, Braten, Gulasch - im neuen Hofladen der Farm gibt es Straußenfleisch in allen Varianten, so auch als Bratwurst.
Filets, Steaks, Braten, Gulasch - im neuen Hofladen der Farm gibt es Straußenfleisch in allen Varianten, so auch als Bratwurst. © Daniel Schäfer

Dann wird serviert. Rhythmisch, wie ein Vierzylinder, wandern die Köpfe der Haremsdamen in die Futterkübel, runter und hoch und wieder runter. Brutgeschäft haben die Hennen keins mehr. Das Eierlegen ist für dieses Jahr erledigt. Die Hennen schaffen jetzt zwanzig bis dreißig Eier pro Saison. Es war eine gute Saison, sagt Janine Golla. Sie ist stolz auf das Rekord-Ei, groß wie ein Kindskopf und 2.363 Gramm schwer. Nicht Champion Francesco, sondern ausgerechnet der kleinste Hahn, Timido, hat es "gebastelt". 

Zum Rührei geht's mittels Bohrmaschine

Ein Straußenei normaler Größe kostet auf der Farm Helmsdorf 25 Euro. Die Eier sind begehrt. Besonders bei Privatleuten, die gern ein Exemplar als originelles Geschenk kaufen. Es gab schon Wartezeiten von mehreren Wochen. Ein Straußenei entspricht etwa 25 bis dreißig Hühnereiern. Wer Rührei daraus machen möchte, sollte fünf bis sechs Leute zum Essen einladen, sagt Janine Golla. "Sonst schafft man das einfach nicht." Zum Öffnen empfiehlt sie eine Bohrmaschine und einen sechser Steinbohrer.  

Janine Golla präsentiert das Rekord-Ei der Saison, hier links. Es wog 2,3 Kilo. Ein normal großes Straußenei entspricht etwa 25 bis 30 Hühnereiern.
Janine Golla präsentiert das Rekord-Ei der Saison, hier links. Es wog 2,3 Kilo. Ein normal großes Straußenei entspricht etwa 25 bis 30 Hühnereiern. © Daniel Schäfer

Laufvogelhaltung ist im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge äußerst selten. Die Veterinärbehörde kennt außer Jochen Schumacher nur fünf Personen, die Strauße, Emus oder Nandus besitzen, allerdings nur dreißig bis vierzig Tiere - insgesamt. Mit der Farm in Helmsdorf hat sich Jochen Schumacher einen Traum erfüllt. Gelernt hat der 38-Jährige, der vom Rhein stammt, mal Diplom-Kaufmann. Dabei wollte er immer etwas mit Tierzucht machen, aber ohne Massenmarkt, ohne Preiskampf. So kam er, angestiftet von einen Zeitungsartikel, in der Nische der Strauße an.

Mord an der Zuchthenne bleibt ungesühnt

Wenn er sich jetzt vorstellt als der Mann mit dem größten Vogel und den dicksten Eiern, dann hat Jochen Schumacher die Lacher auf seiner Seite. Anfangs gab es weniger Grund zu lachen. Zwar hatte Schumacher geglaubt, den idealen Standort gefunden zu haben für seine Straußenzucht, genau zwischen der Großstadt Dresden und dem Touristenmagnet Elbsandstein, mit ausreichend großem und bezahlbarem Land. Doch der Hof, den er 2016 übernahm, war abgewirtschaftet  und zugemüllt. Und dann brannte auch noch das einzig intakte Gebäude ab, die Scheune. Die war noch gar nicht versichert.

Aus dem Fett der Helmsdorfer Strauße stellt eine Manufaktur aus Nordrhein-Westfalen Hautcremes, Seifen und Badebomben her.
Aus dem Fett der Helmsdorfer Strauße stellt eine Manufaktur aus Nordrhein-Westfalen Hautcremes, Seifen und Badebomben her. © Daniel Schäfer

Bittere Momente gab es einige. Der vielleicht bitterste: Vor einem Jahr schnitten Tierquäler der größten Zuchthenne des Betriebs, Tausende Euro wert, den Kopf ab. Die Täter wurden nicht gefasst. An seinem Traum hielt Jochen Schumacher stets fest. Vor Kurzem öffnete er den Hofladen, wo man nun alles vom Strauß bekommt, von der Bratwurst bis zur Badebombe. Und wer sich anmeldet, kriegt auch eine Führung durch die Helmsdorfer Savanne. Schumacher freut sich immer über Interessenten. "Die Zeit nehmen wir uns."

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