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Die Matte ist runter

Was sich am Montag bei über 100 Friseuren im Kreis Meißen abspielt. Im Selbsttest bei der Genossenschaft Charmant.

Die neue Kontur entwickelt sich unter den geschickten Friseurinnenschnitten von Meisterin Ute Schrader-Bölsche von der Genossenschaft Charmant.
Die neue Kontur entwickelt sich unter den geschickten Friseurinnenschnitten von Meisterin Ute Schrader-Bölsche von der Genossenschaft Charmant. © Norbert Millauer

Landkreis. Vorab: Keinen Test habe ich so gerne gemacht wie diesen. Vor knapp einer Woche bekam ich mit Riesenglück noch einen Friseurtermin für diesen besonderen 4. Mai. Aber nur, weil die Genossenschaft Charmant in ihren 15 Filialen im Kreis Meißen und den zweien in Dresden erst die Zeiten vergab, als auch wirklich die Bedingungen zur Wiederöffnung feststanden.

9 Uhr steht auf meinem kleinen Bestellzettel. Ich bin eine Viertelstunde früher da. Vor dem Nachbarsalon in Altkötzschenbroda stehen ein halbes Dutzend Männer. Hier geht es ohne Termin, aber mit Warten. Vier Plätze sind dort. Die Wartezeit reicht von 15 Minuten bis eine halbe Stunde – wenn die Schlange nicht zu lang wird. Leute vorm Friseur anstehen, das gab es nicht mal zu DDR-Zeiten.

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Gefühlt ein Kilo auf dem Kopf

Aber ich habe ja – mit Glück – einen Termin. Obendrein bei der Vorsitzenden der Genossenschaft, bei Ute Schrader-Bölsche. Das gab es auch noch nie: Die Friseurmeisterin öffnet die Tür und bittet mich in den Salon. Sicher sind die Frauen auch höflich, aber das Hereingeleiten ist nötig, weil eben in dem Raum nicht mehr als zwei auf dem Friseurstuhl sitzen dürfen. Einer dazwischen bleibt frei. Und ohne Tuch oder Mundschutz, auch über die Nase, würde sie mich gar nicht reinlassen.

Anstehen für die Befreiung von zu langen Haaren. Bei der Genossenschaft Charmant in Radebeul gibt es noch einen Friseur ohne Terminbuch.
Anstehen für die Befreiung von zu langen Haaren. Bei der Genossenschaft Charmant in Radebeul gibt es noch einen Friseur ohne Terminbuch. © Norbert Millauer

Die beiden Friseurinnen haben ebenfalls vorschriftsmäßig einen vorm Gesicht. Für Brillenträger nicht ohne. Weil das Glas beim Atmen beschlägt, muss die Sehhilfe immer mal nach oben geschoben werden. Noch etwas ist Pflicht: Die Haare dürfen nur nass geschnitten werden. Ich helfe der Handwerkerin und mir, indem ich den Mundschutz mit den Händen dicht vors Gesicht halte und die Bänder von den Ohren nehme. So wird das was mit dem Waschen. Mit dem Wasser im Haar wiegt die Matte gefühlt ein Kilo. Die muss runter.

Kurze Zwiesprache zwischen Ute Schrader-Bölsche und mir: Richtig kurz die Seiten. Obendrauf auch. Wer weiß, wann der nächste Termin möglich ist in Corona-Wochen. Mit einer Sprühflasche wird das Friseurbesteck – die teuren Scheren – desinfiziert. Der Umhang wird gewechselt und der Kunde, also ich, gebeten, sich am Ende mit seinen Kontaktdaten in das Buch neben dem Ausgang einzutragen. Zum Nachverfolgen der möglichen Infektionskette.

Nach jedem Kunden werden die Werkzeuge der Friseure desinfiziert. Eine der Auflagen zum Neustart.
Nach jedem Kunden werden die Werkzeuge der Friseure desinfiziert. Eine der Auflagen zum Neustart. © Norbert Millauer

Doch dass diese Nachverfolgung gebraucht wird, hofft niemand. Jetzt erst einmal liegt die Hoffnung auf einen frischen Frühlingshaarschnitt. Ute Schrader-Bölsche legt los. Gekonnt mit Maschine und Schere setzt sie an, wo die Fuseln übers Ohr und ins Gesicht gewachsen sind. Keine fünf Minuten und es ist schon eine neue Kontur zu erkennen.

Beinahe unaufhörlich klingelt das Telefon

Zwischendurch schrillt beinahe unaufhörlich das Telefon. Die Kollegin nimmt immer wieder ab. Kunden suchen noch eine Lücke in dem fast ausnahmslos über mindestens zwei Wochen gefüllten Terminkalender. Manche diskutieren auch um den Preis. Fürs Waschen, was jetzt Vorschrift ist, müssen die Friseure 2,90 Euro mehr verlangen. Für die Hygieneaufwendungen dürfen es ein bis zwei Euro mehr sein. Die Friseurinnen in der Genossenschaft Charmant haben sich auf die Mitte, auf 1,50 Euro geeinigt. Noch nicht wissend, ob das am Monatsende ausreichen wird.

Die nur begrenzte Kundenzahl, wegen des Abstandes, bringt auch etwa ein Drittel weniger Umsatz in die Kasse. Und das obwohl straff hintereinanderweg in zwei Schichten von 7.30 Uhr bis 19.30 Uhr gearbeitet wird. Zum Beispiel am Kopf eines SZ-Menschen.

Jetzt ist die Schere mit den Zacken dran. Die dicke Wolle obendrauf wird ausgedünnt. Kanten rasieren kommt danach. Noch da und dort ein wenig nachschneiden – und schon ist der neue Kopf fertig. Der Haareberg auf dem Boden ist gehörig. Was im Gesicht und im Nacken noch herumkitzelt, darf nicht wie sonst mit dem Pinsel entfernt werden. Den kann man nicht desinfizieren. Ich bekomme ein Handtuch und darf es mir selbst besorgen. Geht eben nicht anders. Noch die Frage, ob geföhnt werden soll. Nein, draußen schein die Sonne. Und der Nächste wartet schon.

Die Befreiung dauert ganze 13 Minuten

Ganze 13 Minuten hat die Befreiung von überflüssigen Haaren gedauert. Die Friseurinnen der Genossenschaft sind allesamt geübt. Da sitzen die Handgriffe und der Schnitt. Am Pult bekomme ich die Rechnung: 16 Euro wären üblich als Trockenschnitt, plus 2,90 Euro für das Waschen, plus 1,50 Euro Hygieneaufwendungen. Macht 20,40 Euro. Ich gebe 23 Euro. „Trinkgeld gibt nicht jeder“, sagt Ute Schrader-Bölsche, „manche diskutieren über die notwendigen Zuschläge.“ Aber das seien nur wenige.

Empfohlen wird das Eintragen der Daten des Kunden, damit im Notfall die Infektionskette nachverfolgbar ist.
Empfohlen wird das Eintragen der Daten des Kunden, damit im Notfall die Infektionskette nachverfolgbar ist. © Norbert Millauer

Ich trage mich brav ins Buch mit meinen Daten zum Nachverfolgen ein und bin damit gegen 9.30 Uhr bislang der Einzige, weil es freiwillig ist. Raus in die Mailuft. Die Schlange der Männer, die nebenan unter die Schere wollen, ist noch angewachsen. Ich bin glücklich. Die Matte ist runter.

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

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