merken
PLUS

Sport

Die Friedensfahrt im Schatten der Katastrophe

Trotz des Unglücks in Tschernobyl startet die Friedensfahrt 1986 in Kiew – für die DDR-Sportler gibt es keine Diskussion.

Nur zehn Tage nach der Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl gehen 64 Radrennfahrer im 100 Kilometer entfernten Kiew an den Start. Am Straßenrand stehen die Zuschauer dicht gedrängt.
Nur zehn Tage nach der Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl gehen 64 Radrennfahrer im 100 Kilometer entfernten Kiew an den Start. Am Straßenrand stehen die Zuschauer dicht gedrängt. © Ullstein

Es ist der 26. April 1986, 1.23 Uhr. In der Nachtschicht wird im Atomkraftwerk Tschernobyl der Ernstfall geprobt: Stromausfall. Der Reaktor müsste weiter reibungslos funktionieren, aber der Versuch geht schief. Die Notabschaltung funktioniert nicht. Durch eine Explosion wird der 1.000 Tonnen schwere Schutzdeckel des Reaktorkerns in Block 4 gesprengt und bei der Katastrophe Experten zufolge 400-mal so viel Radioaktivität freigesetzt wie durch den Atombombenabwurf der US-Amerikaner auf Hiroshima 1945.

„Der Vorfall wurde in der Presse und auch uns gegenüber runtergespielt“, sagt Thomas Barth. Der heute 59-Jährige führte nur zehn Tage später als Kapitän die Friedensfahrt-Mannschaft der DDR an den Start: in Kiew, lediglich 100 Kilometer südlich vom Unglücksort. Die Niederländer und Belgier wollten erst ab Warschau starten. Das machte sie stutzig. Doch für die „Diplomaten im Trainingsanzug“, wie die DDR-Sportler genannt wurden, gab es keine Diskussion. Sie hatten ihre Vorbildrolle zu spielen. „Wir sollten mit unserer Teilnahme zeigen, dass die westliche Panikmache unbegründet war.“

Anzeige
Der perfekte Ort für (D)eine Ausbildung!

Das Autohaus Dresden bildet sowohl kaufmännisch als auch handwerklich aus - und kümmert sich im besonderen Maße um seine Schützlinge.

Thomas Barth war 1986 Kapitän der DDR-Mannschaft. 
Thomas Barth war 1986 Kapitän der DDR-Mannschaft.  © Archiv/ADN-ZB

Die Sowjetunion, zu der die Ukraine als Republik gehörte, spielte das Ausmaß herunter. Die Presse in der DDR folgte der Linie. Die Havarie würde von den Westmedien und „gewissen politischen Kreisen“ genutzt, „um mit Halbwahrheiten und Spekulationen die Bevölkerung in Unruhe zu versetzen“, schrieb das SED-Zentralorgan Neues Deutschland. „Die Entscheidung, in Kiew zu fahren, war auf politischer Ebene getroffen worden. Als Athleten hatten wir das nicht anzuzweifeln“, sagt Barth.

Zumal sie sich der Gefahr nicht wirklich bewusst waren. Sie seien völlig uninformiert gewesen, was Radioaktivität anstellen kann, sagte Uwe Raab, einer der sechs DDR-Starter. „Du riechst Radioaktivität ja nicht, schmeckst sie nicht, spürst sie nicht.“ Vor Ort ahnten sie jedoch, dass es dramatischer sein muss. Barth erinnert sich an skurrile Eindrücke: „Andauernd fuhren Sprühwagen durch die Straßen. Es liefen Leute mit kastenförmigen Geräten herum, sicher Geigerzähler. Und im Fernsehen wurde immer wieder darauf hingewiesen, die Schuhe vor der Wohnung abzustellen, feucht Staub zu wischen und die Kinder nicht draußen spielen zu lassen. Spätestens jetzt war uns klar, dass in Tschernobyl Radioaktivität ausgetreten sein musste.“

Neun Länder zogen ihre Mannschaften zurück, darunter die Bundesrepublik. Nur elf gingen an den Start, Frankreich und Finnland als einzige westliche Nationen. Das Starterfeld war auf 64 Teilnehmer geschrumpft. Für die DDR-Fahrer war es keine Option, abzusagen. „Das war für uns wie ein Befehl. Der Westen bezeichnete uns als Staatsamateure, was wohl abwertend klingen sollte. Es traf jedoch zu“, meint Barth. „Wir sind sehr stark gefördert worden. Gleichzeitig wurde gefordert, Leistung zu bringen. Wenn wir widersprochen hätten, wären wir für immer aus dem Rennen genommen worden.“

Sturz bei Rangelei

Es ist auch ein politischer Beschluss, dass die Friedensfahrt von ihrem traditionellen Kurs durch die DDR, Polen und die Tschechoslowakei abweicht. Im Jahr zuvor war das zum ersten Mal passiert: Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung vom Hitler-Faschismus waren nach einem Prolog in Prag drei Etappen in Moskau ausgetragen worden. Nun hatten die Partei- und Staatsführungen der sozialistischen Bruderländer Kiew als neue Station bestimmt. Ein Zurück wäre ein Eingeständnis gewesen, eine Blamage.

Stattdessen schrieb die Junge Welt, Tageszeitung der Jugendorganisation FDJ, am 6. Mai 1986: „Auf einer Pressekonferenz konnten die Organisatoren am Montag berichten, dass für den Start alles bestens gerüstet sei.“ Am Tag nach dem Prolog, den der Leipziger Uwe Ampler gewann, erschien in den Zeitungen eine lange Reportage aus der Prawda („Wahrheit“), dem sowjetischen Parteiorgan, mit der Kernaussage: Die Lage ist ernst, aber unter Kontrolle. Es gehört zu den Anekdoten, dass die Berichterstatter angewiesen wurden, nicht von „strahlenden Siegern“ zu schreiben.

Auf der dritten Etappe „Rund um Kiew“ stürzte Barth bei einer Rangelei mit dem sowjetischen Fahrer Wassili Schdanow. Außer Prellungen erlitt er einige Schürfwunden an Hüfte und Ellenbogen. Sein Gedanke: „Jetzt hast du das radioaktive Zeug im Körper.“ Untersucht wurde das nicht, und er fuhr weiter. Gemeinsam mit Ampler, der durch einen Reifenschaden zurückgefallen war, erreichte er das Ziel aber mit einigem Rückstand zu Spurtsieger Olaf Ludwig. „Danach war klar, dass wir für ihn fahren“, sagt Barth. „Ich hatte die Aufgabe, das Feld in den Bergen zusammenzuhalten. Wir haben als Kollektiv sehr gut harmoniert.“

Ludwig gewinnt sieben Etappen und die Gesamtwertung. Die Mannschaft belegt Platz zwei hinter der Sowjetunion. Man gönnt den Freunden den Erfolg, aber die blauen Trikots für das Siegerteam erscheinen für die DDR-Führung von besonderer Bedeutung. Es ist die Farbe „ihrer“ Sportler, die – wie es Barth sagt – vom Staat zu Werbezwecken gebraucht wurden. „Missbraucht habe ich mich nie gefühlt.“

Honecker schüttelt die Hand

Barth hat Erich Honecker die Hand geschüttelt und die Glückwünsche gern entgegengenommen. Mehr Aufmerksamkeit für den Radsport würde er sich heute wünschen – sowohl von der Politik als auch in den Nachrichten. Helmut Kohl und Angela Merkel seien zwar zu den Fußballern in die Kabine gegangen, aber als Maximilian Schachmann im März bei der Baskenland-Rundfahrt als Ausreißer eine Etappe gewinnt, nehme davon niemand Notiz.

Barth ist als Repräsentant für Radfirmen quer durch Deutschland unterwegs, nach wie vor gern auf dem Rad, auch wenn er scherzt: „Inzwischen gucke ich mich nach E-Bikes um.“ Sein letztes Rennen als Amateur hat er 1990 in München bestritten – zu Ehren des einstigen Radsportlers und CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß. 1992 fuhr er für das niederländische Team TVM die Tour de France. Emotional, sagt er, gebe es für ihn keinen Unterschied zur Friedensfahrt. „Die Begeisterung der Menschen am Straßenrand ist vergleichbar.“

An die Etappen in Kiew denkt Barth entspannt. Damals war seine Frau jedoch hochschwanger. Marcel wurde am 22. Mai 1986 geboren. „Da dachte ich: Bloß gut, ein Kind habe ich.“ Sein Sohn war als Radsportler 2003 deutscher Juniorenmeister.


Bisher erschienen:

Teil 1: Wie die Friedensfahrt zum Mythos wurde

Hunderttausende Zuschauer, Sieger als Volkshelden und plötzlich eine steile Wand - das Radrennen begeisterte die Massen. Die SZ erinnert an Triumphe und Tragödien.

Teil 2: Das turbulente Leben des Friedensfahrt-Ausreißers

Andreas Petermann wird mit dem Team Weltmeister über 100 Kilometer, aber bei der Friedensfahrt sorgt er allein für einen Husarenritt. Nach seiner Karriere arbeitet er auch in Marokko.

Teil 3: Die Wessis und die Friedensfahrt

Werner Stauff gelingt 1988 als viertem Fahrer der BRD ein Etappensieg – und er fragt sich danach, was er mit dem Preisgeld anfangen soll. 

Teil 4: Friedensfahrtsieger macht Millionen-Umsätze - aber nur kurz

Seine Frau sagt: Ich war ja total stolz auf ihn. Doch Hans-Joachim Hartnick ist die Popularität nach dem Triumph 1976 eher unangenehm. 


Nächste Folge: Wie Uwe Ampler an der Skisprungschanze in Harrachov alle verblüfft.