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Ein Labyrinth aus Heu

Ziegenversteher Patrick Pietsch lädt in Königstein-Halbestadt in einen Irrgarten ein, den seine Tiere verteidigen. Nicht nur deshalb ist der Mensch gefordert.

Ziegenhirte Patu Radfeld, alias Patrick Pietsch, hat in Halbestadt eine Festung aus Heu gebaut. Die kleine Schwester der Festung Königstein wird von seinen Ziegen bewacht.
Ziegenhirte Patu Radfeld, alias Patrick Pietsch, hat in Halbestadt eine Festung aus Heu gebaut. Die kleine Schwester der Festung Königstein wird von seinen Ziegen bewacht. © Marko Förster

Halbestadt hat wahrscheinlich die höchste Ziegen-pro-Einwohner-Quote. Allein 33 Tiere blöken für Patrick Pietsch, der als Ziegenhirte Patu auch Wanderungen mit den Tieren anbietet. Jetzt hat er ein Labyrinth und eine Festung gebaut. 

Eine grüne auf einem Hang am alten Hafen Halbestadt gegenüber der steinernen auf der anderen Elbseite. Der Weg zur grünen Festung ist zwar nicht so steil, aber auch nicht ganz einfach. Er führt nämlich durch ein Labyrinth. Eines, das überschaubar ist, aber trotzdem in die Irre führen kann.

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Das Labyrinth entstand beim Heumachen einfach so, sagt Patrick Pietsch. Ohne Plan oder Zeichnung. Deshalb ist auch der Hirte nicht vor Irrwegen gefeit, obwohl er mit dem Rechen vornweg läuft. Aber auch das mit dem Verirren ist Absicht, denn das Labyrinth ist mehr als ein Weg durchs Heu, sondern hat für Patrich Pietsch eine politische, künstlerische und philosophische Dimension.

Das Labyrinth kann jeder selbst durchlaufen. Zu den Ziegen und auf die grüne Festung kommt man nur, wenn Pietsch vor Ort ist. Dann schaltet er den Strom des Zauns ab, klettert auf die Festung – ein mit einer grünen Plane überzogener großer Heuhafen – und die Ziegen kommen sofort hinterher. Sie verteidigen ihre Festung, so der Gedanke von Pietsch. Ohne dass ihnen das natürlich bewusst ist, und sie zertrampeln ihr späteres Futter. „Doch hinter der Mauer, hinter der Festung, ist eine eigene Kultur von vielfältigen Individuen entstanden, welche genauer dieser Ernährungsgrundlage beraubt wurden“, sagt Pietsch und fragt: „Wem gehört eigentlich das Heu?“ Der Stadt, von der er die Wiese gepachtet hat, ihm, der sie mäht, den Ziegen, die das Futter essen, uns allen?

Das mit dem Heu ist natürlich doppeldeutig. Der „gemeine Mensch“ braucht nicht lange, um bei Heu an Geld zu denken. Pietsch sagt Sätze wie „Das Kernproblem ist der Mensch“, ohne dass er verbiestert, weltfremd oder Menschenfeind ist. Er hat nur für sich einen anderen Weg gesucht und gefunden. Vor vier Jahren ist er aus seinem IT-Hamsterrad ausgestiegen.

Pietsch wollte mal was anderes machen. In seinem Leben und mit dem Labyrinth. Er spricht oft von den Blasen, in denen wir sitzen. Von der Großstadtblase zum Beispiel, die er von Dresden gen Königstein verlassen hat. Jetzt sitzt er auf der grünen Blase, sprich Festung, und die Ziegen um ihn herum sind ganz schön neugierig. Er gibt ihnen immer wieder einen Nasenstieber und sagt „Nein“, wenn sie zu keck sind und zu nah kommen.

Pietsch stellt die Klimaveränderung infrage und denkt doch tiefökologisch, nur eben anders. Er will aus Wissen ein anders Handeln anregen. Die Ziegen, sein Leben, das Labyrinth, die Irrwege – das alles gehört zur Philosophie von Patrick Pietsch. Man braucht Offenheit und Fantasie, sich darauf einzulassen. Deshalb ist auch der auf den ersten Blick als der einfache Weg durch das Labyrinth zum Ziel gesperrt. Auch das wieder ein Symbol. Für die Ressourcen, die aus-, ab- und erschöpft sind und die die Menschen sich gegenseitig klauen.

Am Sonnabend war Pietsch mit seinen Ziegen, dem Labyrinth, der grünen Festung und seinen Gedanken allein. „Die meisten Leute rennen auf den Lilienstein“, sagt er. Einige schauen zwar und schmunzeln und laufen doch weiter. Die nächsten Tage wird er immer 10 Uhr vor Ort sein. Mit der Fähre von Königstein nach Halbestadt, dann etwa 400 Meter nach links und gegenüber von den Häusern auf die kleinen Schilder achten. Der Lilienstein läuft ja nicht weg.

Natürlich kann man den Weg durchs Labyrinth auch einfach so laufen, ohne über die Welt, das Heu an sich und überhaupt, nachzudenken, sondern sich einfach nur an der Natur zu freuen und den Ziegen beim Blöken zuhören. Die haben die grüne Festung inzwischen mit Aroniabeeren verziert. So nennt Pietsch, das was die Ziegen nach dem Verdauen hinterlassen. Am Ende bleibt die Frage: Wie viel Ziege steckt im Menschen und wie viel Mensch in der Ziege. Und das ist gar nicht anzüglich gemeint. Oder anders gesagt: Nichts Menschliches – und nichts Tierisches – ist mir fremd.


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