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Meißen

Der unbekannte Meister

Ein Gauernitzer möchte sein Talent noch so lange wie möglich nutzen. Dabei trotzt er seiner Krankheit.

Der Gauernitzer Andreas Fröhlich, Dachdecker und Berufsschullehrer, hat sein Talent als Maler wieder entdeckt. Wie lange er seiner Leidenschaft noch nachgehen kann, ist fraglich. Bis seine Hände versagen, will er noch ganz viel schaffen.
Der Gauernitzer Andreas Fröhlich, Dachdecker und Berufsschullehrer, hat sein Talent als Maler wieder entdeckt. Wie lange er seiner Leidenschaft noch nachgehen kann, ist fraglich. Bis seine Hände versagen, will er noch ganz viel schaffen. © Uta Büttner

Klipphausen. Bis tief in die Nacht brennt Licht im Dachgeschoss seines Gauernitzer Hauses. Viele Einwohner fragten sich bereits, was der Jungrentner Andreas Fröhlich immer so lange macht. Jetzt hat der 66-jährige Dachdeckermeister und Berufsschullehrer sein Geheimnis gelüftet. Was in unzähligen Stunden entstanden ist, verschlägt einem den Atem. 

Wahnsinn, diese Details. Die filigranen Pinselstriche. Fast fotografisch. Stillleben, Segelschiffe oder Frauenbildnis. Jedes Ölgemälde fasziniert. Kaum zu glauben, dass diese Bilder von einem Mann gemalt wurden, der seit vier Jahren an Parkinson leidet. „Ich muss zusehen, dass ich noch ein paar Bilder auf die Leinwand bekomme, so lange es noch geht“, sagt Andreas Fröhlich. 

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„Man kann sich in seine Krankheit hineinsteigern und mit seinem Schicksal hadern oder aber, man ignoriert die Krankheit. Macht sie nicht zum Lebensmittelpunkt.“ Solange es seine zitternden Hände noch zulassen, will der Hobbymaler nicht ruhen. Sein Anspruch an seine Bilder bleibt hoch.

Inzwischen sind seit 2012 mehr als 100 Bilder entstanden. Eine wiederentdeckte Leidenschaft. Als Kind habe er gern hin und wieder gemalt. Doch kein einziges Bild aus dieser Zeit existiert noch. „Ich habe sie alle an Schulfreunde verschenkt.“ Eine künstlerische Karriere einzugehen, daran dachte Fröhlich nie. „Ich habe lieber einen ordentlichen Beruf gelernt“, sagt er lachend.

Erst der Beharrlichkeit seiner Frau und einem gebuchten Malkurs habe er es zu verdanken, dass er sein fast vergessenes Talent entfaltete. Besonders Freude und Inspiration geben dem Künstler die Malkurse bei Dieter Klotzsche, einem ehemaligen Porzellanmaler. Der Austausch mit anderen Malschülern, die Anerkennung und auch Kritik helfen Fröhlich, sich weiter zu entwickeln.

Die Motive für seine Bilder hat er im Kopf. Inspirieren lässt er sich von allem Möglichen. Die Segelschiffe zum Beispiel faszinieren ihn schon seit seiner Jugend. Kleine Modelle hatte er schon gebastelt. Und auch die Bilderrahmen baut er selbst. In seiner Holzwerkstatt.

 Aber auch viele andere Dinge entstehen dort. So zum Beispiel Laternen. Ein Bild fällt fast ein wenig aus dem Rahmen – ein Frauenbildnis in Dessous und Strümpfen. Seine Ehefrau ist es nicht. Auf die Frage, wer Modell gestanden hat, antwortet der Künstler verschmitzt: „Das bleibt ein Geheimnis.“

In den vergangenen sieben Jahren sind auch viele Bilder vom Gauernitzer Umland entstanden. Meißen, seine Geburtsstadt, ist ebenso vertreten. Auf dem Bild mit den Roten Stufen ist sein Geburtshaus zu sehen.

Heute kann sich der Maler – anders als in Kindheitstagen – kaum noch von seinen Werken trennen. „Ich kann sie nicht hergeben. Da steckt mein ganzes Herzblut drin. Ich möchte Freude schenken. Und die ist unbezahlbar.“ Aufträge zum Nachmalen des einen oder anderen Bildes nimmt er dennoch entgegen. Doch nur ganz, ganz selten.

Die Leute sollen sich einfach nur an seinen Kunstwerken erfreuen. Deshalb hatte sich der Hobbymaler auch Mitte Juni zu einer kleinen Ausstellung in seinem Garten entschieden. Dort kam es zu einer Begegnung, die der Gauernitzer nie vergessen wird. 

Eine 79-jährige Frau aus Dresden, zu Besuch bei Verwandten, kam durch Zufall auch zu ihm. Im Dezember hatte sie ihren Mann nach jahrelanger Pflege verloren – Freude konnte sie seitdem nicht mehr empfinden. Bis zu diesem Tag bei Andreas Fröhlich: Die Witwe saß auf einer Bank im Garten, die Tränen rollten.

Freudentränen. „Ich kann mich seit Langem das erste Mal wieder freuen. Ihre Bilder sind so schön“, schluchzte sie. Andreas Fröhlich, tief berührt und ansonsten eher zurückhaltend, umarmte die für ihn bis dahin Unbekannte: „Allein deshalb hat sich dieser Tag für mich gelohnt.“

 Kurz darauf brachte der Hobbymaler eins seiner Bilder, das der Dresdnerin so sehr gefallen hatte, zu deren Verwandten. Eigentlich wollte er das Bild mit den blauen Kornblumen auf einem gelb-orangefarbenen Hintergrund nachmalen. „Ich weiß aber nicht, ob und bis wann ich das schaffe. Ich möchte, dass Ihre Mutter das Bild jetzt schon bekommt.“

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