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Ein offener Brief an Joachim Gauck

Der frühere Bundespräsident fordert mehr Toleranz "in Richtung rechts". SZ-Redakteur Marcus Thielking würde sogar noch weiter gehen. Eine Satire.

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck
Alt-Bundespräsident Joachim Gauck © Patrick Seeger/dpa

Lieber Joachim Gauck!

Haben Sie vielen Dank für den Mut, endlich mal eine dringend notwendige Wahrheit ausgesprochen zu haben. Schon seit geraumer Zeit hege ich ähnliche Gedanken wie Sie, nur habe ich mich bislang nie getraut, diese öffentlich zu äußern. Wir leben bekanntlich in einer Gesinnungsdiktatur. Ehe man sich’s versieht, landet man in den Folterkellern des herrschenden Systems. Nun aber haben Sie, als ehemaliger Bundespräsident, eine „erweiterte Toleranz in Richtung rechts“ gefordert. Dem kann ich als Bürger Sachsens nur beipflichten: Tatsächlich braucht unser Land zurzeit nichts mehr als das!

Gerade in den letzten Jahren wird in dieser Republik alles, was rechts ist, mundtot gemacht, unterdrückt und staatlich verfolgt. Wann haben Sie zum Beispiel zuletzt ein Interview mit einem Rechten in der Zeitung gelesen oder gar einen Rechten in einer Talkshow gesehen? Die werden einfach ignoriert. Nun haben Sie betont: „Sie sind da.“ Das glaube ich auch, allerdings habe ich keine Ahnung, wo sie sind. Mir fallen auf Anhieb jedenfalls gar keine rechten Politikerinnen oder Politiker ein. Gibt es überhaupt eine rechte Partei? Wahrscheinlich nicht, denn die wäre ja längst verboten.

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Toleranz kommt vom lateinischen „tolerare“, was so viel bedeutet wie erdulden oder ertragen. Heißt das denn, Ihnen gehen die Rechten eigentlich voll auf die Nerven? Sie haben auch gesagt, Sie finden „die Typen suspekt und retro“. Aber das sei nun mal der Sinn von Toleranz: auch das, was einem selbst fremd ist, zu respektieren. Diese Einstellung von Ihnen kann ich als Freund der Rechten jedoch nicht tolerieren. Denn das würde ja bedeuten, dass wir auch Kopftücher, Homosexuelle, Elektrofahrzeuge, Angela Merkel und vielleicht sogar Linke ertragen müssten. Wo kämen wir denn da hin?

Alle schwafeln von Toleranz, aber wenn ein Rechter mal was sagt, wird nur rumgemäkelt. Das ist doch ungerecht. Nehmen Sie als Beispiel Kevin Kühnert, den Juso-Chef. Als der neulich was von Sozialismus und Enteignung sagte, da gab es überhaupt keine Reaktion. Nullkommanix. Keine Zeitung hat einen kritischen Kommentar gedruckt, kein Politiker hat ihm widersprochen. Deshalb fordere ich, dass für alle, vor allem aber für Rechte, der Grundsatz gilt: Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, und zwar ohne Widerworte.

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Leider ahne ich, dass ich zu diesem Text hier wieder böse Leserbriefe erhalten werde. Sie glauben gar nicht, wie anstrengend das ist als Journalist. Oft kommt es vor, dass ich einen Artikel schreibe – und dann werde ich dafür kritisiert. Das müssen Sie sich mal vorstellen, das ist doch total intolerant! Können mich die Leute nicht einfach in Ruhe lassen? Außerdem verstößt es gegen die Pressefreiheit, mir einfach zu widersprechen. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Sie als Altbundespräsident auch einmal mehr Toleranz für Journalisten anmahnen könnten. Na, das wäre aber wirklich mutig.

Ihr Marcus Thielking

Der "Offene Brief" ist eine satirische Rubrik aus dem Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.

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