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Dynamo: Wieso Hartmann kein Gute-Laune-Bär sein will

Im Trainingslager spricht der Ex-Kapitän der Schwarz-Gelben über seine Heimat, seinen Glauben und seine Rolle in der neuen Mannschaft.

Vor dem Mannschaftshotel in Heiligenstadt posiert Marco Hartmann für die Fotografen. Das Eichsfeld ist seine Heimat, hier fühlt er sich wohl.
Vor dem Mannschaftshotel in Heiligenstadt posiert Marco Hartmann für die Fotografen. Das Eichsfeld ist seine Heimat, hier fühlt er sich wohl. © Lutz Hentschel

Von Daniel Klein, Heiligenstadt

Hinter jeder Kurve wartet ein neuer Hügel. Zäune und Wachtürme in Gedenkstätten erinnern an die innerdeutsche Grenze, die hier bis 1990 verlief. Die vielen Wegkreuze und Heiligenbilder zeugen von einer langen katholischen Tradition, eine Besonderheit in der DDR. Das Eichsfeld ist die Heimat von Marco Hartmann. Auch wenn er schon seit 14 Jahren nicht mehr hier lebt, benutzt er den Begriff mit großer Überzeugung.

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Diese Region ist für ihn, das spürt man sofort, wenn er über sie spricht, nicht nur eine Episode in seiner Vita. „Alle sechs bis acht Wochen“, sagt er, „versuche ich hierherzukommen.“ Natürlich, um die Familie, die Mutter, Oma, Tanten und Onkels zu besuchen, aber auch die Freunde, die hiergeblieben sind und nicht weggezogen wie er.„Heimat ist dort, wo man Menschen hat, denen man sich verbunden fühlt, die einen durchs Leben begleiten und denen man vertraut“, erzählt er auf der Terrasse des Mannschaftshotels in Heiligenstadt. Nur wenige Kilometer entfernt in Worbis ist Hartmann aufgewachsen und hat bis zum Abitur dort gelebt. Hier kennt er jede Ecke, jeden Winkel. Dass Dynamo das Trainingslager südlich des Harzes absolviert, ist für ihn ein Heimspiel.

Das Eichsfeld, das wird im Gespräch mit den Journalisten deutlich, hat ihn geprägt – als Mensch, aber auch als Fußballer. Es gibt nicht viele Profis, die wie er nebenbei erfolgreich ein Lehramtsstudium absolviert haben. Und es gibt auch nicht viele, die bereits 32 sind und trotzdem erst bei zwei Vereinen einen Vertrag unterschrieben haben: Sieben Jahre war Hartmann beim Halleschen FC, sieben ist er jetzt bei Dynamo. Das spricht für Treue und eine gewisse Bodenständigkeit.

Viel Natur, viele Dörfer - keine Großstädte

Die zeigt sich auch, wenn er zum Training mit einem alten Fahrrad kommt. Hartmann erfüllt kaum ein Klischee seiner Branche. „Im Eichsfeld“, sagt er, „gibt es viel Natur und viele Dörfer, aber keine Großstädte. Die nächsten sind Erfurt und Göttingen und eine Stunde weg.“ Für einen Jugendlichen klingt das nicht verlockend, ihn hat das offenbar kaum gestört. „Ich habe hier eine sehr schöne Kindheit und Jugend verbracht.“

Trinken ist wichtig, denn bei den Einheiten im Trainingslager im Heilbad Heiligenstadt kommen Marco Hartmann und die anderen Dynamo-Profis mächtig ins Schwitzen.
Trinken ist wichtig, denn bei den Einheiten im Trainingslager im Heilbad Heiligenstadt kommen Marco Hartmann und die anderen Dynamo-Profis mächtig ins Schwitzen. © Lutz Hentschel

Auch er sei katholisch erzogen worden, sagt er. „Meine Familie geht regelmäßig in die Kirche, ich nicht mehr so häufig.“ Ob er ausgetreten ist, will er nicht sagen, das sei zu privat. „Die religiöse Erziehung vermittelt neben Moral sehr viele Werte. Mir hat das gutgetan, und deshalb gebe ich das auch an meine Kinder weiter – ohne, dass ich streng gläubig bin.“ Zu Weihnachten und Ostern etwa erzählt er seinen Kindern die biblischen Geschichten, die hinter den Festen stehen.

In Dresden unterrichtet seine Frau an einer Schule, sein Sohn geht inzwischen in die Kita. Dresden sei zu einer zweiten Heimat geworden. Deshalb wollte er am sich anbahnenden Ende seiner Karriere nicht mehr weg von Dynamo, trotz des Abstieges. „Der Verein bedeutet mir sehr viel. Und ich bin dankbar, dass man mir das angeboten hat.“ Vor einigen Wochen hat er einen Einjahres-Vertrag mit Option unterschrieben.

Stark oder Hartmann? Warum nicht beide?

Irgendwann kommt das Gespräch also doch auf den Fußball, auf seine Rolle in der neuen Mannschaft und auf die Ziele in der neuen Saison. Niemand fragt nach den Verletzungen, die ihn so häufig verfolgt haben. Das genießt er spürbar. „Es ist schön, dass ich mal nicht darüber reden muss.“

Beim Trainingslager kann er vom ersten Tag an voll mitmachen, das war zuletzt eher die Ausnahme als die Regel. Bleibt das so, will er wieder regelmäßig auf dem Platz stehen. „Wenn ich nicht den Anspruch hätte, zur Stammelf zu gehören, hätte ich aufgehört“, sagt Hartmann. „Nur der Gute-Laune-Bär zu sein, ist nicht meins.“ Da gibt es nur ein Problem: Dynamo hat mit Yannick Stark von Darmstadt 98 einen zweitligaerfahrenen Konkurrenten verpflichtet. Und Trainer Markus Kauczinski braucht beim neuen System nur einen defensiven Mittelfeldspieler. Dort sieht er seine Rolle, nicht mehr in der Innenverteidigung, wo er zwischendurch auch gespielt hat.

In der neuen Saison will Hartmann jede Hürde überwinden.
In der neuen Saison will Hartmann jede Hürde überwinden. © Lutz Hentschel

Also könnte eine der kniffligen Personalfragen, die Kauczinski lösen muss, lauten: Stark oder Hartmann? Für den dienstältesten Dynamo-Profi stellt sich die jedoch nicht. Seine Lösung lautet: Stark und Hartmann. „Ich glaube, Yannick ist offensiv stärker als ich, und ich bin am Mann ein bisschen stärker“, erklärt er. „Die Mannschaft braucht eine gewisse Balance.“ Stark, so seine Vorstellung, könnte auf einer der beiden Positionen im vorderen Mittelfeld agieren und er auf der defensiven.

Ganz sicher hat er diese Idee auch schon mit dem Cheftrainer besprochen. Dynamo veröffentlichte in den sozialen Netzwerken ein Foto, auf dem beide in ein Gespräch vertieft auf einer Hotelbank sitzen. Ein zwangloser Austausch sei das gewesen, betont Hartmann.

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Dennoch bekommt man den Eindruck, dass er als einer der wenigen Konstanten wichtiger geworden ist in dem neu formierten Kader. Sogar ein Comeback als Kapitän wäre keine Überraschung mehr. „Vorstellen könnte ich mir das“, sagt er. „Wichtig ist, dass es jemand wird, der mit seiner Leistung und seiner Persönlichkeit vorweg geht. Und da wurden gezielt einige Leute geholt, die das verkörpern.“Die größte Herausforderung der neuen Saison sieht er im Umgang mit der Favoritenrolle, die Dynamo bereits hat. „Diese Erwartungen übertragen sich natürlich auf die Spieler, davon kann man sich nicht komplett freimachen. Wenn es mal nicht so laufen sollte wie erhofft, dürfen wir nicht nervös werden“, erklärt er.

Bei Hartmann besteht da wenig Gefahr.

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