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Dreister Klau auf dem Friedhof

In Neugersdorf verschwanden wertvolle Stücke von alten Gräbern. Sie zu ersetzen ist teuer. Viel schlimmer ist der ideelle Verlust. Und es bleibt die Frage: Ist wirklich nichts mehr sicher?

Friedhofsverwalter Michael Dießner zeigt die Stelle, an der das Denkmal aus Bronze stand. Es handelt sich um einen Rucksack, der zur Leineweber-Figur gehörte.
Friedhofsverwalter Michael Dießner zeigt die Stelle, an der das Denkmal aus Bronze stand. Es handelt sich um einen Rucksack, der zur Leineweber-Figur gehörte. © Rafael Sampedro

Gerade erst ist die Polizei wieder weg. Schon zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit mussten die Beamten auf den Neugersdorfer Friedhof kommen. Denn zum dritten Mal binnen weniger Wochen wurde hier dreist geklaut - wertvolle Teile von historischen Grabmalen sind verschwunden. Den ersten Diebstahl bemerkten Friedhofsverwalter Michael Dießner und seine Kollegen wenige Tage vor Weihnachten bei einem Rundgang über den Friedhof. Bei der Gruft der Fabrikanten-Familie Roscher nahe der Friedhofskapelle fehlten Teile der Abdeckung. "Sie waren aus Kupfer", berichtet Michael Dießner. Daher vermutete er zunächst, dass  Buntmetalldiebe ihr Unwesen getrieben hatten. 

In den Tagen danach fiel ein weiterer Verlust auf: der Rucksack des berühmten Leinewebers auf dem Neugersdorfer Friedhof. Die Bronze-Figur ist ein Unikat und wurde 1922 nach dem Vorbild einer echten Person angefertigt. Die Figur steht auf dem Grabmal der Familie Herzog, die damals mit Textilien handelte. Ein Familienmitglied stand wohl Modell für die Bronze-Statue. "Jeder Neugersdorfer kennt diese Figur", sagt Michael Dießner. Historisch sei sie von großer Bedeutung für die Stadt und den Friedhof - eben auch, weil es sie nur ein einziges Mal gibt. 

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Da war er noch da: Der Rucksack rechts neben der Leineweber-Figur wurde jetzt gestohlen. 
Da war er noch da: Der Rucksack rechts neben der Leineweber-Figur wurde jetzt gestohlen.  ©  privat

Wertvolle Gräber stehen unter Denkmalschutz

Den dritten und bisher letzten Vorfall auf dem Neugersdorfer Friedhof hat die Polizei erst Ende letzter Woche aufgenommen. Vom Grab eines Musikers verschwand eine Engelsfigur. Das brisante hierbei: das alte Grab ist recht versteckt und zugewachsen, die Figur konnte vom Weg aus gar nicht zu sehen sein. Hier muss sich also jemand ausgekannt oder zuvor ausspioniert haben, vermutet der Friedhofsverwalter. In diesem Grab wurde ein Mann bestattet, der zum Volksstamm der Sinti und Roma gehörte und der Opfer von Nazi-Verbrechen wurde. Deshalb muss es erhalten werden. Dafür ist die Kirchgemeinde zuständig. Ebenso wie für die Pflege der großen, historischen und oft prunkvoll gestalteten Grabstellen wie der Roscher-Gruft. Gibt es keine Nachfahren mehr, die sich um die Gräber kümmern können, übernimmt das die Kirchgemeinde. "Diese Grabstellen machen unseren Friedhof auch aus", sagt Michael Dießner. "Sie sind etwas besonderes und stehen unter Denkmalschutz." Extrem ärgerlich ist es daher, wenn etwas zerstört oder gar gestohlen wird.

Der Friedhof ist zwar mit einem Zaun und einem großen Tor gesichert, das nachts abgeschlossen wird. Tagsüber steht es aber offen. "Und jetzt ist auf dem Friedhof nicht viel los", sagt Michael Dießner. Daher vermutet er, dass die Diebstähle sogar tagsüber passiert sind. 

Diebstähle sind kein Einzelfall

Wenn sie auch wegen des historischen Wertes der Beute besonders ärgerlich sind - Einzelfälle sind die Diebstähle auf dem Neugersdorfer Friedhof nicht. So etwas kommt immer wieder vor. Ein besonders dreister Fall wurde zuletzt aus Oderwitz bekannt. Dort stahlen Unbekannte eine Platte vom Grab eines kleinen Kindes (SZ berichtete). Rund 70 Fälle von Diebstahl auf Friedhöfen hat die Polizeidirektion Görlitz in den vergangenen beiden Jahren verzeichnet. Insgesamt elf Fälle konnten aufgeklärt und die Täter ermittelt werden.

Der Alltag auf den Friedhöfen zeigt immer wieder, dass selbst vor Grabstellen nicht Halt gemacht wird. Der Klau von Blumen und Pflanzen von den Gräbern beispielsweise, komme häufiger vor, sagt der Neugersdorfer Friedhofsverwalter Michael Dießner. Eine so schwerwiegende Diebstahlsserie wie jetzt auf dem Friedhof hat er allerdings zuletzt in den 1990er Jahren erlebt. Damals hatte ein Tscheche Beutezüge auf mehreren Friedhöfen in der Region unternommen, unter anderem auch in Neugersdorf. Er wurde schließlich geschnappt und es fanden sich sogar ein paar der Beutestücke vom Neugersdorfer Friedhof wieder an. Damals habe es sich aber nicht um solche historisch wertvollen Dinge gehandelt, erinnert sich Dießner. "Jetzt war auch lange Ruhe."

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Dießner hofft nun, dass die gestohlenen Teile vom Dieb nicht etwa zerstört wurden, um sie zu Geld zu machen, sondern dass sie irgendwo wieder auftauchen. Er baut auch darauf, dass sich Einwohner bei der Kirchgemeinde melden, denen womöglich Verdächtiges aufgefallen ist. Denn besonders der Rucksack des Leinewebers ist ein herber Verlust und kaum wieder zu beschaffen. Er könnte natürlich neu gegossen werden. Aber das würde bis zu 10.000 Euro kosten, ließe man so etwas heute neu anfertigen, schätzt Michael Dießner. "Und wer soll das bezahlen?" 

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