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Großenhain

"Dynamo war wie Wild-West"

Dieter Riedel war der erste Dresdner Torschütze im Europapokal, Olympiasieger und Vereinspräsident. Im Schloss Schönfeld hat er auch davon erzählt.

Fußballabend in Schönfeld am Donnerstag:  Ein gut gelaunter Moderator Gert Zimmermann begrüßte Ex-Dynamo Dieter Riedel, der viele Autogramme - hier für Enrico Uschner -  schreiben musste (v.l.).
Fußballabend in Schönfeld am Donnerstag: Ein gut gelaunter Moderator Gert Zimmermann begrüßte Ex-Dynamo Dieter Riedel, der viele Autogramme - hier für Enrico Uschner - schreiben musste (v.l.). © Anne Hübschmann

Das Geburtshaus von Dieter Riedel in Gröditz steht noch. Unweit davon ist auch Klaus Sammer großgeworden. Zwei Legenden unter den Fußballern von Dynamo Dresden, die sich bis heute ihrem Verein verbunden fühlen und sich hin und wieder sogar am Stammtisch in Dresden treffen. 

Der heute 72-jährige Dieter Riedel war nicht nur der körperlich Kleinere, sondern stand auch als Co-Trainer neben dem 1,93-Hünen Sammer in den 1980er Jahren "im Schatten". Doch gemeinsam gingen sie durch dick und dünn. 

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Über 30 Jahre ist das her, doch Dieter Riedel erzählt im komplett gefüllten Schloss-Saal von Schönfeld darüber, als wäre es gestern gewesen. 1983 übernahm er mit Sammer den Verein in einer schwierigen Phase. Eher überraschend erreichte Dynamo 1986 dann das Viertelfinale im Europapokal der Pokalsieger. Gegner: Bayer Uerdingen. Dynamo war mit einem 2:0-Polster nach Uerdingen gefahren, führte dort zur Halbzeit 3:1. Daraus wurde binnen 20 Minuten ein 3:7. 

„Es gibt Spiele, die kann man nicht erklären“, glaubt Riedel und blickt in verdutzte Gesichter im Schloss-Saal. Er versucht es dennoch: Da musste in der Halbzeit  Ersatztorhüter Jens Ramme rein, der so aufgeregt war, „dass er sich in der Kabine die Hose nicht allein ausziehen konnte“. Der Schiedsrichter habe Mitte der 2. Halbzeit das Spiel gekippt, als er zwei Elfmeter für Uerdingen gab. "Dixie" Dörner unterlief ein Eigentor ... 

„Unter den Jahrhundertspielen rangiert das Rückspiel wohl auf dem ersten Platz“, sagt Riedel süffisant. Auch in der Vorbereitung auf die Saison sei einiges schiefgelaufen. So musste Dynamo im Januar zu einem Trainingslager nach Teheran im Iran. „Das war ein politischer Auftrag - denn da flogen Waffen mit“, spielt Riedel auf die damalige politische Situation an. Statt grünem Rasen wurde auf Hartplätzen trainiert. Nach dem Uerdingen-Spiel „ist Sammer von 1,93 auf 1,75 Meter und ich von 1,70 auf 1,50 Meter geschrumpft“, beschreibt er die Gemütslage des Trainergespanns. Die Entlassung folgte auf dem Fuße.

Der einstige flinke Flügelstürmer erzählt es ohne Groll.  Weil ja die positiven Dinge der Spielerkarriere eh klar in der Überzahl sind. 1967 stieg Dieter Riedel als damals 20-Jähriger in Dynamos "Erste" auf. 

„Das war eine schöne Zeit“, erinnert er sich. Nicht nur, weil er im damaligen Messecup gegen die Glasgow Rangers Dynamos erstes Europapokaltor erzielte. „Ich sollte eigentlich ausgewechselt werden“, so Riedel. Doch sein letzter Angriff war von Erfolg gekrönt. 

Dass er mit dem Verein ein Jahr später aus der DDR-Oberliga abstieg, habe sich später ausgezahlt. Der Anreiz für den Wiederaufstieg war ein Auto für die Spieler. „Ich habe dann 1969 einen weißen Trabi gekriegt und mit einem roten Dach versehen lassen. Das war damals in“, sagt Dieter Riedel und lacht.

Unter "Wundertrainer" Walter Fritzsch erlebte er die erfolgreichste Zeit. Auch wenn er ausgerechnet an seinem Geburtstag 1971 in Ungnade fiel. Nach einem Europapokal-Auftritt gegen das Star-Ensemble von Ajax Amsterdam ließ er sich mit einigen Mannschaftskollegen zu einem Bar-Besuch überreden. Mit mehreren Cola-Whisky im Blut, „war es ein bissel spät geworden“. Im Hotel wurden die Abtrünnigen bereits „von zwei Leuten im Ledermantel erwartet“. Danach habe er vom Verein kein Geburtstagsgeschenk, dafür aber drei Monate Sperre bekommen.

Dieter Riedel gehörte auch zum Aufgebot der legendären Spiele gegen Bayern München. In der bayerischen Metropole wurde er eingewechselt. „Ein Fehler von Walter Fritzsch. Er hätte lieber Klaus Sammer gebracht, um in der Abwehr Ordnung zu schaffen“, sagt Riedel. Dem 3:4 von München folgte zwei Wochen später ein 3:3. Weil „der Bomber der Nation Gerd Müller seinen kleinen Zeh im richtigen Moment hingehalten hat“, beschreibt er den Ausgleich der Bayern. 

1981 beendete Dieter Riedel seine aktive Laufbahn. Mit 31, aber nicht ganz freiwillig. Nach einem 1:0 in Erfurt, wo er "ausgeholfen" hatte, stand er eine Woche später plötzlich nur noch  im Kader der 2. Mannschaft. „Da hatte ich die Schnauze voll.“

Als Nationalspieler erlebte er den größten DDR-Triumph, wurde mit dem Team von Trainer Georg Buschner 1976 Olympiasieger in Montreal. Dabei hatten sich die Fußballer vor allem der Gegenwehr der DDR-Sportführung zu erwehren. Die hatte nach einem 0:0 im Auftaktspiel gegen Brasilien die Fußballer als "Schande der Nation" betitelt. Umso härter, so Riedel, habe man sich auf die folgenden Begegnungen eingestellt, denn "wir waren ein verschworener Haufen." Olympia sei überhaupt ein wundervolles Erlebnis gewesen. "Das kann mir keiner mehr nehmen", sagt Dieter Riedel. Seine Augen glänzen.

Differenziert fällt seine Rückblende auf die Nachwendezeit aus. Riedel begrüßte die Maueröffnung. "Es wurde Zeit, dass die mal die Bude aufmachen."  Doch die Folgen für den Fußball im Osten waren schlimm. "Es wurde alles kaputtgemacht. Und Dynamo Dresden war ein ganz spezieller Fall", sagt er. 

Rolf-Jürgen Otto, der neue Präsident, logierte im Hotel Bellevue und gab Geld aus, das nicht da war. „Dynamo war ein Selbstbedienungsladen, es war wie Wild-West“, sagt Dieter Riedel und zieht die Stirn in Falten. Ironie der Geschichte: Der Ex-Dynamo wurde Ottos Nachfolger. „Wir waren finanziell tot“, erinnert er sich. So sei er zum Beispiel zu einem Unternehmer auf Betteltour gegangen, um die Spielergehälter zahlen zu können  115.000 D-Mark. 

„Als ich mit dem Scheck ins Büro kam, musste ich den gleich dem wartenden Gerichtsvollzieher geben ...“  Doch das Ringen des Präsidenten und seines Teams um Konsolidierung war dennoch nicht umsonst. „Wir sind unter anderem dafür zuständig, dass das Klingelschild bei Dynamo Dresden drangeblieben ist“, sagt Dieter Riedel ein wenig stolz. Dafür gibt es Beifall vom Schönfelder Publikum.

1997 schied Dieter Riedel aus dem Präsidium aus. Nach kurzer Trainerstation in Freiberg heuerte er als Sportlehrer an. Heute ist er Rentner. Von seiner Wohnung im Dresdner Zentrum ist das Rudolf-Harbig-Stadion nur einen Steinwurf entfernt. Nach dem 1:0 gegen Karlsruhe, das er live erlebte, hat er sich gefreut, „endlich mal wieder was Positives“ von Dynamo zu sehen. 

Dass ausgerechnet der K-Block der Fans vorher miese Stimmung verbreitet hat, stimmt ihn nachdenklich. „Der Block, der Dynamo lieb und teuer ist“, wie er sagt. Und doch hofft er natürlich, dass Dynamo Dresden die 2. Liga halten kann. An die Champions League, in deren Vorgänger er seine größten Erfolge feierte, mag Dieter Riedel allerdings nicht denken.