merken
PLUS Görlitz

Als Tausende nach Görlitz geradelt sind

Der Bundestag deutscher Radfahrer gestaltete sich im Jahr 1910 zu einem Volksfest von ungeahnter Begeisterung.

Der Festumzug zeigte nicht nur Radfahrer.
Der Festumzug zeigte nicht nur Radfahrer. © Sammlung Ronald M. Schulz

Als vor hundert Jahren im August der Deutsche Radfahrer- Bund seinen 27. Bundestag in Görlitz durchführte, war das für die Neißestadt ein, wenn nicht bis heute der größte Höhepunkt in der regionalen Radsportgeschichte. Immerhin waren damals Begeisterte des Radsportes aus allen Teilen Deutschlands zu Gast. Lange vorher schon war deshalb ein Organisationskomitee gegründet worden, das unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Snay stand. Da die Übernachtungskapazitäten bei weitem nicht ausreichten, folgte die Bevölkerung einem Aufruf, Privatquartiere für die Radsportler bereitzustellen. Über 14.000 Betten standen schließlich bereit, und die Presse jubelte: „Mit 62 statt 37 Vereinen im Vorjahr ist die Beteiligung am Görlitzer Bundestag höher als 1909 in München!“

Aus 16 Entwürfen von Künstlern musste das Festplakat gewählt werden – geschaffen vom Görlitzer Kunstmaler Edmund Bautz. Das Eintreffen der Fahrer wurde am Bahnhof von dicht gedrängt stehenden Görlitzern und mehreren Kapellen begleitet, darunter sogar ein Regimentsorchester aus Österreich. Ganz Görlitz war geschmückt, auch die Händler widmeten ihre Schaufenster komplett Darstellungen mit Fahrrädern. Jeder Festteilnehmer erhielt ein gestaltetes Abzeichen, jeder anreisende Verein ein großes Ehrenbanner. Neben den Erfahrungsaustauschen, Vorträgen und Diskussionen war das offizielle sportliche Programm enorm. Kunst- und Reigenfahren wurde auf dem Parkett der Stadthalle in mehreren Durchgängen ausgeführt, es gab Wettbewerbe im Rasen-Polo und Radball sowie ein mit Spannung erwartetes 100-Kilometer-Mannschaftsrennen Görlitz – Bunzlau (Boleslawiec) und zurück. Dazu gesellten sich umfangreiche kulturelle Angebote, allen voran dutzende Militär- und Platzkonzerte.

Anzeige
Kompetenz in der Vermögensbetreuung
Kompetenz in der Vermögensbetreuung

Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Alle Vereine bei Umzug dabei

Ein prächtiger Festumzug zog die Bevölkerung in ihren Bann. An diesem Korso nahmen alle Vereine teil, angeführt von Herolden zu Pferde und immer wieder aufgelockert von Musikkorps, glanzvoll gestalteten Festwagen und Fahnenträgern. Auch ein Schmuckkorso von Motorradfahrern erwies den Pedalrittern die Referenz. Am Sonntag, dem 7. August 1910, 11 Uhr, setzte sich der Umzug in Bewegung. „Ganz Görlitz hallte stundenlang von den All-Heil-Rufen des staunenden Publikums wider“, hieß es in einem Bericht. Die Euphorie hatte durchaus auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Denn das Großereignis spülte ordentlich Gewinn in die Kassen von Wirten und Kaufleuten, selbst Flickzeug für Fahrradreifen war wohl kurzzeitig ausverkauft – weil viele Teilnehmer auch noch nicht die Tücken der damaligen Straßenbahnschienen kennengelernt hatten.

Absoluter Höhepunkt war am Montag ein Neißefest, bei dem sich Radler und Bevölkerung zum gemeinsamen Abschluss trafen. 5.500 Lampions an den Ufern und weitere Laternen auf allen Booten erhellten die Neiße zwischen Obermühle und Eiskellerbaude. Die Kapellen spielten noch einmal auf, der Eisenbahn-Viadukt erstrahlte „im bengalischen Licht“, und eine Spezialfirma aus Hamburg bot den Görlitzern ein Riesen-Feuerwerk. Es begann um 22.30 Uhr von der Neißeinsel aus und endete mit einem Parallelzünden von 200 verschiedenfarbigen großen Raketen. Die Görlitzer sprachen noch wochenlang von diesem Ereignis, dem auch das Wetter hold war. Denn am Beginn des 27. Bundestages, drei Tage zuvor, standen alle Gäste des Deutschen Radfahrer-Bundes in Görlitz noch stundenlang im strömenden Regen.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz