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Der unwillkommene Besucher

Die Wirtschaft brummt, trotzdem machen viele Schulden. Gerichtsvollzieher müssen ran. Ein Außendienst in Heidenau.

Über diesen Besuch freut sich wohl keiner. Aber das gehört zum Job, sagt der Pirnaer Obergerichtsvollzieher Berndt Wilisch.
Über diesen Besuch freut sich wohl keiner. Aber das gehört zum Job, sagt der Pirnaer Obergerichtsvollzieher Berndt Wilisch. © Daniel Schäfer

In seiner Einraumwohnung unterm Dach eines Heidenauer Mietshauses sitzt Uwe in einem abgewetzten Sessel. Uwe ist nicht sein echter Name. Aber die Geschichte seines Absturzes ist echt. Zu neunundneunzig Prozent war es seine eigene Schuld, sagt er. Im Handel hatte er sich selbstständig gemacht, wollte was erreichen, mit Arbeit rund um die Uhr. Er drehte das große Rad, importierte Sachen von sonst woher, nahm Kredite auf, bezahlte mal hier Zehntausend, mal da Zehntausend, für irgendwas. „Du verlierst den Bezug zum Geld“, sagt Uwe, „und denkst, du bist der Größte.“ Jetzt hat er eine Viertelmillion Schulden und der Gerichtsvollzieher sitzt auf der Sofaecke. Auftrag: Zwangsvollstreckung.

Obwohl die Wirtschaft brummt und die Arbeitslosenzahlen der Vollbeschäftigung entgegen sinken, ist Schulden machen an der Tagesordnung. Die Schuldnerquote im Landkreis stieg während der letzten sechs Jahre von 7,4 auf 8,3 Prozent. Gläubiger haben 2018 in gut 15 400 Fällen die Zwangsvollstreckung beauftragt, also das Eintreiben ihrer Außenstände mittels Staatsgewalt. Zur Erledigung schicken die Amtsgerichte in Pirna und Dippoldiswalde ihre Gerichtsvollzieher los. Elf solche Spezialbeamten sind im Kreis aktiv. Gemessen am Bedarf, so heißt es aus den Gerichten, würden zweieinhalb Stellen mehr gebraucht.

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Berndt Wilisch, 62, Obergerichtsvollzieher, ist zuständig für Heidenau und Großsedlitz. Ein eher zierlicher Mann mit Pferdeschwanz, dessen Berliner Wiege ein wenig mitschwingt, wenn er redet. Seit 25 Jahren macht er den Job, zwanzig davon in seinem jetzigen Bezirk. Mittlerweile grüßen ihn die Schuldner. Er kennt seine Pappenheimer. Dass er dem gescheiterten Firmenchef Uwe geduldig zuhört, ist trotzdem nicht die Regel. Für die Geschichten seiner Kundschaft bleibt kaum Zeit. Unten, im Wagen, liegen noch neunzehn Akten. Der Außendienst hat gerade erst begonnen.

Bei Uwe geht es heute um 500 Euro Elterngeld, die das Jugendamt zurückhaben will. Obwohl er Arbeit hat, kann Uwe das Geld nicht gleich aufbringen. Bares im Haus? 20 Euro. Die braucht er zum Leben. Zu pfänden aber gibt es nichts zwischen Küchenzeile, Bett und Wäschetrockner. Zwangsvollstreckung gescheitert, notiert Wilisch. Aber Uwe will Raten zahlen, aus der nächsten Lohntüte gleich hundert Euro. Der Gerichtsvollzieher nickt. Ein paar Formalitäten noch, dann steht er schon wieder im Treppenhaus.

Uwe ist kein Einzelfall, sagt Berndt Wilisch. Dass sich Gründer durch Blauäugigkeit in den Ruin stürzen, hört er öfters. Bilanzen, Rechnungsführung, Steuersachen – damit haben selbst Profis ihre Schwierigkeiten. Über die Ratenzahlung freut er sich. Der Aufschwung bringt ein bisschen mehr Geld ins Land. Allerdings, das ist sein Gefühl, nicht unbedingt nach Heidenau. Zwar hat er voriges Jahr fast 240 000 Euro eingenommen. Generell aber, sagt er, ist er im Landkreis wohl derjenige, der am wenigsten Geld auftreiben kann.

Die nächste Tür, an der Wilisch klingelt, gehört zu einem Wohnblock. Hier hat jemand 180 Euro Garagenmiete nicht bezahlt. Die Tür aber bleibt zu. Wilisch nimmt es hin. So ist es meistens. Entweder die Leute sind wirklich nicht da, oder sie wollen nicht da sein. Er steckt einen Zettel in den Briefkasten. Wird binnen dreier Wochen nicht reagiert, muss das Vermögen offengelegt werden. Passiert wieder nichts, droht die Pfändung von Konto, Mietkaution oder Teilen des Lohnes. Als Ultima Ratio rückt Wilisch mit dem Haftbefehl und der Polizei an. Sechs Monate Gefängnis sind drin, um den Offenbarungseid zu erzwingen. Wilisch hat noch keinen erlebt, der das ausgereizt hätte. Spätestens nach dem dritten Tag sind die Schuldner eingeknickt.

Nächstes Haus. Wieder Mietschulden, ursprünglich 2 500 Deutsche Mark, mittlerweile, mit allen Spesen, angewachsen auf fast 4 000 Euro. Die zwei Jahre, die der Offenbarungseid gilt, sind rum. Wilisch will die Wohnung auf Wertvolles prüfen, das er pfänden könnte. Doch auch hier keine Regung. Per Zetteleinwurf zitiert Wilisch den Mann in sein Büro, den Offenbarungseid zu erneuern. Der Erfahrung nach wird er kommen, was eine Ausnahme wäre. Etwa siebzig Prozent der Termine, schätzt Wilisch, werden erst mal ignoriert.

Wieder eine Treppe bis unters Dach, wieder ein alter Bekannter des Gerichtsvollziehers. Der Rentner, nennen wir ihn Jürgen, hat Raten für ein neues Auto nicht gezahlt. Summa summarum 9 000 Euro. Er führt den Besuch ins geräumige Wohnzimmer. Nein, Geld hat er noch immer keins. Alles hier gehört seiner Partnerin, sagt er zu Wilisch. „Die hält mich am Leben.“ Also wieder nichts mit Pfändung. Auch Jürgen war einmal Unternehmer, in der Baubranche. Er machte mit den falschen Leuten Geschäfte. Als es eng wurde für seine Firma, hat er den Kauf des neuen Autos abgesagt, erzählt er. Aber nur mündlich. So liefen die Schulden auf, die er nun mit sich herumschleppt, wahrscheinlich bis ans Ende seiner Tage. Durch eigene Dummheit, sagt er. „Ich bin viel zu gutgläubig.“

Die Waffe des Gerichtsvollziehers: das Pfandsiegel.
Die Waffe des Gerichtsvollziehers: das Pfandsiegel. © Daniel Schäfer

Menschen wie Uwe und Jürgen, die ihre Fehler zugeben, denen Schulden peinlich sind, kennt Berndt Wilisch nicht allzu viele. Dafür kennt er umso mehr „Notorische“, für die Einkaufen ohne zu bezahlen normal ist. Es geht um teure Handys, um teure Klamotten, letztlich um Selbstdarstellung, sagt er. Manche hätten ihr ganzes Leben auf dieser Masche aufgebaut. Zehn bis 15 Prozent seiner Kunden sortiert Wilisch in diese Kategorie ein. Die schwierigsten Fälle aber sind die Reichsbürger, für die der Staat, dem Gerichtsvollzieher Wilisch dient, gar nicht existiert. Vier Personen dieses Schlages hat er im Bezirk, Tendenz steigend. „Zu denen gehe ich nur noch mit der Polizei.“

Berndt Wilisch kurvt von Tür zu Tür: Mehrfamilienhäuser, Großblocks, Hinterhöfe. Immer dasselbe: Klingeln, Schweigen, Zettel in die Post. In manchem Haus hat er fast jeden Briefkasten schon einmal bestückt. Stört es ihn nicht, derart unwillkommen zu sein? „Das ist mein Job“, sagt er trocken. Dafür fühlt er sich bei der Arbeit frei. Die Freiheit erinnert ihn ein wenig an sein früheres Leben, das er als Funker auf Frachtern der Deutschen Seereederei verbrachte. Außer Amerika und Australien hat er so ziemlich alles gesehen von der Welt. „Schöne Zeiten waren das.“

Neue Tür, neues Glück. Tatsächlich geht der Summer. Frau D. sieht etwas derangiert aus, wirkt aber nett. 100 Euro Bußgeld von der Stadt Dresden. „Was machen wir damit?“, fragt Berndt Wilisch. Das weiß Frau D. auch nicht. Sie kriegt Hartz IV, lebt momentan von Kumpels. In bar hat sie eins fünfzig da. Die darf sie behalten. Offenbarungseid ist nicht beantragt. So bleibt Wilisch nur der gute Rat: „Behalten Sie die Sache im Hinterkopf, sonst bin ich in einem Jahr wieder da.“ Frau D. verspricht es und bringt ihn zur Tür. Auf ihrem Pulli steht ein lustig gemeinter Spruch. Er passt irgendwie zum Anlass: „Einen Scheiß muss ich!“

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/pirna und in unseren anderen Online-Ausgaben für Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz vorbei.

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