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So wurde die Augustusbrücke gebaut

Dabei kam vor Jahrhunderten auch eine zentnerschwerer Ramme zum Einsatz, die Dresdner Archäologen jetzt in ihrem Lager haben.

Von Peter Hilbert
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Die alte Dresdner Brücke war im Mittelalter die längste nördlich der Alpen. Der Kupferstich von Mitte des 16. Jahrhunderts zeigt sie.
Die alte Dresdner Brücke war im Mittelalter die längste nördlich der Alpen. Der Kupferstich von Mitte des 16. Jahrhunderts zeigt sie. © SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/André Rous

Dresden hat eine stolze Brückentradition. Schon im 11. Jahrhundert soll dort, wo heute die Augustusbrücke die Elbe überspannt, eine Holzbrücke gestanden haben. Für die wurden ab 1119 Pfeiler aus Stein errichtet. Abteilungsleiter Thomas Westphalen vom Landesamt für Archäologie kennt die noch erhaltenen Zeugen dieser Brücke und ihrer Nachfolger und kann daraus auch deren Geschichte ableiten.

Bei Niedrigwasser können uralte Zeugen der Dresdner Baugeschichte auf der Neustädter Seite der Augustusbrücke besichtigt werden.
Bei Niedrigwasser können uralte Zeugen der Dresdner Baugeschichte auf der Neustädter Seite der Augustusbrücke besichtigt werden. © Archivfoto: SZ/Peter Hilbert

Die erste Steinbrücke: Bauwerk reicht bis zum Georgentor

Zwischen 1173 und 1222 soll der steinerne Nachfolger der ersten Brücke gebaut worden sein. Darauf verweist auch die steinerne Tafel am Neustädter Brückenende. "Mit einer Länge von 561 Metern war sie die längste hochmittelalterliche Brücke nördlich der Alpen im Gebiet des Deutschen Reiches", sagt Westphalen. Mit 24 Pfeilern und 23 Bögen überspannte sie die Elbe und reichte bis zum Georgentor.

Archäologin Beata Hoppel im November 2019 am gut erhaltenen Fundament des alten Brückenturms. Gut zu sehen ist neben ihr der Schlitz für das Fallgitter des Turms.
Archäologin Beata Hoppel im November 2019 am gut erhaltenen Fundament des alten Brückenturms. Gut zu sehen ist neben ihr der Schlitz für das Fallgitter des Turms. © Christian Juppe

Die Funde: Alter Bogen und Turm-Fundamente freigelegt

2018 hatten die Archäologen am Neustädter Brückenende Teile eines alten Bogens dieser Brücke an der elbaufwärts liegenden Seite freigelegt. Bis Ende November vergangenen Jahres waren sie direkt vor dem Blockhaus aktiv, wo zwei Bögen der knapp acht Meter breiten Brücke freigelegt wurden. Die heutige Brücke ist mehr als doppelt so breit. Bei den jüngsten Grabungen wurden auch Fundamente des Torhauses entdeckt, das im folgenden Jahrhundert durch einen Torturm ersetzt wurde. Das war an den Fundamenten sichtbar, wo es noch tiefe Schlitze für das Fallgitter gibt.

Bei niedrigem Elbpegel ist am Neustädter Ufer noch die unterste Steinschicht der Pfeiler 14 und 15 der ersten steinernen Elbebrücke zu sehen. Die Pfeiler waren beim Bau der neuen Augustusbrücke 1907 und 1908 zum Großteil abgerissen worden.

Vor Thomas Reuter liegt der älteste erhaltene Rammbär in Mitteleuropa. Mit dem Handscanner erfasst der Vermessungsingenieur jedes Detail des bronzenen Fallhammers, mit dem um 1540 Holzpfähle beim Brückenbau im sächsischen Grimma eingeschlagen wurden.
Vor Thomas Reuter liegt der älteste erhaltene Rammbär in Mitteleuropa. Mit dem Handscanner erfasst der Vermessungsingenieur jedes Detail des bronzenen Fallhammers, mit dem um 1540 Holzpfähle beim Brückenbau im sächsischen Grimma eingeschlagen wurden. © René Meinig

Die Spuren: Stein mit typischen Werkzeugen bearbeitet

Die uralten Sandsteine an den Brückenfüßen sind mit dem für die damalige Zeit typischen Schlägel und Eisen bearbeitet. "Damit wurden sie in die gewünschte Form gebracht", erläutert Westphalen. Deutlich sichtbar ist das auch an den langen Kerben auf den Steinen. Die freigelegten alten Brückenbögen hatten Steinmetze mit Scharriereisen bearbeitet. Bei dem handelt es sich um einen Flachmeißel, der eine breite Spitze mit kammartigen kleinen Zähnen hat. Die Archäologen entdeckten auch zehn Steinmetzzeichen, mit denen sich die Meister an den Stirnwänden der rund 800 Jahre alten Bögen verewigt hatten.

Das sind Reste von Holzpfählen, die bei der Brückeninstandsetzung nach der Flut 1845 in den Boden gerammt wurden.
Das sind Reste von Holzpfählen, die bei der Brückeninstandsetzung nach der Flut 1845 in den Boden gerammt wurden. ©  Rene Meinig

Der Fallhammer: Rammbär trieb Pfähle in den Untergrund

Ein ganz besonderes Werkzeug zeigte Westphalen im Archiv des Landesamtes für Archäologie in Klotzsche der SZ. Dabei handelt es sich um einen 1537/38 gegossenen Fallhammer, einen sogenannten Rammbär aus Messing. Er ist 416 Kilo schwer, also über acht Zentner. Der sensationelle Fund wurde 2010 beim Wiederaufbau der beim Hochwasser zerstörten Pöppelmannbrücke in Grimma zwei Meter unter dem Flussgrund der Mulde entdeckt.

Der Rammbär wurde an einem Holzgestell mit einer speziellen Mechanik hochgezogen und sauste dann mit einer gewaltigen Kraft hinab. "Damit wurden die Pfähle für die Lehrgerüste in den Untergrund gerammt", erklärt der Archäologe. Darauf wurden die Brückenbögen errichtet. Bei dem Rammbär handelt es sich wahrscheinlich um den ältesten erhaltenen in Mitteleuropa.

"Mit solchen Rammen wurde sowohl die mittelalterliche Dresdner Elbebrücke als auch die spätere Pöppelmannbrücke gebaut", sagt er. Vermessungsingenieur Thomas Reuter hat im archäologischen Archiv gerade mit dem Handscanner den Rammbär dreidimensional erfasst und somit auch elektronisch für die Nachwelt erhalten. Mit 15 Scans je Sekunde hält er jedes Details des reich verzierten Rammbärs fest. "Wir haben bereits 23.000 Fundstücke gescannt", sagt der Fachmann.

So sah die alte Pöppelmannbrücke kurz vor ihrem Abriss Anfang des 20. Jahrhunderts aus.
So sah die alte Pöppelmannbrücke kurz vor ihrem Abriss Anfang des 20. Jahrhunderts aus. © Archiv Straßen- und Tiefbauamt,

Der Nachfolger: Pöppelmann-Brücke war sehr schön

1727 bis 1731 wurde die alte Brücke unter Leitung von Landbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann und Ratsmaurermeister Johann Gottfried Fehre umgebaut. Damals galt sie als die schönste Europas. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie mit zu engen Bögen und zu niedrigen Pfeilern immer mehr zum Hindernis für die Schifffahrt und für Hochwasser und konnte auch den wachsenden Verkehr nicht mehr aufnehmen. Sie wurde zwischen 1907 und 1910 durch die heutige Augustusbrücke ersetzt.

Auf solchen Gerüsten wurden die neuen Brückenbögen gebaut.
Auf solchen Gerüsten wurden die neuen Brückenbögen gebaut. © Foto: Archiv Straßen- und Tiefbauamt

Das Kreuz: Bei Hochwasser 1845 in Elbe gefallen

Wie der uralte Rammbär in die Mulde gestürzt war, fiel 1845 ein Kruzifix in die Elbe, erläutert Westphalen. Eis und Treibholz hatten sich bei dem als Sächsische Sintflut bezeichneten Hochwasser am 31. März so stark gestaut, dass der fünfte Pfeiler mit dem 4,5 Meter hohen vergoldeten Kruzifix einstürzte. Es hatte auf einem großen Sandsteinsockel gestanden. Die Brücke wurde zwar wieder instand gesetzt, das Kunstwerk blieb aber verschollen.

Ein Blick auf die neue Friedrich-August-Brücke nach der Fertigstellung 1910.
Ein Blick auf die neue Friedrich-August-Brücke nach der Fertigstellung 1910. © Foto: Archiv Straßen- und Tiefbauamt

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