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Das juristische Nachspiel von Dynamos Saisonfinale

Pyrotechnik, keine Mindestabstände, Beleidigungen – nach den Vorfällen vorm Stadion werden gegen Dynamo-Fans 36 Verfahren eingeleitet.

Viel Rauch und Feuer zündeten Fans am 28. Juni vor dem Stadion - an den Mindestabstand hielt sich hier keiner.
Viel Rauch und Feuer zündeten Fans am 28. Juni vor dem Stadion - an den Mindestabstand hielt sich hier keiner. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Es war sehr emotional an diesem Sonntagnachmittag Ende Juni. Das letzte Spiel der Saison, der Abstieg in die 3. Liga, der Abschied der Vereinsikone Ralf Minge als Sportchef – und auch von einem Großteil der Mannschaft. Es kam viel zusammen. Und das wollten sich einige Hundert Dynamo-Anhänger nicht entgehen lassen, obwohl es ein Geisterspiel war. Sie versammelten sich vor dem Rudolf-Harbig-Stadion, verfolgten die Partie gegen den VfL Osnabrück, die 2:2 endete, auf Handys. Polizei-Einsatzleiter Matthias Imhof schätzte die Teilnehmerzahl auf „bis zu 2.000“.

Sie bejubelten natürlich die Tore der Schwarz-Gelben, skandierten Sprechchöre, zündeten aber auch reichlich Pyrotechnik. Allein während der 90 Minuten detonierten 38 Feuerwerkskörper. Zudem trugen sie keinen Mund-Nasen-Schutz und hielten kaum Abstand – vor allem nicht, als sich die Mannschaft und Minge nach dem Spiel auf dem Stadionumlauf zeigten und bedankten. Die Polizei war mit 130 Beamten im Einsatz, griff aber nicht ein. „Mit Blick auf die Verstöße gegen die sächsische Corona-Schutz-Verordnung ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit für uns maßgebend. Daher findet unser Einschreiten in der Anwendung körperlicher Zwangsmaßnahmen seine Grenzen“, erklärte Einsatzleiter Matthias Imhof.

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Untätig waren die Polizisten aber keinesfalls. Sie filmten das Geschehen und sammelten so Beweise. Inzwischen wurden 36 Verfahren eingeleitet, darunter „vier Strafverfahren wegen Beleidigung, 29 Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen des Verwendens von Pyrotechnik sowie drei Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung“, wie Dresdens Polizeisprecher Marko Laske auf SZ-Nachfrage erklärt. Strafen oder Urteile gibt es bisher noch keine. 

Vier Strafverfahren, 32 Fälle für die Bußgeldbehörde

Für die vier Strafverfahren ist die Staatsanwaltschaft zuständig. Dort seien sie aber noch nicht eingegangen, sagt Oberstaatsanwalt Lorenz Haase. Die restlichen 32 Fälle landen, wenn sie abgeschlossen sind, bei der Bußgeldbehörde der Landeshauptstadt. Dort ist erst eine Anzeige angekommen. „In den übrigen Fällen wird nach Auskunft der Polizei noch ermittelt“, teilt Stadtsprecher Karl Schuricht mit.

Patrick Schmidt (l.), der inzwischen nach Heidenheim zurückgekehrt ist, applaudiert den Fans, ist von der Unterstützung fasziniert. Allerdings feierten die Dynamo-Anhänger die Mannschaft nach dem Abstieg mit viel Feuer und Rauch, dafür ohne Mindestabstand
Patrick Schmidt (l.), der inzwischen nach Heidenheim zurückgekehrt ist, applaudiert den Fans, ist von der Unterstützung fasziniert. Allerdings feierten die Dynamo-Anhänger die Mannschaft nach dem Abstieg mit viel Feuer und Rauch, dafür ohne Mindestabstand ©  dpa/Robert Michael

Den Beschuldigten drohen Geldstrafen, zum Teil drastische. Im Mai 2018 hatte die Stadt eine „Polizeiverordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Zusammenhang mit Fußballspielen im Stadion an der Lennéstraße“ verabschiedet. Diese verbietet das Entfachen, Abbrennen oder Abschießen von „Feuer oder Feuerwerkskörpern, Fackeln, Rauchkerzen, Leuchtkugeln, bengalischen Feuern oder sonstigen pyrotechnischen Gegenständen“. Und dies gilt nicht nur für das Stadion, sondern auch für die Straßen und Plätze drumherum. Verstöße können „mit einer Geldbuße von bis zu 1.000 Euro geahndet werden“, sagt Laske. Voraussetzung dafür ist, dass die Taten auch zweifelsfrei einzelnen Personen zugeordnet werden können.

Auf den Rängen hatten sich die Zündler in der Vergangenheit meist vermummt. Beim Saisonfinale verzichteten sie vor dem Stadion darauf. Das könnte die Identifizierung erleichtern. Bei Verstößen gegen die sächsische Corona-Schutz-Verordnung liegt der Regelsatz bei 150 Euro. Für Beleidigungen sieht das Strafgesetzbuch Geldstrafen von 150 bis 4.000 Euro vor oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Noch ist aber unklar, ob oder wie viele Verfahren eingestellt werden. Die Infektionszahlen stiegen nach dem Fanaufmarsch in Dresden jedenfalls nicht an.

Bußgelder nach Bullenkopf-Wurf

Dynamo-Trainer Markus Kauczinski hatte die Aktion als Zeichen gelobt, „wie wir hier zusammenstehen und mit welchem Herz die Leute dabei sind“. Auf die Verstöße angesprochen, antwortete er: „Es war Polizei da, das Ordnungsamt. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten.“

Sein Kollege Jürgen Klopp vom FC Liverpool hatte nach dem Gewinn der englischen Meisterschaft die ausgelassenen Jubelfeiern der Anhänger dagegen scharf kritisiert. Er rief dazu auf, zu Hause zu bleiben. „Wir sind es den Schwächsten in unserer Gesellschaft schuldig“, schrieb Klopp in einem offenen Brief.

Bußgelder waren gegen Dynamo-Anhänger auch schon beim Pokalspiel gegen RB Leipzig im August 2016 verhängt worden. Damals hatten Fans einen Bullenkopf auf eine Stange gespießt. Weil diese brach, fiel er in den Stadioninnenraum. Als Straftat wurde der makabre Vorfall nicht gewertet, wohl aber als Ordnungswidrigkeit. Wegen Belästigung der Allgemeinheit wurden gegen fünf Erwachsene und einen Jugendlichen Geldbußen von jeweils 250 Euro ausgesprochen. Einsprüche gegen die Bescheide lehnte das Gericht ab. Der Verein wurde vom Sportgericht bestraft.

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