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Die skurrile Geschichte vom Anstrich der Torpfosten

Dynamo-Fans sind bekannt für verrückte Aktionen. 1972 sorgen fünf junge Dresdner mit schwarzer und gelber Farbe für Aufsehen. Wie es dazu kam, erzählen sie jetzt.

Eine eingeschworene Truppe: Die Dynamo-Fans Jürgen Novy, Rolf Kempe, Frank Büttner, Dietmar Novy und Peter Seidel (v.l.) hatten nach einem feuchtfröhlichen Skatabend vor 48 Jahren eine kuriose Idee.
Eine eingeschworene Truppe: Die Dynamo-Fans Jürgen Novy, Rolf Kempe, Frank Büttner, Dietmar Novy und Peter Seidel (v.l.) hatten nach einem feuchtfröhlichen Skatabend vor 48 Jahren eine kuriose Idee. © privat

Dresden ist anders, betonen die Dynamo-Fans immer wieder. Hier werden Spieler wie Fußballgötter verehrt und Abstiege wie Meisterschaften gefeiert. Ob man das gut heißen muss, ist eine andere Frage. Doch eines steht fest: Die Anhänger der Sportgemeinschaft sind speziell, sehr enthusiastisch und manchmal sogar etwas verrückt. Schon immer. Das zeigt eine Story aus dem Jahr 1972, die fünf Dynamo-Fans jetzt mit Abstand stolz erzählen.

Die Dresdner Geschwister Dietmar und Jürgen Novy sowie ihre drei Freunde Peter Seidel, Rolf Kempe und Frank Büttner sind damals zwischen 19 und 20 Jahre alt und regelmäßige Stadiongänger. Zwei Jahre zuvor gründeten sie den Dresdner Skatclub, der heute noch existiert. Gemeinsam verbringen sie viele Abende in der Kneipe, spielen Karten und hecken den einen oder anderen Streich aus.

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An einem „feuchtfröhlichen Skatabend“, wie sie erzählen, entsteht die Idee: Vor dem Oberligaspiel zwischen dem FC Karl-Marx-Stadt und Dynamo Dresden am 18. Dezember 1972 die Torpfosten im damaligen Dr.-Kurt-Fischer-Stadion schwarz-gelb anzumalen. Es ist ihre, zugegeben nicht wirklich feine, Art, ihre Unterstützung für die Lieblingsmannschaft auszudrücken. 

Jetzt sprechen Jürgen Novy und sein Bruder zum ersten Mal mit einem Journalisten über diese Geschichte. „Wir sangen nach dem Kneipenbesuch noch ein Vereinslied und sind zum Dynamo-Stadion weitergezogen. Dort ist dann die Idee entstanden, die Tore eines Oberligastadions schwarz-gelb zu bemalen“, erzählt Jürgen. Und Dietmar ergänzt: „Es sollte einfach ein kleiner Spaß sein. Die Dynamo-Fans sollten beim Auswärtsspiel etwas zu lachen haben.“ Aus dem ersten Gedanken wird schnell ein klarer Plan.

Es soll in Karl-Marx-Stadt passieren. „Die Anfahrt ist relativ kurz. Das kam uns entgegen“, sagt Dietmar Novy rückblickend. Pinsel, Farbe und Taschenlampen sind schnell besorgt. „Wir haben dann noch weitere Vorbereitungen getroffen, Zugverbindungen und Hotel-Übernachtungen gebucht, die Lage des Stadions studiert sowie einen ungefähren Zeitplan erstellt“, berichtet Jürgen Novy .

Sie machen es noch einmal: Jürgen (l.) und Dietmar Novy haben wie vor 48 Jahren einen alten Holzpfosten schwarz-gelb angemalt. Der soll bei ihnen im Garten stehen.
Sie machen es noch einmal: Jürgen (l.) und Dietmar Novy haben wie vor 48 Jahren einen alten Holzpfosten schwarz-gelb angemalt. Der soll bei ihnen im Garten stehen. © Ronald Bonß

Dabei hätte dieser Spaß zur damaligen Zeit bitterböse enden können, deutet der ein Jahr ältere Bruder an. „Wenn sie uns erwischt hätten, dann wäre das wohl kaum als dummer Jungenstreich durchgegangen, da bin ich mir sicher. Uns hätten harte Konsequenzen erwartet.“ Deshalb sprachen sie mit keinem über ihr Vorhaben, nur die Fünfer-Clique war eingeweiht.

Heute können beide über ihre vermeintliche Verwegenheit schmunzeln. Damals hatten sie dann doch ein „eher mulmiges Gefühl“. Doch ernsthafte Sorgen, erwischt zu werden, machten sie sich nicht. „Wir waren Anfang 20. In dem Alter zerbricht man sich über Konsequenzen nicht den Kopf“, sagt Dietmar Novy. Man habe solche Aktionen einfach durchgezogen.

So starten die Freunde das Unternehmen Schwarz-Gelber Toranstrich am späten Abend des 15. Dezember 1972. „Dietmar, Rolf und ich sind am Tag vor der Partie mit dem Nachtzug 22.30 Uhr in Dresden losgefahren“, erzählt Jürgen Novy. Peter Seidel und Frank Büttner sollen erst am Spieltag anreisen. Im Vorfeld waren auch sie an der Planung und Material-Beschaffung beteiligt.

Schwarz und Gelb - die Farben von Dynamo Dresden. So bemalten die Freunde die Tore im Dr.-Kurt-Fischer-Stadion in Karl-Marx-Stadt.
Schwarz und Gelb - die Farben von Dynamo Dresden. So bemalten die Freunde die Tore im Dr.-Kurt-Fischer-Stadion in Karl-Marx-Stadt. © privat

In Karl-Marx-Stadt angekommen, verbringen die drei jungen Männer die ersten Stunden im Hotel und warten bis zu den späten Nachtstunden. „Gegen 2.30 Uhr sind wir erst mit der Straßenbahn Richtung Stadion gefahren und dann das letzte Stück gelaufen“, berichtet Jürgen Novy. Auf ein Taxi verzichtete man bewusst. „Wir wollten kein Aufsehen erregen.“

Durch ein Loch im Stadionzaun gelangen sie schnell auf die Traversen. „Dort war dann kein Mensch zu sehen, auch kein Nachtwächter. Wir waren ganz allein.“ Schnell machen sich die drei ans Werk. „Wir hatten uns vorher eine kleine Skizze gemacht, wie wir die Tore verschönern wollten“, erzählt Dietmar Novy. Diese Zeichnung gibt es heute noch, und sie hat Eingang in die Chronik des Dresdner Skatclubs gefunden.

Nachdem die Tore im Dr.-Kurt-Fischer-Stadion gestrichen sind, entschließen sich die drei Jugendlichen spontan dazu, auch die Bandenwerbung mit einem Dynamo-Schriftzug zu versehen. Nach zwei Stunden sind sie fertig. „Gegen 4 Uhr waren wir wieder im Hotel. Die Anspannung war erst einmal vorbei. Wir haben noch ein Bier getrunken und sind ins Bett gegangen“, erinnert sich Dietmar Novy weiter. „Wir haben, glaube ich, nur drei bis vier Stunden geschlafen“, meint sein Bruder.

Kurz vor dem Spiel ist der Dynamo-Schriftzug auf einer Werbebande noch deutlich zu lesen – auch wenn das Foto wegen der besonderen Umstände damals unscharf geworden ist. Die Dresdner Anhänger sind begeistert. Jürgen Novy hielt den Moment mit seiner Kamera
Kurz vor dem Spiel ist der Dynamo-Schriftzug auf einer Werbebande noch deutlich zu lesen – auch wenn das Foto wegen der besonderen Umstände damals unscharf geworden ist. Die Dresdner Anhänger sind begeistert. Jürgen Novy hielt den Moment mit seiner Kamera © privat

Denn bereits in den frühen Morgenstunden müssen die Novy-Brüder und Kumpel Rolf wieder aufstehen. Die drei wollen die restlichen Skatclubmitglieder vom Bahnhof abholen und mit ihnen gemeinsam zum Stadion gehen. Doch dort ist von der nächtlichen Malaktion fast nichts mehr zu sehen. Knapp eine Stunde vor dem Anpfiff sind die Tore wieder weiß gestrichen. Lediglich der Dynamo-Schriftzug auf der Bande ist noch lesbar. „Davon haben wir dann gleich ein Foto gemacht“, sagt Jürgen Novy, und Bruder Dietmar ergänzt: „Wir haben es eigentlich auch erwartet, dass es sofort weggemacht wird, obwohl wir uns viel Mühe gemacht hatten.“ Man habe extra spezielle Ölfarbe genommen, die schwer zu übertünchen ging.

Hans-Jürgen Kreische, damals Dynamos Torschütze beim 1:1, weiß heute nichts mehr von der Aktion: „Unsere Fans haben auch damals schon einige verrückte Sachen gemacht, aber daran erinnere ich mich leider nicht mehr.“ Dietmar und Jürgen Novy nehmen das ihrem damaligen Idol nach so langer Zeit aber nicht krumm.

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Auch weil ihnen eine Erinnerung bis heute geblieben ist. Denn sogar Die Neue Fußballwoche, das Fachblatt in der DDR, widmete dem Streich einige Zeilen. „Unbekannte – dieser Spaß geht aber entschieden zu weit! – hatten in der Nacht zum Sonnabend die Tore im Dr.-Kurt-Fischer-Stadion schwarz-gelb angestrichen, mit den Farben Dynamo Dresden versehen“, hieß es am darauffolgenden Dienstag gleich zu Beginn des Spielberichtes. So wussten die Fans in der gesamten Republik, wie verrückt die Dynamo-Anhänger sein können.

Selbst die DDR-Fußballzeitschrift Fuwo berichtete nach dem 1:1 über den Jungenstreich der fünf Dynamo-Fans. Damals wusste man noch nicht, wer die Übeltäter waren.
Selbst die DDR-Fußballzeitschrift Fuwo berichtete nach dem 1:1 über den Jungenstreich der fünf Dynamo-Fans. Damals wusste man noch nicht, wer die Übeltäter waren. © Fuwo

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