merken
PLUS Dresden

"Unsere Eltern sind glücklich, weil wir es sind"

Alisa und Sophie aus Dresden sind teilweise gelähmt. Die Geschichte zweier Schwestern, die sich Jobs suchten und nun in einer eigenen Wohnung leben.

Sophie (links) und Alisa Kloseck wollten in die Großstadt ziehen, um hier ihr eigenes Leben aufzubauen, trotz schwerer Behinderung.
Sophie (links) und Alisa Kloseck wollten in die Großstadt ziehen, um hier ihr eigenes Leben aufzubauen, trotz schwerer Behinderung. © René Meinig/SZ-Bildstelle

Dresden. Der Große Garten liegt Alisa und Sophie zu Füßen. An ruhigen Tagen, wenn Autos die Sicht nicht versperren, können sie am Horizont Venus und Adonis auf den sandsteinernen Torsäulen thronen sehen. Rund 500 Meter trennen den Park von ihrer neuen Wohnung an der Winterbergstraße. „Ja, wir leben in perfekter Lage“, sagen die Schwestern, die den Großen Garten lieben. Und doch verlangt die Strecke ihnen einiges ab.

Alisa und Sophie Kloseck sitzen im Rollstuhl. Als sie vor 22 Jahren zur Welt kamen, sah zunächst alles gut aus. Zwar mussten die Mädchen acht Wochen früher und per Kaiserschnitt geholt werden. Doch die Schwangerschaft verlief bis dahin problemlos und die Vorsorgeuntersuchungen gaben keinen Anlass zur Sorge. „Die Ärzte entließen uns nach der Geburt als vollkommen gesund“, erzählt Sophie. Damals ahnten die Eltern nicht, welche Diagnose ein Jahr später gestellt werden würde.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

„Sie wurden skeptisch, weil wir mit einem Jahr immer noch nicht sitzen konnten.“ Die Hoffnung, falsch zu liegen, übervorsichtig gewesen zu sein, den Kindern nur mehr Zeit geben zu müssen – sie zerschlug sich. Die Diagnose: spastische Tetraparese, also die teilweise Lähmung beider Arme und beider Beine aufgrund einer zu hohen Muskelspannung. Ihren Ursprung hat die Lähmung in einem geschädigten Bereich des Gehirns. Wann es zu der Schädigung kam, in der Schwangerschaft, bei oder nach der Geburt, weiß die Familie bis heute nicht. Sauerstoffmangel während der Entbindung könnte ein Grund gewesen sein. Aber das wäre Spekulation. „Das konnte uns keiner sagen“, erzählt Sophie.

Ausbildung, Jobs, Wohnung

Nein, durch den Großen Garten werden die Schwestern nicht rennen können. Aber sie betrachten ihre Behinderung auch nicht als ein Schicksal, dem man sich ergeben müsste. Alisa und Sophie sind in Sachsen-Anhalt bei Naumburg an der Saale aufgewachsen, haben dort ihren Realschulabschluss gemacht und sind anschließend nach Dresden gezogen, um hier ihre Ausbildung zur Kauffrau im Büromanagement zu absolvieren. „Mutti hatte schon Bedenken, die Kinder in die große weite Welt zu lassen, und dann gleich in eine Großstadt“, erinnert sich Alisa. „Aber unsere Eltern sind mittlerweile glücklich, weil wir glücklich sind.“

Inzwischen haben beide Arbeitsverträge unterschrieben und starten ins Berufsleben. Der letzte große Schritt: Im August vergangenen Jahres haben sie das Wohnheim des Berufsbildungswerkes verlassen und ihre eigene Wohnung am Großen Garten bezogen.

Vermietet wird diese vom Dresdner Pflegeunternehmen Askir, das an der Winterbergstraße neben stationärer und palliativer Pflege auch betreutes Wohnen anbietet. „Das ist eine ganz normale Zweiraum-Wohnung, für die wir Miete zahlen.“ Hilfe sei jederzeit vor Ort, sollte sie gebraucht werden. Derzeit arbeiten die Schwestern aber darauf hin, weniger Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. „Wir haben uns als Ziel gesetzt, den Weg in den Großen Garten selbst mit dem Rollstuhl zu meistern.“ Das setzt allerdings Kondition und eine gewisse Beweglichkeit voraus. Und dafür tun die jungen Frauen einiges.

Ohne Physiotherapie keine Eigenständigkeit

Medizinisch betreut werden Alisa und Sophie Kloseck am ambulanten Zentrum für Erwachsene mit Behinderung des Städtischen Klinikums in Trachau. Zum Team gehören Ärzte verschiedener Fachrichtungen, zum Beispiel Innere Medizin und Neurologie, sowie Physiotherapeuten, Heilpädagogen und Sozialarbeiter. Behandelt und beraten werden Patienten ab 18 Jahren, die einen Behinderungsgrad von mindestens 70 Prozent und daher Anspruch auf Arztbesuche mit zusätzlicher Betreuung haben. Ein Zusatzangebot zur spezialisierten Versorgung über den Haus- und Facharztbesuch hinaus.

Woche für Woche machen die Geschwister am Zentrum Physiotherapie, zum Beispiel um den Oberkörper für eine aufrechte Körperhaltung zu stabilisieren und die Kniegelenke beweglich zu halten.

Sophie (vorn), Alisa und Physiotherapeut Martin Walther trainieren wöchentlich, um die Beweglichkeit des Körpers, die noch vorhanden ist, zu erhalten. Dazu gehören auch Steh-Übungen.
Sophie (vorn), Alisa und Physiotherapeut Martin Walther trainieren wöchentlich, um die Beweglichkeit des Körpers, die noch vorhanden ist, zu erhalten. Dazu gehören auch Steh-Übungen. © René Meinig

Auch das zeitweilige Stehen wird trainiert. „Die Übungen sind wichtig, um Folgeschäden zu vermeiden, Schmerzen vorzubeugen, aber auch das Leben leichter zu machen, etwa vom Rollstuhl ins Bett oder auf Toilette zu kommen“, sagt Physiotherapeut Martin Walther. Er übt mit Alisa und Sophie schon seit mehreren Jahren.

"Man vergisst irgendwann das Gefühl, zu stehen"

Für das Selbstwertgefühl der Zwillinge ist es entscheidend, dass sie noch laufen können. Wenige Schritte zwar, aufgestützt und mehrfach abgesichert. Aber es rege den Kreislauf an, sagt Alisa. „Und man spürt noch das Gefühl, auf seinen eigenen Beinen zu stehen. Das vergisst man sonst irgendwann.“

Pauschal könne man nicht sagen, wie sich der körperliche Zustand der beiden entwickeln wird, sagt Martin Walther. „Es steht und fällt mit dem Willen des Patienten und dessen Umfeld.“ Dass die noch vorhandene Beweglichkeit ihre Jobs und das selbstbestimmte Leben sichert, wissen die Frauen. „Wir haben uns gegenseitig, motivieren uns, auch wenn wir nebenbei arbeiten werden“, sagt Alisa. „Wir geben unser Bestes, den körperlichen Zustand zu erhalten, wie er ist.“ 

In Dresden wollen sie auf jeden Fall bleiben, um hoffentlich bald zusammen und ohne Hilfe den Großen Garten besuchen zu können.

Über das Medizinische Zentrum für Erwachsene mit Behinderung:

An wen richtet sich das Angebot?

Menschen, 

  • die das 18. Lebensjahr vollendet haben
  • mit komplexer Behinderung 
  • mit Behinderungsgrad von mindestens 70 Prozent
  • mit mindestens einem Merkzeichen

Was wird angeboten?

  • Abklärung von unklaren Erkrankungen, schweren Verhaltensstörungen oder Schmerzen 
  • Entwicklungsdiagnostik mit individueller Kompetenzanalyse 
  • Koordination von diagnostischen Maßnahmen 
  • Vorbereitung und Organisation von Krankenhausaufenthalten
  • Erstellung eines individuellen Behandlungs- bzw. Therapieplans
  • Anleitung und Schulung von Bezugspersonen
  • Beratung zu speziellen Heil- und Hilfsmitteln, deren Vermittlung und Versorgung
  • sozialmedizinische Beratung

Welche Spezialisten behandeln die Patienten?

  • Facharzt für Neurologie und Psychiatrie
  • Facharzt für Innere Medizin
  • Psychologe
  • Heilpädagoge
  • Physio- und Ergotherapeut
  • Sozialarbeiter/Case Manager

Darüber hinaus kooperiert das Zentrum mit Ärzten anderer Fachrichtungen, zum Beispiel Orthopäden und Radiologen, sowie mit Leistungserbringern der Heil-und Hilfsmittelversorgung

Wie erhalte ich einen Termin?

Nötig sind:

  • ein Überweisungsschein vom Haus- oder Facharzt
  • eine vorherige Terminvereinbarung unter 0351/8563801
Das Zentrum befindet sich auf der Industriestraße 35 in 01129 Dresden. Weitere Informationen auf www.klinikum-dresden.de/mzeb

1 / 4

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden