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Dresden

"Es ist ein Schlag ins Gesicht"

Ute Haake hat in drei Dresdner Wochenkrippen gearbeitet. Dort blieben die Kinder über Nacht. Die Kritik an ihrer Arbeit ärgert die Erzieherin sehr.

Ute Haake  findet: Ehemaligen Erzieherinnen der DDR-Wochenkrippen weht in der Öffentlichkeit zu Unrecht ein kalter Wind entgegen.
Ute Haake findet: Ehemaligen Erzieherinnen der DDR-Wochenkrippen weht in der Öffentlichkeit zu Unrecht ein kalter Wind entgegen. © Sven Ellger

Mit Füllfederhalter hat sie in zackigen Buchstaben an die Zeitung geschrieben. Mehrere Artikel waren ihr aufgefallen, sie handelten von ehemaligen Wochenkrippen in der DDR. Mindestens 10.000 Dresdner Kinder haben dort von Montag bis Sonnabend gelebt, während ihre Eltern im Schichtdienst arbeiteten oder noch studierten - aus heutiger Sicht unvorstellbar.

Wer gibt schon freiwillig sein Kind die ganze Woche fort? Noch dazu Winzlinge im Alter von sechs Wochen? Bis zum dritten Lebensjahr blieben die Mädchen und Jungen in den Einrichtungen. Die meisten von ihnen wechselten dann in einen normalen Kindergarten. Doch was ist normal aus damaliger Sicht?

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Für Ute Haake war zunächst normal gewesen, nach der Schule eine Ausbildung zur Säuglingsschwester zu absolvieren. Das hatte sie sich gewünscht. Doch die Normalität der Klinik, zu der auch gehörte, dass auf Station schwer kranke oder zu früh geborene Babys starben, erschütterte sie. "Ich wusste bald, dass ich das nicht lange aushalte", sagt die heute 77-Jährige. Den Berufsabschluss in der Tasche, verließ sie das Krankenhaus und suchte sich eine Anstellung als Erzieherin in einer Dresdner Wochenkrippe.

Wochenkrippen waren die Antwort der Staatsführung der DDR auf den Mangel an Arbeitskräften: Wenn der Nachwuchs die Woche über von Fachkräften betreut wird, haben Eltern den Rücken frei für Ausbildung oder Beruf. Vor allem Frauen sollten im Sinne der Gleichberechtigung voll arbeiten gehen. Außerdem waren sie als Mitarbeiterinnen in großen Produktionsbetrieben unverzichtbar. Da der Mutterschutz zunächst nach sechs Wochen endete und es Erziehungszeit erst in den 80er Jahren gab, spielten auch finanzielle Zwänge eine Rolle.

"Fest in die Decke eingewickelt, damit sie liegen bleiben"

Von Montag, 6 Uhr, bis Sonnabend, 14 Uhr, hatten die Wochenkrippen geöffnet, und in aller Regel verbrachten die Säuglinge und Kleinkinder die Zeit dort komplett. Versorgt wurden sie von Frauen wie Ute Haake. Anfang der 60er Jahre hatte sie ihre Arbeit in der Wochenkrippe am Waldpark begonnen.

"Natürlich waren die Wochenkrippen für viele Eltern und Alleinerziehende, die im Drei-Schicht-System gearbeitet haben, die einzige Möglichkeit, ihrem Beruf nachzugehen", schreibt Ute Haake an die Sächsische Zeitung. Es ärgert sie, dass das damalige Betreuungsmodell heute so stark kritisiert wird - und damit auch die Menschen, die es mitgetragen haben: Eltern, die es nutzten, und Erzieherinnen, die dort arbeiteten.

"Das ist ein Schlag ins Gesicht", sagt Ute Haake. Immer wieder hat sie das Gefühl, ihr und all ihren Kolleginnen werde jedes Einfühlungsvermögen in die Kinder abgesprochen. Doch das Gegenteil sei der Fall: "Wir haben mit viel Liebe, Geduld und einer großen Portion Idealismus den Kindern ein wenig häusliche Atmosphäre vermittelt", sagt sie. Statt der Eltern waren die Erzieherinnen die ersten Bezugspersonen.

Zwölf bis 14 Kinder wurden in der Regel von einer Kollegin betreut, so ist es Ute Haake in Erinnerung. "Die Säuglingsgruppen waren kleiner, da hatten acht Babys immer ihre feste Erzieherin." Klar sei es Stress gewesen, morgens so viele Kleinkinder zu wecken, zu wickeln, zu waschen und anzuziehen. Im Nachtdienst war nur eine Erzieherin für 40 Kinder verantwortlich. "Eine zweite Erzieherin blieb in Schlafbereitschaft", falls etwas Unvorhergesehenes passiert.

Vorwürfe, in DDR-Krippen seien Kinder ans Bett gefesselt worden, widerspricht Ute Haake. Gibt aber zu: "Manche Kinder, die im Bett immer wieder aufgestanden sind, haben wir fest in die Decke eingewickelt, damit sie liegen bleiben." Sie seien müde gewesen und so besser zur Ruhe gekommen.

Sie selbst hatte manches Mal keine Ruhe. Besonders dann, wenn sie den Eindruck gewann, dass es Kinder daheim nicht gut geht. "Ein kleiner Junge hatte ganz wunde Haut, und wir haben ihn die Woche über mit Salbe behandelt, bis es besser wurde." Doch nach dem Wochenende sei alles von vorn losgegangen. "Es stimmt schon: Die Eltern haben viel von der Entwicklung ihrer Kinder verpasst", sagt sie, "Aber für manche Mädchen und Jungen war es besser, in der Wochenkrippe zu sein."

Montags erlebte Ute Haake weinende Muttis, die ihre Kleinen für die ganze Woche verabschiedeten. Sonnabends kam es vor, dass ein Kind nicht abgeholt wurde. Telefone gab es kaum, also brachte die Erzieherin den Knirps nach Hause. "Die Eltern hatten ihn tatsächlich vergessen!" Manche Erzieherinnen nahmen Kinder sogar übers Wochenende mit zu sich nach Hause, auch das sei nicht selten vorgekommen, weiß Ute Haake.

Flaschen geben im Akkord, Bäuerchen im Schnelldurchgang, kuscheln, spielen, trösten, all das gehörte zu Ute Haakes Arbeitsalltag genau so wie Entwicklungsbögen auszufüllen und Kinder auf den Wechsel in den Kindergarten vorzubereiten. Spätestens dann mussten sie ohne Windel auskommen. Dass Einjährige in der DDR üblicherweise schon trocken waren, kann sie nicht bestätigen. "Ja, wir haben die Kinder regelmäßig aufs Töpfchen gesetzt, die Größeren machten das dann selbstständig."

"Die DDR musste ja pleite gehen!"

Selbstständigkeit war bei Wochenkrippenkindern nachweislich schneller ausgeprägt, als bei Kindern, die bei ihren Eltern aufwuchsen. Dagegen litten das Sprachvermögen und die sozialen Verhaltensweisen. Die Krippenforscherin Eva Schmidt-Kolmer betrieb dazu Studien und gab Pädagogen Anleitungen, nach denen sich auch Ute Haake als Erzieherin richtete. "Wir haben die Kinder gezielt gefördert und mussten das auch dokumentieren."

Nach rund acht Jahren als Erzieherin in drei verschiedenen Wochenkrippen wechselte sie in die Verwaltung und war für die Ausstattung neuer Kitas zuständig. "So hatte ich immer Kontakt zu den Einrichtungen, auch Wochenheime für größere Kinder und richtige Kinderheime gehörten dazu." So machte der Beruf vor ihrem Privatleben nicht halt: Ute Haake und ihr Mann, inzwischen selbst Eltern dreier leiblicher Kinder, adoptierten einen kleinen Jungen und gaben ihm ein Zuhause."

Wenn Ute Haake heute zurückdenkt, bewegen sie zwei Fragen - beide mit einem Augenzwinkern: Wie sollte ein Staat überleben, der Eltern für die Rundumbetreuung in der Wochenkrippe, inklusive Windeln, Essen und Kleidung, nur 2,40 Mark pro Tag abverlangte? "Die DDR musste ja pleite gehen!"

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Und: Was werden die Menschen in 20 oder 30 Jahren zur Kindererziehung von heute sagen? "Kinder sind für ihre Eltern der Mittelpunkt der Erde geworden. Vielleicht wird man einmal vorwurfsvoll fragen: Wie seid ihr bloß mit euren Kindern umgegangen?!"

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