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Deutschland & Welt

Die neuen Urmenschen kamen viel früher hier an

Spektakuläre Funde in einer Höhle - und die Besiedlung Europas muss neu erzählt werden. Leipziger Forscher berichten nun erstmals darüber.

Werkzeuge, Kultur und Schmuck - die Neandertaler hatten es, die ankommenden Neumenschen ebenso, nur anders. Hier eine Neandertaler-Rekonstruktion im Museum Mettmann.
Werkzeuge, Kultur und Schmuck - die Neandertaler hatten es, die ankommenden Neumenschen ebenso, nur anders. Hier eine Neandertaler-Rekonstruktion im Museum Mettmann. © SZ/Stephan Schön

Leipzig. Die Neandertaler sind schon da. Die neuen Menschen kommen aus Afrika und Eurasien an. Soweit bekannt, nur geschah das 8.000 Jahre früher, als bislang geglaubt. Demnach kamen bereits vor 45.000 Jahren die ersten modernen Menschen ins heutige Europa.

Leipziger Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Eva) haben die Knochenreste der neuen Urmenschen datieren können. Die waren 2015 zusammen mit Steinwerkzeugen, Tierknochen und Schmuckgegenstände in der bulgarischen Karsthöhle Bacho Kiro gefunden worden. Die dort entdeckten Feuersteine stammen aus einer 180 Kilometer entfernten Region. Spitze, scharfe Klingen dienten offenbar zum Jagen und Zerlegen der Tiere.
Im Fachmagazin Nature berichten Jean-Jacques Hublin, Direktor am MPI Eva, und seine Kollegen über diese Ausgrabung und die spektakulären Analysen. Neandertaler und Neumenschen lebten demnach fast 10.000 Jahre zusammen im heutigen Europa.

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Maske auf für Leipziger Forscher! Aber nur um die Zehnttausende Jahre alten Knochenreste nicht genetisch zu verunreinigen.
Maske auf für Leipziger Forscher! Aber nur um die Zehnttausende Jahre alten Knochenreste nicht genetisch zu verunreinigen. © Tsenka Tsanova, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Die ersten Neumenschen brachten ihre eigenen Fertigkeiten und eine andere Kultur mit. Verhaltensweisen von Neandertalern und Neumenschen vermischten sich, sie beeinflussten sich gegenseitig. Nicht nur das. Einige Gene in unserem heutigen Erbgut verraten mehr: Beide Menschenarten hatten Sex, und sie zeugten gemeinsame Nachkommen.Mit Ausnahme eines menschlichen Zahns waren die menschlichen Fossilien zu fragmentiert in winzige Bruchstücke, als dass man sie anhand ihres Aussehens hätte identifizieren können. Stattdessen wurden sie mittels Analyse ihrer Proteinsequenzen identifiziert.

„Die meisten Knochen aus dem Pleistozän sind so stark fragmentiert, dass man mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann, zu welcher Tierart sie gehören", sagt Frido Welker, Postdoc-Forscher an der Universität Kopenhagen und assoziierter Forscher am Max-Planck-Institut." Proteine unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Abfolge ihrer Aminosäuren geringfügig von Tierart zu Tierart. Mit Hilfe der Protein-Massenspektrometrie können dei Forscher daher schnell diejenigen Knochenproben finden, die sonst nicht als menschliche Knochen erkennbar sind.

Steinartefakte aus dem frühen Jungpaläolithikum (IUP) aus der Bacho-Kiro-Höhle: 1-3, 5-7 spitze Klingen und Fragmente; 4 Sandsteinperle, deren Gestalt Knochenperlen ähnelt; 8 die längste vollständige Klinge.
Steinartefakte aus dem frühen Jungpaläolithikum (IUP) aus der Bacho-Kiro-Höhle: 1-3, 5-7 spitze Klingen und Fragmente; 4 Sandsteinperle, deren Gestalt Knochenperlen ähnelt; 8 die längste vollständige Klinge. © Tsenka Tsanova, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Um das Alter dieser Fossilien und die Ablagerungen in der Bacho-Kiro-Höhle zu ermitteln, arbeitete das Team eng mit Lukas Wacker von der ETH Zürich zusammen. Dabei wurde ein Beschleuniger-Massenspektrometer eingesetzt, um mit höherer Präzision als gewöhnlich das Alter der menschlichen Knochen direkt zu datieren.

Der Homo sapiens bewohnte diese  Höhle  im Zeitraum von vor 45.820 bis 43.650 Jahren, sagt Helen Fewlass vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Und möglicherweise sogar bereits vor 46.940 Jahren.“

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Eine der Grabungsleiterinnen, Tsenka Tsanova aus der Abteilung für Humanevolutionam Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, entnimmt Sedimentproben für die DNA-Analyse.
Eine der Grabungsleiterinnen, Tsenka Tsanova aus der Abteilung für Humanevolutionam Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, entnimmt Sedimentproben für die DNA-Analyse. © Nikolay Zahariev, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

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