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Ein schwieriges Pflaster

Das Wildpflaster auf dem Meißner Markt ist für Behinderte eine Qual. Die Stadt will das jetzt ändern.

Das Meißner Pflaster in der Altstadt ist vor allem für Gehbehinderte schwer zu laufen und besonders für Rollstuhlfahrer ein schwieriges Pflaster.
Das Meißner Pflaster in der Altstadt ist vor allem für Gehbehinderte schwer zu laufen und besonders für Rollstuhlfahrer ein schwieriges Pflaster. © Claudia Hübschmann

Meißen. Angst, aus dem Rollstuhl zu fallen: Auch Meißens Behindertenbeauftragter Volker Patzelt meidet den Marktplatz.

Wer als Behinderter mit seinem Rollstuhl zum Meißner Rathaus möchte, hat ein Problem. Das grob verlegte Pflaster auf dem Marktplatz lässt nicht wenige verzweifeln. Einer, der seit Anfang an unter dieser Situation leidet, ist der Behindertenbeauftragte des Landkreises Meißen, Volkmar Patzelt. „Das ist der am wenigsten für Rollstuhlfahrer geeignete Marktplatz, den ich kenne. Teilweise haben die Pflastersteine Abstände von mehreren Zentimetern, so dass man stecken bleibt“, sagt er. 

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Auch Gehbehinderte mit Prothesen, ältere Menschen mit Rollator und Mütter mit Kleinkindern hätten ihre Probleme, sagt der 60-Jährige. Weil es diese Schwierigkeiten sofort gab, als das Pflaster in den 1990er Jahren verlegt wurde, hatte sich Volkmar Patzelt an den damaligen Oberbürgermeister gewandt.

„Er ist der Sache auch nachgegangen, aber viel herausgekommen ist nicht. Damals herrschte noch der Tenor, dass der Denkmalschutz wichtiger sei, als die Barrierefreiheit“, erinnert sich der Behindertenbeauftragte, der selbst seit 35 Jahren im Rollstuhl sitzt.

Angst, aus dem Rollstuhl zu fallen: Auch Meißens Behindertenbeauftragter Volker Patzelt meidet den Marktplatz.
Angst, aus dem Rollstuhl zu fallen: Auch Meißens Behindertenbeauftragter Volker Patzelt meidet den Marktplatz. ©  Claudia Hübschmann

Wie sich das unangenehme Pflaster selbst heute noch auf sein Leben auswirkt, kann er anschaulich beschreiben. „Ich meide den Markt. Nicht mal auf den Weihnachtsmarkt möchte ich, weil ich zu große Angst habe, umzukippen oder aus dem Rollstuhl zu fallen.“ Vergangenes Jahr sei er daher in der Weihnachtszeit lieber nach Bautzen gefahren, wo es einen besseren Untergrund gebe, so Patzelt, der es bedauert, dass das Pflaster in Meißen nie korrigiert wurde.

Denn obwohl es sich um historisches Wildpflaster handelt, wäre es möglich, es glatt zu verlegen. Ein Musterstück, das vor der Pflasterung des Marktplatzes in den 1990er Jahren angelegt wurde, stellte dies unter Beweis. Allerdings wurde es am Ende nicht in dieser Form umgesetzt und später auch nicht korrigiert. „Wahrscheinlich konnte man es nicht mehr ändern, weil man sonst Fördergelder eingebüßt hätte, vermutet Volkmar Patzelt.

Ständig meckern möchte der Behindertenbeauftragte trotzdem nicht. Er erkennt durchaus einen Lernprozess. „Die Zeiten haben sich inzwischen deutlich gewandelt. So ist beispielsweise die neu gestaltete Neugasse aus Sicht der Gehbehinderten gut gelungen. Es gibt große Gehwegplatten und abgesenkte Borde. Hinzu kommen Fußgängerüberwege im Bereich der Deutschen Bank und der Sparkasse.“

Er habe sich auch gefreut, dass das Stadtplanungsamt ihn als Behindertenbeauftragten sowie Vertreter von Behindertenverbänden angesprochen habe, um Wünsche für den Umbau der Görnischen Gasse einzubringen. Ähnlich sei es am Domplatz gelaufen, wo der für den Platz zuständige Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) nicht nur auf den Denkmalschutz geachtet, sondern auch frühzeitig die Behinderten einbezogen habe.

Doch obwohl diese Entwicklung positiv ist, ändert sie am Marktplatz erst einmal nichts. Die SZ hat daher bei der Stadt nachgefragt, ob sich nicht doch etwas machen lässt. Und tatsächlich scheinen die Dinge in Bewegung zu geraten. Aufgrund der gestiegenen Anforderungen bei der Barrierefreiheit ziehe man eine Erneuerung des Pflasters am Marktplatz in Betracht, teilt die Pressestelle mit. Im Laufe der Jahre habe es zwar bereits Nachbesserungen gegeben. Grundsätzliche Änderungen seien jedoch nicht möglich gewesen.

„Für Forderungen einer umfassenden Umpflasterung wurde das Prozessrisiko als zu hoch bewertet“, sagt Michael Eckardt von der Pressestelle im Rathaus. Die Zweckbindung der 1994 am Markt eingesetzten Fördermittel müsste nach 25 Jahren aber abgelaufen sein, weshalb einer erneuten Förderung im Interesse verbesserter Barrierefreiheit nichts im Wege stehen sollte, so der Mitarbeiter.

Ungeeignete Steine nicht aussortiert

Anders als 1994, als unter Hochdruck Fördermittel verbraucht werden mussten, möchte man sich in dem archäologisch sensiblen Bereich diesmal noch mehr Zeit für die Planung lassen. Erneut wird dabei die Denkmalbehörde ein gewichtiges Wort mitreden. Diese ist laut Stadt dafür verantwortlich, dass der Platz heute so behindertenunfreundlich ist. Zahlreiche, zum Teil auch glattere Musterflächen hätten damals die strengen Anforderungen der Behörde nicht erfüllt, weshalb die Entscheidung gefallen sei, das typische Meißner Wildpflaster an anderer Stelle auszubauen, um es zum Markt zu bringen.

Ungeeignete Steine durften dabei nicht aussortiert werden. „In der Folge besitzen manche großen Steine kaum ein Splittbett und sitzen fast auf der Schottertragschicht auf; kleinere benachbarte Steine hingegen sitzen in mehr als 15 Zentimeter Splittbettung, welche weicher ist als die Schottertragschicht“, sagt Michael Eckardt. Dieser Mix führe zu Problemen. Unter Belastungen oder Einwirkung von Nässe und Frost setzten sich die Steine ganz unterschiedlich im Boden, erklärt der Mitarbeiter.

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