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Kampf für gehörlose Kinder hat sich gelohnt

Der Fall sorgte für Aufsehen: eine Schule mit gehörlosen Kindern - und Lehrern ohne Gebärdensprach-Kenntnissen. Warum die kleine Mariella jetzt lachen kann.

Können sorgenfrei in die Sommerferien gehen: die kleine Mariella, ihre Mutter Sandra und Oma Gerlinde.
Können sorgenfrei in die Sommerferien gehen: die kleine Mariella, ihre Mutter Sandra und Oma Gerlinde. © Sven Ellger

Dresden. Doof ist das erste Wort, das Mariella einfällt. Doof seien die ersten Wochen in der Schule gewesen, erzählt die Siebenjährige. Wochen, denen sie wie jeder Schulanfänger so neugierig entgegengefiebert hatte. Ob Deutsch oder Mathematik – was ihre Lehrer ihr zu erklären versuchten, verstand das Mädchen kaum. Denn Mariella ist gehörlos, wuchs mit der Deutschen Gebärdensprache auf und verständigt sich daher ausschließlich über Handzeichen. 

Eine Form der Kommunikation, die an ihrer Schule eigentlich kein Problem darstellen sollte. Mariella besucht ein Dresdner Förderzentrum für Hörgeschädigte mit dem Schwerpunkt Hören. Doch was im August letzten Jahres fehlte, waren Lehrer, die die Deutsche Gebärdensprache beherrschen.

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Fast ein Jahr ist das inzwischen her. Oma Gerlinde Fröhling kämpft seitdem für ihre Enkelin und im Namen ihrer ebenfalls gehörlosen Tochter. Die Briefe des Sozialamtes, der Schulbehörde, ihres Anwalts, des Sozialgerichts und die Beiträge der Sächsischen Zeitung über den Fall füllen heute einen großen Aktenordner, sagt sie. Monatelang ging es um die Frage, wer Mariella einen Dolmetscher bezahlt.

Am 4. Oktober vergangenen Jahres berichtete die SZ erstmals über den Fall der kleinen Mariella.
Am 4. Oktober vergangenen Jahres berichtete die SZ erstmals über den Fall der kleinen Mariella. © SZ

Das Sozialamt weigerte sich und sah die Schulbehörde in der Pflicht, die Schulbehörde wiederum das Sozialamt. Vor Gericht erreichten die Parteien schließlich einen Kompromiss. Die Schulbehörde versprach, für einige Dolmetscherstunden aufzukommen, aber nur bis zum Schuljahresende. Keinesfalls wollte sie die Einigung als Schuldeingeständnis verstanden wissen. Für Mariella und die anderen Kinder bedeutete dies zwar einen Fortschritt. Aber für wie lange? Gerlinde Fröhling sah schon weitere Aktenordner und Hunderte Kilometer auf der Autobahn vor sich. Die Rentnerin lebt in Berlin.

Kinder, die im Unterricht auf das Lippenlesen angewiesen sind: Mariellas Fall, der stellvertretend für die Situation zehn weiterer Mitschüler steht, hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Private wie öffentlich-rechtliche Fernsehsender berichteten darüber, wie aufgeweckte Kinder in Gefahr laufen, als lernbehindert eingestuft zu werden. Nicht, weil sie in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt wären, sondern weil sie die Lautsprache nicht verstehen.

Im Januar trafen sich schließlich Ministerpräsident Michael Kretschmer, Kultusminister Christian Piwarz (beide CDU) und Sozialministerin Petra Köpping (SPD) mit den Familien. "Wir haben aber ein ganz praktisches Problem", sagte Kretschmer damals. Es gebe zu wenige Pädagogen, die qualifiziert seien. "Selbst wenn wir sagen, wir wollen überall Lehrer, die Gebärdensprache sprechen, so kommen wir an Grenzen." Geld sei nicht das Problem, betonte der Ministerpräsident. Dennoch versprach er, dass bis zum Sommer etwas passieren werde.

Vorm Treffen mit Ministerpräsident Michael Kretschmer im Januar erklärte Gerlinde Fröhling vorm Landtag in Dresden mehreren Fernsehsendern, wofür sie kämpft: ein gleichberechtigtes Leben für ihre gehörlose Enkelin.
Vorm Treffen mit Ministerpräsident Michael Kretschmer im Januar erklärte Gerlinde Fröhling vorm Landtag in Dresden mehreren Fernsehsendern, wofür sie kämpft: ein gleichberechtigtes Leben für ihre gehörlose Enkelin. © Archiv/Sven Ellger

In dieser Woche nun hat das Landesamt für Schule und Bildung erklärt, wie es mit den betroffenen Kindern, die jetzt die erste und zweite Klasse besuchen, weitergehen soll. Die Behörde will auch im kommenden Schuljahr die Dolmetscher bezahlen – nicht nur für einen Teil der Unterrichtsstunden, sondern für fast alle. Das ist den Eltern am Dienstag verkündet worden. Die restlichen Stunden sollen Sonderpädagogen abdecken, die die Deutsche Gebärdensprache beherrschen. 

„Wir sind alle überglücklich, Wahnsinn“, sagen Gerlinde Fröhling und Mariellas Mutter Sandra. „Wir haben ein großes Ziel erreicht und das Recht für die gehörlosen Kinder erkämpft.“ Es sei ein langer und beschwerlicher Weg gewesen. Und viele Behörden habe man aufgeklärt, was die Deutsche Gebärdensprache überhaupt sei. Nämlich nicht das bloße Buchstabieren von Worten, sondern Handzeichen, die in Verbindung mit Bewegungen, Mimiken, Blickrichtungen und Körperhaltungen eine eigene, vollwertige Sprache bilden. "Der Kampf hat sich gelohnt." Noch vor den Sommerferien will die Behörde mitteilen, wie es für die höheren Klassen weitergeht.

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Mariella geht inzwischen gern zur Schule. Nein, doof sei der Unterricht nicht mehr, seitdem ein Dolmetscher im Klassenzimmer stehe. Was ist ihr am meisten Spaß macht? Mathematik und Werken.

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