merken
PLUS

Dynamo

Warum Dynamo einen dritten Geschäftsführer will

Auf die Stelle haben sich 62 Bewerber gemeldet. Doch welches Profil muss die neue Führungskraft haben - das erklärt ein Experte im Interview.

Noch sind sie zu zweit: Dynamos Geschäftsführer Ralf Minge (Sport/l.) und Michael Born (kaufmännisch).
Noch sind sie zu zweit: Dynamos Geschäftsführer Ralf Minge (Sport/l.) und Michael Born (kaufmännisch). © Robert Michael

Die Stelle war ausgeschrieben, 62 Bewerbungen sind eingegangen: Dynamo Dresden will sich mit einem dritten Geschäftsführer verstärken. Intern wird seit Längerem eine Diskussion über die Struktur geführt, in welcher der Verein für stetig wachsenden Anforderungen und neuen Aufgabenfelder im Profi-Fußball handlungs- und entwicklungsfähig bleibt. Der Aufsichtsrat bewertet nun die Kandidaten, aber: Wen braucht der Verein jetzt? 

Das weiß Professor Sascha Schmidt. In mehreren Workshops hat der Leiter des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf den Aufsichtsrat beraten – und die Umstrukturierung konkret angestoßen. Im SZ-Interview erklärt Schmidt, wieso diese wichtig, bei Dynamo aber besonders schwierig werden dürfte.

Erfüllen Sie sich Ihren Wohntraum
Erfüllen Sie sich Ihren Wohntraum

Eine Veränderung wäre doch gut, oder etwa nicht? Tipps zum Thema Einrichtung und Wohnen gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de. Ein Blick hinein lohnt sich!

Professor Sascha Schmidt ist Leiter des Center for Sports and Management an der Uni in Düsseldorf.
Professor Sascha Schmidt ist Leiter des Center for Sports and Management an der Uni in Düsseldorf. © Foto: CSM

Herr Professor Schmidt, Dynamo sucht einen dritten Geschäftsführer. Warum sind ein kaufmännischer und der Sport-Geschäftsführer nicht genug?

Grundsätzlich ist es so, und das gilt nicht nur für Dynamo Dresden, dass gerade Fußballvereine in den vergangenen Jahren unglaublich gewachsen sind. Es sind vielfältige Aufgaben hinzugekommen, allein wenn man sich das Thema Digitalisierung anschaut mit all seinen neuen Geschäftsmodellen, aber auch den damit verbundenen internen Prozessanforderungen. Von daher ergibt es durchaus Sinn, diese Aufgaben auf mehreren Schultern zu verteilen. Andere Vereine machen das vor, die haben drei und manche noch mehr Geschäftsführer oder Vorstände.

Was muss der neue Mann bzw. die neue Frau können?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Es kommt darauf an, wie sich Dynamo inhaltlich aufstellen will – und welche neuen Geschäftsmodelle daraus entstehen. Das betrifft gar nicht Dynamo allein, wenn man nur mal das Thema E-Sport als Beispiel nimmt. Damit müssen sich die Vereine jetzt auseinandersetzen, was auch immer man am Ende damit macht. Darüber hinaus kommen ständig neue Technologien auf den Markt. Da gilt es auszuloten, ob diese überhaupt für den Verein relevant sind oder nicht, und ob der Verein sofort handeln muss, oder die Technologien zunächst weiter beobachten möchte. Das sind strategische Fragen, die beantwortet werden müssen. Und dafür braucht man Leute, die sich ernsthaft darum kümmern – auch auf Entscheiderebene.

Oft werden Entscheider-Positionen mit ehemaligen Spielern besetzt. Teilen Sie die Behauptung, dass dies bei der rasanten Entwicklung manchmal eher hinderlich ist – und bei Themen wie Digitalisierung noch viel mehr?

Sagen wir mal so: Allein Spieler bei dem Verein gewesen zu sein, reicht als Qualifikation natürlich nicht aus. Eine Fachexpertise muss vorhanden sein. Allerdings bringen ehemalige Spitzensportler gerade in puncto Engagement, Disziplin und mentaler Stärke sehr wertvolle Persönlichkeitseigenschaften mit. In ihre berufliche Qualifikation zu investieren, zahlt sich für Unternehmen in der Regel aus. Fehlende Kenntnisse lassen sich erwerben, aber Persönlichkeitseigenschaften können dagegen kaum, oder nur über einen längeren Zeitraum verändert werden.

Mal abgesehen von Ex-Fußballern: Bieten Fußballvereine überhaupt attraktive Arbeitsplätze?

Nach wie vor gilt, dass Fußballvereine das emotionalste Produkt haben. Wen das nicht anspricht, bei dem habe ich als Verein natürlich wenige Chancen, der entscheidet sich für andere Angebote. Trotzdem müssen sich die Vereine darüber im Klaren sein, dass sie sich im härtesten Wettbewerb um die besten Talente auch außerhalb des Platzes befinden. Denn der Bedarf an Fachleuten, speziell im digitalen Bereich, ist derzeit an allen Orten sehr hoch. Um diese Leute zu bekommen, reicht es nicht aus, nur Fußballverein zu sein.

Was heißt das?

Die Vereine müssen – ähnlich wie bei Spielertransfers – eine Rekrutierungsstrategie haben, wie sie Fachkräfte zum einen finden und zum anderen an den Klub binden können. Im Spielerbereich sind sie den Unternehmen ja damit sogar voraus. Da gibt es Prozesse und Mechanismen, um einen Spieler zu verpflichten. Dieses Knowhow zu übertragen, bietet sicher auch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt abseits des Spielfeldes.

Gibt es eine idealtypische moderne Klubstruktur, die Sie empfehlen können?

Nein. Dieses eine Modell, das man über alle Vereine stülpen kann, gibt es nicht. Vielmehr muss die Struktur des Vereins immer aus seiner Strategie abgeleitet werden. Es gilt die Prämisse: Struktur folgt Strategie. Wenn nicht klar ist, welche Strategie ich verfolge, kann ich auch keine passenden Strukturen aufbauen. Denn die Strukturen dienen sozusagen als Gehilfen der Strategie, sie sind dazu da, die langfristigen Ziele des Vereins bestmöglich umzusetzen.

Was ist denn die passende Strategie für Dynamo?

Es wäre ein bisschen zu einfach, das jetzt aus der Ferne festzustellen. In jedem Fall hat der Verein eine klare Vision, die es nun in eine Strategie zu übersetzen gilt.

Dynamo legt großen Wert darauf, ein mitgliedergeführter Fußballverein zu sein – und das auch zu bleiben. Ist das denn zeitgemäß? Lässt sich das mit den sportlichen und wirtschaftlichen Zielen vereinbaren?

Das ist ein Spagat. Aber Dynamo ist auch nicht der einzige mitgliedergeführte Verein, da muss man nur in die Bundesliga schauen. Schalke 04 ist es gelungen, diesen Spagat erfolgreich zu gestalten – dabei darf man nicht nur den kurzfristigen sportlichen Erfolg bewerten. Nicht zuletzt gibt es auch die Möglichkeit, über Tochtergesellschaften neue Geschäftsfelder aufzubauen. Es ist und bleibt zweifelsohne eine Herausforderung, schließt sich aber per se nicht aus.

Fußballklubs sind Sportvereine, keine Unternehmen. Lassen sich moderne Strukturen deshalb schwieriger umsetzen?

Was man sagen kann: Viele Vereinsstrukturen sind wie in Unternehmen über Jahre gewachsen. Zum Teil wurden diese auch um Personen herum gebaut. Das macht es natürlich schwerer, den Verein umzustrukturieren. Bei einem neuen Unternehmen – oder Verein – auf der grünen Wiese lässt sich das einfacher planen – weil es keinerlei Historie oder Befindlichkeiten gibt. Aber die Tradition an sich ist nicht das Problem.

Was dann?

Dass bei starkem Wachstum, und das Problem haben Fußballvereine nicht exklusiv, die Strukturen nicht schnell genug mitwachsen. Irgendwann lässt sich das Tagesgeschäft nicht mehr professionell genug stemmen. Spätestens dann ist man zur Umstrukturierung gezwungen.

Wie erklärt man diesen Wandel dann am besten Fans, die bei der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs fast schon allergisch reagieren?

Weiterführende Artikel

Dynamo reagiert im Führungsstreit

Dynamo reagiert im Führungsstreit

Born oder Minge - das ist nicht mehr die Frage bei der SGD. Der Aufsichtsrat hat sich für einen dritten Weg entschieden.

Der Führungsstreit bei Dynamo eskaliert

Der Führungsstreit bei Dynamo eskaliert

Der Aufsichtsrat ist kurz davor, den Konflikt zwischen Ralf Minge und Michael Born zu lösen – und einen Geschäftsführer zu entlassen. Doch dann kommt alles anders.

Grundsätzlich sollten Fans wie Vereinsvertreter doch dasselbe Ziel haben: Dass die Mannschaft, und somit der Verein, dauerhaft erfolgreich Fußball spielt. Doch das heißt nun mal, sich im Wettbewerb mit anderen Klubs der Liga zu behaupten. Wachstum und Weiterentwicklung kann man sich gar nicht entziehen, weil ansonsten die Wettbewerbsfähigkeit verloren ginge – und damit die Chance, dauerhaft erfolgreich Fußball zu spielen. Wenn das Ziel aber beispielsweise der Erhalt der Tradition, völlig unabhängig von der Ligazugehörigkeit, sein sollte, ist die Konstellation natürlich eine andere. In jedem Fall sollte der Verein seine Fans auf dem Weg der Veränderung mitnehmen und ihnen auch Sachzwänge verdeutlichen. Es ist immer ein Problem, wenn Leute vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

Das Interview führte Tino Meyer.

Mehr zum Thema Dynamo