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Die traumhafte Idee eines freien Himmels

Michael Wüstefeld dichtet seit vierzig Jahren über das Leben im Elbtal und anderswo. Jetzt wird er gewürdigt.

Der Lyriker Michael Wüstefeld an einem seiner Lieblingsorte in Dresden, im Hermann-Seidel-Park im Stadtteil Striesen.
Der Lyriker Michael Wüstefeld an einem seiner Lieblingsorte in Dresden, im Hermann-Seidel-Park im Stadtteil Striesen. © Jürgen Lösel

Tagsüber befasste sich der Poet mit Landmaschinen, Schmierstoffen und Hydraulik. Wenn er abends nach Hause ging zu seiner Familie, öffnete er in seinem „Kopf ein Fenster“ – und schrieb Gedichte. Notierte seine Gedanken zum Leben im Arbeiter- und Bauernstaat, insbesondere das im Elbtal. Bestieg sein Schreibtischflugzeug in Dresden und reiste damit unter anderem nach Rom und zur Villa Massimo, einem seiner Sehnsuchtsorte, der unerreichbar schien.

So begann es, das dichterische Wirken und Werden von Michael Wüstefeld. Gut vierzig Jahre ist das jetzt her. Ein guter Zeitpunkt, befand Dichterkollege Wulf Kirsten, für eine Würdigung. Diese liegt nun in Form eines Buches mit 150 Gedichten vor, die Kirsten ausgesucht und mit einem Nachwort versehen hat. Am Mittwoch wird der Band in Dresden von den beiden Autoren vorgestellt.

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Wüstefeld, Jahrgang 1951, freut sich darüber auf eine stille, eher nach innen gekehrte Weise. Mit fast unmerklichem Lächeln erzählt er, dass es seine Gedichte eigentlich kaum noch gibt. Man kann seine Gedichtbände höchstens noch antiquarisch erwerben. Besonders einträglich und einfach ist es nicht, das Leben eines Lyrikers, weder im Sozialismus noch unter den Bedingungen eines freien Marktes. Überschaubar ist die Anzahl der Autoren, die für ihre Poeme mit Preisen ausgezeichnet und einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden. Es gibt nicht viele Menschen, die das Spiel mit der Sprache, das Ausloten ihrer Melodie, das kunstvolle Verknappen von größeren und kleineren Menschheitsproblemen zu schätzen wissen. Und so formulierte Wüstefeld in seinem „Stoßgebet eines Gedichts“: „Gib mir meinen Leser jetzt/Vergib ihm der Einzige zu sein.“

Dennoch, Michael Wüstefeld dichtete weiter. Es gab zu viel, das ihn beschäftigte und ärgerte, auch wenn er „kein Dissident war“. Er machte Abitur in seiner Heimatstadt, studierte ebenda und arbeitete ab Mitte der 1970er-Jahre in einem Dresdner Ingenieurbüro, das später zum VEB wurde. Beinah unspektakulär klingt diese Biografie, nach einer äußeren Beständigkeit und Heimattreue. „Meine Erfahrung“, schrieb Wüstefeld 1985 selbstironisch, „reicht von Potschappel bis Kötzschenbroda“.

Allerorten Schweigetücher

Michael Wüstefeld erzählt vom „Humus“, in dem er groß wurde. In der Dienstwohnung seines Vaters, der Hausmeister an der Universität war. In Dresden, zwischen den Wunden des Krieges, den Freiflächen im Zentrum, den Ruinen und den Erzählungen vom alten, untergegangenen Dresden, das in den Erinnerungen seltsam makellos war, zu makellos.

Er hatte Glück mit seinen Lehrern, die Lust und Hunger auf Sprache und Literatur weckten und förderten, auf Theater, bildende Kunst und Musik. Fasziniert lauschte der junge Wüstefeld Bach-Stücken in der Kreuzkirche oder den Beatles, die er heute noch schätzt. Ging ins Kino und versank in fremden Welten, bei den Partisanen oder französischen Mantel-und-Degen-Kämpfern. Besuchte Ausstellungen und traf sich mit Gleichaltrigen, um sich gegenseitig Gedichte vorzutragen. Heinrich Böll oder Max Frisch wurden zwar nicht gelesen in Wüstefelds Schule, aber erwähnt. Was er nicht in den Buchhandlungen fand, besorgte er sich in Budapest oder bei West-Bekannten. Und einmal, ein einziges Mal, wie er betont, machte ihn die Sehnsucht nach Welt- und Menschenerkundung zum Dieb. John Lennon hatte kurz vor seiner Ermordung 1980 ein langes Interview gegeben, das der Rowohlt-Verlag als Buch herausbrachte. Bei der Leipziger Buchmesse steckte Wüstefeld ein Exemplar in seine Tasche und verließ fluchtartig das Gelände. Das Buch hat er heute noch. Auch dieses Buch erinnert ihn daran, wie furchtbar es ist, wenn ein Staat seine Bürger bevormundet. Wenn er reguliert, was in die Köpfe hineindarf und was nicht. Wenn Bibliotheken sogenannte Giftschränke haben. Wenn „immerwährende Entmündigung“ herrscht und allerorten „Schweigetücher“ ausgebreitet sind.

Wagnis Selbstständigkeit

Die Revolution des Jahres 1989 empfand Michael Wüstefeld als Erleichterung und Chance. Die „traumhafte Idee eines freien Himmels“ schien greifbar nahe, ebenso wie die Überwindung des ökonomischen Stillstands. Sein Betrieb wurde geschlossen, und sein Chef bot ihm an, mit zu dessen neuer Arbeitsstelle zu wechseln. Michael Wüstefeld aber entschied sich für ein Wagnis: Er wollte als selbstständiger Künstler leben. Begann, Literaturbesprechungen zu schreiben, darunter auch für die Sächsische Zeitung. Verfasste ein Opernlibretto und ein Sachbuch über das Blaue Wunder. Bewarb sich um literarische Stipendien und wohnte eine Weile in Calw, dem Geburtsort von Hermann Hesse, und in Amsterdam. Reiste nach Rom, wenn auch nicht zur Villa Massimo. War Stadtschreiber in Rheinsberg. Schrieb weiter Gedichte.

Stoff gab es genug. Die Entwicklungen nach der Wende, das Nachdenken über Deutschland und Deutschsein, das ihn schon seit der Jugend beschäftigt, die Befremdung zwischen Ost und West, der ausufernde Konsum in allen Bereichen, das Aufleben rechtsextremen Gedankenguts. Die Landschaften, die blühen sollten, beschrieb Wüstefeld 2003 als „Vergnügungsparks und Truppenübungsplätze in reglementierter Landschaft/pauschal reisende Mückenschwärme und geliftete Globetrotter in ausgebuchter Kataloglandschaft/Jahreszeiten und Großwetterlage in statistisch geregelter Durchschnittslandschaft/Kriegsschauplätze und Aufmarschräume in ansonsten friedfertiger Landschaft“. Oder, in einem anderen Gedicht, als „Das Einebnen jeder Einmaligkeit“.

Wer braucht Gebirge aus Worten?

Die letzten Gedichte des Buches stammen von 2013. Was ist mit der Zeit danach? Michael Wüstefeld schweigt ein paar Augenblicke, bevor er zögernd antwortet. Er hat nicht mehr so viel gedichtet in den vergangenen Jahren, wie er das gern wollte und will. In den Buchhandlungen türmen sich die Bücher. Berge von Papier, Gebirge aus Worten. Das ständige Zuviel überall. Rasend schnell verschwinden die Bücher wieder, aus den Regalen und den Köpfen. Will man dem noch mehr hinzufügen? Sich diesem Spiel weiter unterwerfen? Er freut sich an Gedichten und Texten anderer und ärgert sich manchmal auch, was er in seinen Buchbesprechungen recht klar formuliert. Das freut vermutlich nicht jeden.

Michael Wüstefeld ist ein bisschen vor dem 65. Geburtstag in Rente gegangen, um endlich einmal wieder den Luxus einer monatlichen Einkunft zu haben, und sei sie noch so überschaubar. Zu sagen hätte er noch viel. Und wenn man seine Gedichte liest, wünscht man sich, dass diese literarische, kritische und dabei humorvolle Stimme nicht gänzlich verstummen möge.

Die Lesung in der Villa Augustin ist ausverkauft. 

M. Wüstefelds Buch „Gegenwärtige Vergangenheit“ ist bei SchumacherGebler erschienen und kostet 22 Euro.

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