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Bye-bye Bröckelhaus

20 Jahre hat Henrietta Naudszus am Pirnaischen Platz gelebt. Eine Zeit mit bester Aussicht und nackten Männern.

Henrietta Naudszus hat das Hochhaus am Pirnaischen Platz verlassen.
Henrietta Naudszus hat das Hochhaus am Pirnaischen Platz verlassen. © René Meinig

Wäre die Wohnung ein Spiegel der Seele, man hätte Mühe, etwas über Henrietta Naudszus herauszufinden. Ihre mächtige Couch steht im Erdgeschoss, der braun-beigefarbene Ornamente-Teppich hängt zusammengerollt auf einem Heizkörper im Hausflur und die hölzerne Wanduhr mit Barometer liegt in irgendeiner Ecke des leergeräumten Wohnzimmers. Naudszus, 81 Jahre alt, zieht noch einmal um. Sie hat am Wochenende das Hochhaus am Pirnaischen Platz verlassen. Unfreiwillig und etwas traurig, wie sie sagt.

Bis zum Mittwoch haben die wenigen, verbliebenen Mieter des 14-Geschossers Zeit auszuziehen. Die Bauaufsicht hat die weitere Nutzung verboten. Grund: Gravierende Brandschutzprobleme, die bis heute nicht behoben wurden.

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Der letzte Blick ins Schlafzimmer weckt Erinnerungen. "Hier haben meine Enkel geschlafen, als sie noch klein waren", sagt Naudszus. Sie hätten viel Zeit bei ihrer Großmutter verbracht. Jetzt lehnen nur noch Bretter an der Raufasertapete. Holz, das einmal zu einem Bettkasten zusammengesteckt war.

Der letzte Blick vom Balkon auf Gruna. 
Der letzte Blick vom Balkon auf Gruna.  © René Meinig

Als Henrietta Naudszus 1998 in die kleine Wohnung zog, war das in den 60er-Jahren gebaute Hochhaus schon sanierungsfällig. Doch ihre alte Klotzscher Wohnung, etwa 100 Quadratmeter groß, war der alleinstehenden Zahnärztin nicht nur zu groß geworden, sondern auch zu teuer, erzählt sie. Hier am Pirnaischen Platz hat sie zuletzt gut 300 Euro für 44 Quadratmeter hingelegt, eine atemberaubende Aussicht inklusive. Solche Preise findet man heute nicht mehr im Dresdner Zentrum.

Trotz des Umzugsstresses und des eisigen Windes nimmt sich die Rentnerin am Sonnabend die Zeit, ein letztes Mal auf ihren Balkon zu treten. Blauer Himmel, der Lilienstein hinter einem blassen Schleier, davor der Fernsehturm - so wird sie den Ausblick aus der sechsten Etage in Erinnerung behalten. Ihr neuer Balkon, Luftlinie vielleicht einen Kilometer entfernt, zeige zwar auch nach Süden, sagt sie. Allerdings liege die etwas kleinere und teurere Wohnung tiefer. Die Sächsische Schweiz sehe man von dort aus nicht. 

Eines wird die Dresdnerin nicht vermissen, den eingerosteten Hebel, mit dem sie die Balkontür verschließen musste. "Sehen Sie, meine Hände", sagt Naudzus und zeigt das Überbein an ihrer Handfläche. "Das habe ich von meiner Tür." Es war nicht die einzige Tortur in den letzten Monaten: Wochenlang war im Herbst die Heizung ausgefallen. Und das Abwaschwasser aus der Küchenspüle musste sie in Schüsseln ins Bad tragen und dort auskippen. Jahrelang war das Abflussrohr in der Wand kaputt.

Die alte Dame hat in den letzten Wochen allerhand Kartons gepackt. Mit eingerahmten Familienfotos, den guten Tellern, Vasen und Pullovern - eben alles, was zu einem Leben gehört. Schleppen muss sie die Kisten am Wochenende nicht. Tochter und Enkelsöhne sind gekommen, um zu helfen. Sie wuchten die Kisten, den Fernseher und die Möbel in den Aufzug. Wenn sie ihn nicht unbedingt bräuchten, würden sie die Treppe nehmen. 

Schon oft musste der Monteur gerufen werden und den steckengebliebenen Fahrstuhl reparieren. Heute öffnen sich die Türen. Nicht nur die zum Treppenhaus. Die innere Rückwand des Lifts lässt sich aufklappen. Dahinter befindet sich ein weiterer, kleiner Raum. Praktisch, um die sperrige Couch ins Erdgeschoss zu bekommen.

Tür ran, Schlüssel rum, ein letztes Mal.
Tür ran, Schlüssel rum, ein letztes Mal. © René Meinig

Nur eine Handvoll Mieter wohnt noch in dem Haus. Über 150 Wohnungen stehen leer. Ob sich Henrietta Naudszus nicht manchmal gefürchtet hat, so allein auf der Etage? "Nein, ruhig war es bis zuletzt nicht", sagt sie. Früher war die Polizei oft zu Gast im Haus. "Einmal rannte ein Mann nackt über den Flur, ein anderer stand nur mit Damenstrumpfhose bekleidet neben mir am Briefkasten und holte die Post."

In den vergangenen Monaten haben Bauarbeiter dafür gesorgt, dass es nicht still wird. Sie versuchten, eine Musterwohnung in der elften Etage zusammenzuschustern. Und da waren die Männer und Frauen, die an Naudszus' Tür klopften und sie überreden wollten, für 3 000 Euro den Mietvertrag zu kündigen. Aber daran denkt die Rentnerin nicht. Sie fordert einen fünfstelligen Betrag von ihrem Vermieter. Schließlich musste sie sich eine teurere Wohnung suchen, weil er es nicht geschafft hatte, das Haus brandsicher zu machen.

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