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Die Pandemie versetzt uns zurück in die 50er

Mama, Mathe, Kind: In der Corona-Krise fühlen sich Frauen ins westdeutsche Rollenbild der Nachkriegszeit versetzt. Eine Mahnung zum Muttertag.

Nora Miethke ist stellvertretende Ressortleiterin Wirtschaft
Nora Miethke ist stellvertretende Ressortleiterin Wirtschaft © dpa/Montage: SZ

Soziale Distanzierung, Heimarbeit und Schule am Küchentisch – das ist alles nicht leicht. Aber es gibt auch Momente, da können Mütter lachen. Wenn sie zum Beispiel Videoschnipsel wie diesen sehen: Ein Arzt teilt einer Frau mit, sie müsse jetzt in Quarantäne wegen des Coronavirus. Es gebe zwei Möglichkeiten: „A: Sie gehen mit Ihrem Mann und Ihren zwei Kindern in Quarantäne oder…“ Die Mutter unterbricht ihn mit panischem Blick „B! B!“ In unserer Familie sorgte das für Erheiterung. Aber das Filmchen offenbart, wie sich viele der rund 370.000 Mütter mit Kindern unter 18 Jahren in Sachsen gerade fühlen – ausgelaugt.

Baden die Mütter die Corona-Krise aus? Eine Pandemie verschärft immer bestehende Ungleichheiten. Angestellte mit Gehältern und Sozialleistungen werden besser geschützt als Freiberufler. In einem großen Haus mit Garten fällt Selbstisolation leichter als in einer engen Wohnung ohne Balkon. Aber es mehren sich die warnenden Stimmen, die viele Eltern ins Rollenbild der 1950er-Jahre zurückversetzt sehen – Papa kehrt nach getaner Arbeit an den gedeckten Abendbrottisch mit frisch gewaschenen Kindern heim. Ein Opfer der Pandemie ist die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen weltweit. Sie schrumpft.

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Besonders schwierig wird es, wenn Frauen Kindererziehung und Arbeit zeitgleich unter einen Hut bringen müssen.
Besonders schwierig wird es, wenn Frauen Kindererziehung und Arbeit zeitgleich unter einen Hut bringen müssen. © Axel Heimken/dpa

Viele Doppelverdiener-Paare können nur arbeiten, weil sich andere um ihre Kinder kümmern – Kitas, Schulen oder Babysitter und Großeltern. Covid-19 hat dieses System zum Einsturz gebracht. Die Paare mussten entscheiden, wer beruflich zurücksteckt. Schauen Sie sich um in Ihrem Freundes- und Kollegenkreis, wie diese Entscheidung ausgefallen ist. 

Natürlich gibt es Paare, in denen sich Frau und Mann in mehrstündigen Schichten mit Kinderbetreuung und bezahlter Arbeit abwechseln, wo Kochen, Putzen, Einkaufen und Wäsche machen gerecht aufgeteilt sind. Aber meistens sind es Mütter, die ihren Frust über die Flut an Arbeitsblättern für die Schule auf Facebook posten. Die in den frühen Morgen- und späten Abendstunden am Computer sitzen, wenn die Familie schläft. Ganz zu schweigen von der Situation der rund 700.000 Alleinerziehenden in Deutschland.

Schulpflichtige Kinder, selbstisolierte Großeltern, Corona-Kranke brauchen Fürsorge. All diese unbezahlte Sorgearbeit erledigen aufgrund der bestehenden Struktur der Erwerbsbevölkerung oft die Frauen. In Sachsen sind 82 Prozent der Mütter erwerbstätig, jede zweite arbeitet Teilzeit (verglichen zu 12 Prozent der Männer). Sie gelten also als flexibler. In den meisten Beziehungen verdienen Frauen weniger als die Männer, ihre Arbeit wird als weniger wichtig angesehen, wenn es zu Störungen kommt wie jetzt.

Branchen mit hohem Frauenanteil betroffen

Frauen trifft die Corona-Krise hart, wie Studien zeigen. So ist nach einer Online-Befragung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung die Arbeits- und Lebenszufriedenheit von Müttern stärker zurückgegangen als die von Vätern oder kinderlosen Frauen. Sie sind unzufriedener, weil sie ihre Arbeitszeiten reduziert haben oder zeitweise gar nicht mehr arbeiten. Auch ist ihre Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes größer. Die Gastronomie, der Einzelhandel und das Gesundheitswesen sind am meisten von Kurzarbeit betroffen. Alles Branchen mit einem hohen Frauenanteil.

Viele werden jetzt denken: Genug des Jammerns! Was ist schlimm daran, wenn sich Mütter verstärkt um ihre Kinder kümmern? Nichts. Nicht wenige von ihnen werden die ersten Wochen auch als zweite Elternzeit genossen haben. Aber es darf ihnen daraus kein Nachteil im Berufsleben entstehen. Die Soziologin Jutta Allmendinger fordert zu Recht, dass die Zwänge vieler Mütter mehr gesehen werden müssen.

In den vergangenen Wochen hat man oft eine nachvollziehbare Erklärung von Entscheidungen vermisst. Nur ein Beispiel: Als nach Ostern verkündet wurde, dass Geschäfte bis zu 800 Quadratmetern geöffnet werden, Kitas und Grundschulen aber nicht, fehlte der Zusatz, was denn stattdessen getan wird, um die Eltern zu entlasten. Es mangelt schlicht an Achtsamkeit der Entscheidungsträger, dies von sich aus anzusprechen. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für Arbeitgeber.

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Zum Muttertag an diesem Sonntag wird in vielen Familien der Mama ein Frühstück ans Bett gebracht werden. Vielleicht gibt es auch ein Klatsch-Konzert im Internet. Noch schöner wäre es, wenn am Montag die Chefs sich bei den Vätern im Team erkundigen würden, wie es denn zu Hause so läuft und ob ihnen helfen würde, vorübergehend die Arbeitszeit etwas zu reduzieren.

Aktuelle Informationen rund um das Coronavirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog.

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