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Die eiskalte Ehefrau

Hayet Kaubisch soll 2011 ihren Mann getötet haben. Seither sucht die Polizei sie. Verurteilt wurde inzwischen ein anderer. Teil 1 der Serie "Fahndungsakte Sachsen".

© Polizei Sachsen, stock.adobe.com © dnz

Von Thomas Schade

Es läuft nicht mehr gut zwischen Michael Kaubisch und seiner Frau Hayet im Sommer 2011. Der 51-Jährige ist erwerbsunfähig, bezieht eine kleine Rente und jobbt hin und wieder in einem Chemnitzer Autohandel. Dort hat er im Jahr zuvor die 28-jährige Frau kennengelernt, eine äußerst attraktive Tunesierin, die seit einiger Zeit in Deutschland lebt. Sie interessiert sich für den fast doppelt so alten, alleinstehenden Mann mit dem eher bescheidenen Einkommen. Es dürfte Michael Kaubisch geschmeichelt haben, dass Hayet Boughanmi, wie die junge Frau mit Mädchennamen heißt, vorschlägt zu heiraten.

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Beide gehen schon bald zum Standesamt und leben fortan in seiner Genossenschaftswohnung in der Senefelderstraße, gleich neben der Lutherkirche in Chemnitz. Eine Wohnung, in der es später zu einem Verbrechen kommt, das die sächsische Polizei bis heute beschäftigt.

Wenn es tatsächlich ein junges Eheglück zwischen dem EU-Rentner und der Tunesierin mit dem Piercing an der linken Augenbraue gegeben hat, so war es wohl von kurzer Dauer. Denn bald lernt Hayet, die jetzt auch Kaubisch heißt, in Dresden einen jüngeren Mann kennen: den 41-jährigen Ahmed I., einen Algerier, der als Asylbewerber in Dresden lebt und angeblich Goldschmied von Beruf ist. Er trägt kurzes, dunkles Haar, einen gepflegten Bart und meist ein Basecap. Trotz seiner Geheimratsecken sieht er jünger aus und passt viel eher zu der attraktiven Tunesierin. Sie ist bald öfter in Dresden als bei ihrem Ehemann. Nach einiger Zeit bringt sie Ahmed I. mit nach Chemnitz und stellt ihn Michael Kaubisch als ihren Bruder vor. Doch diese Lüge kann sie nicht lange aufrechterhalten. Dennoch geht der andere Mann bald ein und aus in der Wohnung. Das passt dem arglosen Ehemann gar nicht. Es kommt zu Konflikten, die auch Nachbarn und Bekannten nicht verborgen bleiben. Man rät dem EU-Rentner, sich von seiner Frau zu trennen.

Nach einem Jahr reift bei Michael Kaubisch wohl der Gedanke, seine junge Frau wieder zu verlassen. Er hat längst begriffen, dass der jüngere Mann nicht ihr Bruder, sondern ihr Liebhaber ist. Die Tunesierin erfährt von diesen Absichten. Sie erkennt schnell, dass eine Scheidung ihren dauerhaften Aufenthalt in Deutschland gefährden würde. Nur verheiratet kann sie in der Bundesrepublik leben – oder als Witwe eines deutschen Ehemannes.

Landgericht Chemnitz, November 2014: Ahmed I. wird zu neun Jahren Haft verurteilt. Er war der Geliebte von Hayet Kaubisch.
Landgericht Chemnitz, November 2014: Ahmed I. wird zu neun Jahren Haft verurteilt. Er war der Geliebte von Hayet Kaubisch. © haertelpress

Am Vormittag des 29. September 2011, einem Donnerstag, wird der Rettungsdienst in die Senefelderstraße gerufen. Hayet Kaubisch steht vor der ehelichen Wohnung und behauptet, sie könne die Tür nicht aufschließen. Rettungssanitäter versuchen, über den Balkon in die Wohnung zu kommen. Dabei stellen sie fest, dass die Balkontür aufgehebelt ist. In der Wohnung liegt Michael Kaubisch in seinem Blut. Wie die Rechtsmediziner feststellen, wurde der 51-Jährige offensichtlich am Vortag mit mehr als 50 Messerstichen getötet.

Die Ehefrau des Toten ist sofort eine wichtige Zeugin. Anwohnern erzählen der Polizei von der seltsamen Dreiecksbeziehung, in der ein weiterer Mann in der Wohnung ein- und ausging. Doch Ahmed I. ist nicht mehr zu finden, weder in Dresden, noch anderswo. Und Hayet Kaubisch verhält sich merkwürdig. Sie erscheint nicht zur Beerdigung ihres Mannes, hebt aber Geld von seinem Konto ab. Schon bei den ersten Vernehmungen verstrickt sie sich in Widersprüche. Sie sei wegen eines Streits in der Nacht nach dem Mord nicht zu Hause gewesen, sagt sie. Vom Tod ihres Mannes habe sie erst von der Polizei erfahren. Sie bestreitet, dass Ahmed I. ihr Geliebter ist, er sei nur ein Geschäftsfreund ihres Mannes gewesen. Doch Michael Kaubisch war gar kein Geschäftsmann. Schnell werden die Ermittler skeptisch.

Hayet Kaubisch geht nicht mehr ans Handy, wenn Mitarbeiter der Chemnitzer Mordkommission anrufen. Sie und Ahmed I. werden kurz nach der Tat noch in Dresden gesehen. Danach verliert sich ihre Spur. Sie haben sich vermutlich ins Ausland abgesetzt. Es ist mittlerweile Dezember 2011, als das Amtsgericht Chemnitz Haftbefehl gegen den Algerier und die Tunesierin erlässt.

In der Mordkommission dürfte man sich zu diesem Zeitpunkt schon ärgern, dass die Haftbefehle nicht eher beantragt wurden. Denn inzwischen gibt es einen weiteren Hinweis darauf, dass das Pärchen mit dem Tod des Mannes aus Chemnitz zu tun hat. Unter der Leiche haben Kriminaltechniker eine Halskette gefunden. Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass Hayet Kaubisch diese Kette zuletzt getragen hat. Die junge Frau hatte das Schmuckstück vermutlich bei der Tat verloren.

Kriminaltechniker untersuchen den Balkon der Wohnung in der Senefelderstraße in Chemnitz, wo Michael Kaubisch tot gefunden wurde.
Kriminaltechniker untersuchen den Balkon der Wohnung in der Senefelderstraße in Chemnitz, wo Michael Kaubisch tot gefunden wurde. © haertelpress

So stehen die Tunesierin und der Algerier zunächst fast zwei Jahre lang gemeinsam auf der Fahndungsliste des Landeskriminalamtes, gelten gewissermaßen als Bonnie und Clyde aus Sachsen. Der für Gewaltverbrechen zuständige Chemnitzer Oberstaatsanwalt Bernd Vogel spricht von einer „eiskalten, skrupellosen und intelligenten Frau“, wenn er von Hayet Kaubisch spricht. Ihre Ehe mit Michael Kaubisch wird im Verlauf der Ermittlungen als reine Scheinehe eingeordnet, die nur dazu dienen sollte, der Tunesierin einen dauerhaften Aufenthalt zu sichern. Da sie dieses Privileg mit einer Scheidung verloren hätte, sehen die Ermittler darin auch das Motiv für die Tat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die zwei Tatverdächtigen den 51-Jährigen gemeinsam getötet haben. Gerichtsmediziner sind zu dem Ergebnis gekommen, dass bei der Tat, die ausgesprochen brutal verübt wurde, zwei Messer benutzt wurden. Ein Indiz dafür, dass es auch zwei Täter waren.

Etwa zwei Jahre nach dem Mord, im Mai 2013, nimmt die Polizei in Oslo einen Mann wegen kleiner Drogendelikte fest. Er nennt sich Rezk Fayez und besitzt einen Pass, der ihn als Ägypter ausweist. Wie die norwegische Zeitung Verdens Gang damals berichtete, hat die Polizei Zweifel an der Echtheit der Papiere und stellt fest, dass damit eine falsche Identität vorgetäuscht werden soll. Ein Vergleich der Fingerabdrücke mit den internationalen Datenbanken habe schließlich die tatsächliche Identität des Verdächtigen offenbart. Die Norweger haben Ahmed I. festgenommen und erfahren von dem Haftbefehl gegen ihn. Er wird nach Abschluss des Verfahrens in Norwegen nach Sachsen ausgeliefert.

Eine Tat aus Liebe

Hier macht ihm das Landgericht Chemnitz fast drei Jahre nach der Tat den Prozess. Von Hayet Kaubisch fehlt indes immer noch jede Spur. Der Prozess beginnt im Juli 2014. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, dass er mit einem Messer von 17 Zentimeter Klingenlänge 53-mal auf Kopf, Hals, Rumpf und Gliedmaßen des Opfers eingestochen habe. Michael Kaubisch sei daraufhin verblutet. Der Angeklagte schweigt zu dem Vorwurf. Die Beweisaufnahme zieht sich über Monate hin, denn es handelt sich um einen Indizienprozess. Ahmed I. beteuert, er sei zum Zeitpunkt der Tat nicht in der Wohnung gewesen. Hayet Kaubisch habe ihn angerufen und gebeten, ihre Kette aus der Wohnung zu holen. Daraufhin sei er über den Balkon in die verschlossene Wohnung eingebrochen, um die Halskette zu holen, er habe sie aber nicht gefunden. So fordern die Verteidiger, den Angeklagten freizusprechen, weil ihm die Tat nicht nachzuweisen sei.

Doch am 27. November 2014 folgt die Schwurgerichtskammer jedoch dem Antrag der Staatsanwaltschaft und spricht Ahemd I. des Totschlags schuldig. Er wird zu neun Jahren Haft verurteilt. Die Kette der Indizien sei zu eng, um Zweifel an der Täterschaft zu begründen, so die Vorsitzende Richterin Simone Herberger bei der Verkündung des Urteils. Der Angeklagte habe „aus Liebe zu der Frau gehandelt. Ohne die Frau hätte er die Tat nicht begangen“.

Diese Frau, Hayet Kaubisch, steht weiterhin auf der Liste der meistgesuchten Straftäter in Sachsen. Immer noch werde weltweit nach ihr gefahndet, so die Chemnitzer Staatsanwaltschaft auf eine aktuelle Anfrage. Zeitweilig hätten auch Zielfahnder des LKA nach ihr gesucht, aber ohne Erfolg. Wo sie sich aufhält, was sie macht, ob und wie sie an der Tat beteiligt war, das ist auch neun Jahre nach der Tat unklar.

+++ Hinweise gesucht +++

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Wer hat die Tatverdächtige nach dem 28.9.2011 gesehen? Wer kann Hinweise zum derzeitigen Aufenthaltsort der Gesuchten geben? Hinweise bitte an die:

Polizeidirektion Chemnitz
Kriminalpolizeiinspektion
09130 Chemnitz, Hainstraße 142
Telefon: +49 (0)371 387-3445
oder an jede andere Polizeidienststelle.

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