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Ein Teller voller Sprengstoff

Das Essen von heute entscheidet über die Welt von morgen: Mit diesem Thema beschäftigt sich die Ausstellung „Future Food“ im Hygiene-Museum in Dresden.

Essen als ästhetisches Objekt: Der Fotograf Michael Zee zeigt seine Fotos auf Instagram.
Essen als ästhetisches Objekt: Der Fotograf Michael Zee zeigt seine Fotos auf Instagram. © DHMD

Das Essen war früher eine recht klare Angelegenheit: Es war schwer zu organisieren, ständig drohten Missernten und Krieg. Man wollte Teller oder Schüsseln einfach voll bekommen und satt werden. Egal womit, egal wie. Nur wenige Menschen konnten sich den Luxus erlauben, zu sinnieren, was auf ihrem Teller landen soll und was nicht. Eine Ahnung von Hunger bekommt man hierzulande nur noch, wenn man die letzten Vertreter der Kriegsgeneration beobachtet. Ihnen widerstrebt es zutiefst, Lebensmittel wegzuwerfen. Sie sprechen immer noch von einem Stück „guter“ Butter, haben eine Abneigung gegen bestimmte Wurzelgemüse und würden niemals die Fettränder vom Fleisch oder vom Schinken absäbeln, wie das ihre Kinder und Enkel tun.

Heute ist alles anders. Nicht nur, weil die Steckrübe eine Renaissance erlebt und seit einiger Zeit heftig diskutiert wird über die schädlichen Auswirkungen von zu viel Fleischkonsum. Das Thema Essen ist, wie alles in diesen modernen Zeiten, eine hochkomplexe Angelegenheit. Über 800 Millionen Menschen hungern, viele weitere Millionen gelten als mangelernährt. Auf der anderen Seite herrschen Überfluss und Übergewicht. Die industrialisierte Landwirtschaft und eine überschaubare Zahl von Konzernen garantieren mithilfe von Technik und Chemie den steten Nachschub von nicht unbedingt gesunden, aber günstigen Nahrungsmitteln auf eine Weise, wie es das noch nie gab in der Menschheitsgeschichte. Zugleich gefährden sie massiv Lebensgrundlagen in Form von gesunden Böden, sauberem Wasser, sauberer Luft. Dies alles vor dem Hintergrund des Klimawandels, einer explodierenden Weltbevölkerung, schwindender Energiereserven und dem Verlust von Artenvielfalt.

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Ob man sich seinen Teller füllt mit billigen, in Tütenmarinade ertrinkenden Schweinefleischbrocken oder einer veganen Avocado-Mousse, jeder sieht sich heute mit einer Vielzahl von Fragen konfrontiert. Woher kommt mein Essen? Was steckt darin, wie hochwertig ist es? Wie viele Menschen wurden dafür ausgebeutet, wie viele Tiere misshandelt, Umweltressourcen gefährdet? Warum kaufe ich Nahrung in der Plastikpackung, obwohl ich weiß, was die Plastikflut für die Weltmeere bedeutet?

Essen als Politikum

Die Frage, wie wir in Zukunft leben und überleben, ist eng verknüpft mit der Ernährung. Sie steckt voller Sprengstoff und Konflikte, wie man dieser Tage wieder beobachten kann. Kaum hatte die EU-Kommission ihre Pläne für eine nachhaltigere Agrarpolitik vorgelegt, kam Kritik auf: Durch Corona hätten die Bauern so starke Ertragseinbußen, dass über Umstellungen auf ökologische Landwirtschaft jetzt nicht nachgedacht werden könne. Ein Teller Essen ist also nicht nur eine individuelle Angelegenheit. Sondern „ein Politikum“, wie es Gisela Staupe formuliert, die stellvertretende Direktorin des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden. Dort wurde dieser Tage eine Sonderausstellung eröffnet, die sich umfassend dem Thema und seinen vielen Facetten widmet.

Das ist wahrlich eine Herkulesaufgabe. Das Team um Kuratorin Viktoria Krason hat sie mit großer Kreativität gemeistert, immer im Bemühen, wissenschaftlich exakt zu arbeiten und unterschiedliche Meinungen gleichermaßen abzubilden. Allerdings muss man sagen: Leichte Kost bietet das Museum mit dieser Ausstellung nicht, auch wenn es Texte, Objekte und Filme in Leichter Sprache und Gebärdensprache anbietet, um vielen Menschen den Zugang zum Thema zu ermöglichen.

Das umfangreiche Begleitprogramm ruht wegen Corona und wird voraussichtlich erst im September beginnen können. Solange offeriert das Museum einige digitale Angebote. Und setzt ganz auf den interessierten Besucher, der willens ist, sich durch historische Exkurse, Statistiken, Grafiken, Informationstafeln und die verschiedensten Diskussionsbeiträge zu arbeiten. Dafür hat man dann die Chance, sich mit dem Material zu den Themenkomplexen Produktion, Handel und Konsum umfassend über eines der brennendsten Themen der Gegenwart zu informieren.

Der „Supermarkt der Zukunft“

Es ist ein weiter Bogen, den die Ausstellung zieht. Von der Vergangenheit, als der von Sklaven produzierte Zucker als gesunde Delikatesse galt. Über die Gegenwart, in dem Teile der Welt Essen als Lifestyle zelebrieren oder Menschen vor Kameras Junkfood in sich hineinstopfen und Arnold Schwarzenegger in einem Hollywood-Spot für Fleischverzicht wirbt. Die Ausstellung blickt aber auch in die Zukunft, wo man sich vielleicht Fleisch zu Hause in einer Art Mini-Labor züchtet und Roboter dabei helfen könnten, Pestizide genauer zu dosieren und dadurch zu verringern. Man kann die Geschichte des Vegetarismus erkunden oder ein mehrstöckiges, rotierendes Gewächshaus aus den 1960er-Jahren bestaunen. Seinerzeit wurde das Projekt nicht weiterverfolgt, weil es technisch nicht ausgereift war. Heute ist es plötzlich interessant, denn um das Jahr 2050 werden 70 Prozent der Menschen in Städten wohnen. Viele davon in gigantischen, brodelnden Siedlungen, die ohne Begrünungen der Häuser und ohne öffentlich nutzbare Gärten höllische Moloche sein werden.

Der „Supermarkt der Zukunft“ informiert über viele Aspekte des Konsums. Über Fleischersatz, Biosiegel und über Ideen, um dem Konsumenten gute Entscheidungshilfen an die Hand zu geben und das massenhafte Wegwerfen von Lebensmitteln einzudämmen. Ein Scanner etwa, der Obst und Gemüse auf den Reifegrad prüft und den Kauf ermöglicht, obwohl die Nahrungsmittel dem menschlichen Auge vielleicht schon sehr reif erscheinen und ignoriert würden. Oder eine App, mit der Kunden blitzschnell herausbekommen könnten, wie gesund und klimafreundlich das Produkt wirklich ist, das sie kaufen wollen. Daneben wird die Frage erörtert, wer sich Bio-Lebensmittel leisten kann.

Neben viel Information gibt es zahlreiche Kunstwerke, die auf die Widersprüche unserer Zeit und von uns selbst deuten, die Stoff bieten zum Nachdenken und Diskutieren. Eine Kunstinstallation beendet die Ausstellung auch: Ein gigantischer Esstisch mit Stühlen, auf denen die Besucher (natürlich mit Abstand) sitzen, das angerichtete Mahl aus Zucker-Sushi, Plastik-Burgern und künstlichem Schweinekopf betrachten und ihre Gedanken notieren können. Hier wird deutlich, dass so eine Tafel ein guter Ort sein kann für eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen mündigen Essern. Die wir dringend brauchen.

Die Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1, ist geöffnet bis 21. Februar 2021, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

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