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Eine Reise durch die Postkarten-Geschichte

Die Kurz-Depesche wird 1869 erfunden. Für Sammler René Jacob zählen nicht nur die ältesten Exemplare. Er jagt auch Erinnerungen hinterher.

Bäckermeister René Jacob aus Bautzen sammelt seit seiner Jugend Postkarten aus Bautzen und der näheren Umgebung, darunter gibt es zahlreiche Exemplare von Bäckereien und Gasthäusern an der Spree.
Bäckermeister René Jacob aus Bautzen sammelt seit seiner Jugend Postkarten aus Bautzen und der näheren Umgebung, darunter gibt es zahlreiche Exemplare von Bäckereien und Gasthäusern an der Spree. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es braucht nur einen Handgriff. Schon hat René Jacob die gesuchte Postkarte in seiner Sammelbox gefunden. „Das ist mein ältestes Exemplar“, sagt der 51-jährige Bäckermeister und legt einen ganz schlichten Karton ohne Bild auf den Tisch in der Küche zwischen Backstube und Verkaufsraum seiner Bäckerei. 1874 zeigt der Stempel auf der Briefmarke. Deutsche Reichspost steht in großen Lettern darauf. Um 1870 kamen in Deutschland die ersten Postkarten in den Umlauf. Ihren Siegeszug begann aber die Kurz-Depesche vor 150 Jahren in Wien.

Das Zeitalter der „Correspondenzkarte“ – wie die Mitteilung seinerzeit genannt wird – beginnt am 26. Januar 1869 mit einem Zeitungsbeitrag. Der Autor rühmt die Vorteile des Mediums: kurz, günstig, rasch in der Zustellung. So gibt die österreichisch-ungarische Post am 1. Oktober die ersten Schlichtling heraus. Für Postkartensammler sind sie nur am Rande spannend.

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René Jacob stöbert weiter in seinen Schätzen. Rund 4 000 Postkarten hat er seit seinem 14. Lebensjahr zusammengetragen. Die Leidenschaft zu diesen Sammelobjekten begann mit Nachbarschaftshilfe. „In unserem Haus auf der Steinstraße wohnte früher über uns ein älteres Ehepaar. Dort habe ich zum Beispiel Kohlen geholt. In einer Glasschale im Wohnzimmer sah ich eine alte Ansicht vom Weihnachtsmarkt in Bautzen 1933. So was kannte ich nicht“, sagt der Bautzener. Beim Tod der Nachbarn lösen die Jacobs die Wohnung auf, darunter ist auch ein Stapel Postkarten für den Sohn.

Schatz aus Papier

René Jacob geht seine Kisten mit den Postkarten durch. Motive von Bautzen und der näheren Umgebung sammelt er. Sortiert sind die Ansichten alphabetisch nach Straßen und Plätzen, nach Anlässen, Betrieben, Denkmalen, Ausflugslokalen oder Festen. Selbstverständlich sammelt er als Bäcker auch historische Postkarten von Bäckereien und Konditoreien aus Bautzen. „Am häufigsten gibt es für unsere Stadt aber die Ortenburg, die Alte Wasserkunst und die Kronprinzenbrücke“, sagt der Sammler. Bildpostkarten lösen 1885 die gesichtslose Correspondenzkarte offiziell ab. Der Bäckermeister hat wieder einen Schatz aus Papier gefunden.

1886 sagt der Poststempel. Die Postkarte zeigt seine älteste Bautzen-Ansicht. „Ich würde mich auch noch freuen, wenn ich ältere Exemplare finden würde“, sagt René Jacob. Seine Frau Angela reicht im Laden währenddessen duftende Brote über den Ladentisch. Bereits um Mitternacht hat für den Bäckermeister der Arbeitstag in der Bäckerei begonnen, die einst sein Großvater in der Wilthener Straße gründete. „Meine Hobbys sind mein Ausgleich“, sagt der Vater eines erwachsenen Sohns. Neben seinen Postkarten sammelt der Bautzener noch Emaille-Werbeschilder und DDR-Spielzeug und noch ältere Varianten.

Der Sammler betrachtet einen neuen Fund. „Gruß aus dem Carola-Garten“ heißt es auf der Karte von 1898. Der Fotograf Johann Traugott Jyrch gab unter anderem in seinem Atelier für „Photographie und Kunstmalerei“ zwischen 1893 und 1905 solche lithografischen Exemplare in Bautzen heraus. Es fällt auf, dass der Schreiber seinen Text um die Bilder quetschen musste. Bis kurz nach der Jahrhundertwende gehört eine Seite allein der Anschrift. Im Carola-Garten stehen heute Eigenheime.

Um 1900 erlebt die Postkarte ihren Höhenflug. Im Deutschen Reich werden fast eine Milliarde verschickt. In großen Städten werden die kleinen Botschaften mehrfach am Tag zugestellt. Im Ersten Weltkrieg senden Soldaten mit ihrer Hilfe Lebenzeichen aus dem Schützengraben. Künstler entdecken sie als ihr Medium. Neben Lithografien tauchen Holzschnitte, Radierungen und bald auch Fotografien auf.

Bezug zum Alltäglichen

Doch die Postkarten zeigen nicht nur Stadt und Landschaften, manche kommen augenzwinkernd daher, andere berichten von Bränden, Unfällen oder Bauarbeiten. René Jakob legt ein weiteres Exemplar aus dem Jahr 1910 auf Tisch. Stolz schauen ein paar Arbeiter aus dem Bild heraus. Das Pflaster ist aufgebrochen, vor ihnen stapeln sich Rohre. Dahinter ist das Gasthaus „Stadt Budissin“ in Bautzen zu sehen. „Das ist die Rosenstraße. Wir gehen manchmal mit den Postkarten spazieren und schauen, wie sich bestimmte Ecken verändert haben“, sagt der Bäckermeister.

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Pro Jahr kommen etwa 20 Postkarten zu seiner Sammlung durch Börsen, Internetakutionen oder Zeitungsannoncen dazu. Von einem bis 50 Euro können die begehrten Exemplare kosten. Um mit Verkäufern in Kontakt zu treten, greift er aber nicht auf Postkarten zurück. „Whatsapp macht vieles leichter“, sagt er schmunzelnd und zieht aus einer Box einen Lieblingskauf mit Erinnerung hervor. Die Postkarte zeigt das Bild eines Lasters mit Vollgummireifen. – In großen Lettern steht darauf „August Lehmann“. „Das Bild ist gleich um die Ecke entstanden. Im Lkw-Metallgerüst haben wir in meiner Kindheit Pause nach dem Fußballspielen gemacht“, sagt der 51-Jährige und ordnet seine Postkarten wieder in die Boxen. Schließlich will er mit einem Handgriff seine Schätze finden.

An einen der schwärzesten Tage in der 792-jährigen Stadtgeschichte Bischofswerdas erinnert diese Postkarte: an den Stadtbrand vom 13. Mai 1813. Mit Ausnahme von drei Gebäuden brannte die gesamte Stadt nieder, als sich die Napoleonischen Truppen von ihrem Russlandfeldzug zurückzogen. Die Bewohner waren geflohen. Von den Hängen umliegender Berge sahen sie, wie ihre Heimatstadt in Flammen aufging.
Foto: Stadtarchiv Bischofswerda; Repro: Steffen Unger
An einen der schwärzesten Tage in der 792-jährigen Stadtgeschichte Bischofswerdas erinnert diese Postkarte: an den Stadtbrand vom 13. Mai 1813. Mit Ausnahme von drei Gebäuden brannte die gesamte Stadt nieder, als sich die Napoleonischen Truppen von ihrem Russlandfeldzug zurückzogen. Die Bewohner waren geflohen. Von den Hängen umliegender Berge sahen sie, wie ihre Heimatstadt in Flammen aufging. Foto: Stadtarchiv Bischofswerda; Repro: Steffen Unger
Den Berggasthof auf dem Butterberg bei Bischofswerda mit seinem 21 Meter hohen „Schauturm“ gibt es seit fast 160 Jahren. Die historischen Ansichtskarten vom Berg sind jünger. Diese zeigt die Sommerfrische vor den Toren der Stadt. Ein Zwerg präsentiert das Bischofswerdaer Stadtwappen, das in Überlieferungen von einem Engel gehalten wird. Neben der Ansicht war noch Platz, um einen lieben Gruß vom 385 Meter hohen Hausberg der Bischofswerdaer zu schicken.
Foto: Stadtarchiv Bischofswerda; Repro: Steffen Unger
Den Berggasthof auf dem Butterberg bei Bischofswerda mit seinem 21 Meter hohen „Schauturm“ gibt es seit fast 160 Jahren. Die historischen Ansichtskarten vom Berg sind jünger. Diese zeigt die Sommerfrische vor den Toren der Stadt. Ein Zwerg präsentiert das Bischofswerdaer Stadtwappen, das in Überlieferungen von einem Engel gehalten wird. Neben der Ansicht war noch Platz, um einen lieben Gruß vom 385 Meter hohen Hausberg der Bischofswerdaer zu schicken. Foto: Stadtarchiv Bischofswerda; Repro: Steffen Unger
„Gruß aus Bautzen“ heißt es schlicht auf der Postkarte aus dem Jahr 1886. Erst ein Jahr vorher löste die Bildpostkarte die reine Correspondenzkarte ab. Diese Stadt-Ansicht ist eines der ältesten Exemplare aus der Sammlung des Bautzeners René Jacob. Neben Stadtsilhouette gehören Ortenburg, Alte Wasserkunst und die Eisenbahnbrücke zu den häufigsten Motiven der kurzen, schriftlichen Grüße.
 Foto: Sammlung René Jacob, Repro SZ/Uwe Soeder
„Gruß aus Bautzen“ heißt es schlicht auf der Postkarte aus dem Jahr 1886. Erst ein Jahr vorher löste die Bildpostkarte die reine Correspondenzkarte ab. Diese Stadt-Ansicht ist eines der ältesten Exemplare aus der Sammlung des Bautzeners René Jacob. Neben Stadtsilhouette gehören Ortenburg, Alte Wasserkunst und die Eisenbahnbrücke zu den häufigsten Motiven der kurzen, schriftlichen Grüße. Foto: Sammlung René Jacob, Repro SZ/Uwe Soeder
Besonders beliebt bei den Postkarten waren Kuriositäten, so wie dieses Andenken an eine durchzechte Nacht. Der Schreiber hat auf jeden Fall Humor. Es heißt an den Adressaten: „In dieser Fassung ist mir Bautzen allerdings nicht Erinnerung.“ Beliebt bei den Postkartenversendern waren auch Grüße aus der Zukunft. Da rasen Eisenbahnen durch Berge und Flugobjekte düsen durch den Himmel. Diese „utopischen“ Fassungen für das Jahr 2000 gab es für viele Städte und Regionen.
 Foto: Sammlung René Jacob/Repro: SZ/uwe Soeder
Besonders beliebt bei den Postkarten waren Kuriositäten, so wie dieses Andenken an eine durchzechte Nacht. Der Schreiber hat auf jeden Fall Humor. Es heißt an den Adressaten: „In dieser Fassung ist mir Bautzen allerdings nicht Erinnerung.“ Beliebt bei den Postkartenversendern waren auch Grüße aus der Zukunft. Da rasen Eisenbahnen durch Berge und Flugobjekte düsen durch den Himmel. Diese „utopischen“ Fassungen für das Jahr 2000 gab es für viele Städte und Regionen. Foto: Sammlung René Jacob/Repro: SZ/uwe Soeder
Aus dem Jahr 1905 ist die Ansicht des Marktplatzes in Kamenz – mit Wochenmarkt. Die Postkarte zeigt, dass bis kurz nach der Jahrhundertwende die Rückseite allein der Seite der Anschrift gehörte. Ab 1904 wurde auf neuen Postkartendrucken der Teilungsstrich eingeführt, links stand der Text und rechts die Adresse.
 Foto: Sammlung Stadtgeschichte im Malzhaus Kamenz
Aus dem Jahr 1905 ist die Ansicht des Marktplatzes in Kamenz – mit Wochenmarkt. Die Postkarte zeigt, dass bis kurz nach der Jahrhundertwende die Rückseite allein der Seite der Anschrift gehörte. Ab 1904 wurde auf neuen Postkartendrucken der Teilungsstrich eingeführt, links stand der Text und rechts die Adresse. Foto: Sammlung Stadtgeschichte im Malzhaus Kamenz
Historische Postkarte Radeberg, um 1900, Blick vom Markt in die Heutige Hauptstraße, Zeichnung, Archiv Schloss Klippenstein   
Historische Postkarte Radeberg, um 1900, Blick vom Markt in die Heutige Hauptstraße, Zeichnung, Archiv Schloss Klippenstein   
Um das Jahr 1900 erschien diese Postkarte mit der Winteransicht der Hüttermühle in Radeberg. Die detailreiche Zeichnung hat der Radeberger Verlag Paul Zimmermann herausgebracht. Auch heute noch befindet sich an der Stelle ein Fischteich. Die Mühle ist nicht mehr in Betrieb.  Foto_ Sammlung Schloss Klippenstein
Um das Jahr 1900 erschien diese Postkarte mit der Winteransicht der Hüttermühle in Radeberg. Die detailreiche Zeichnung hat der Radeberger Verlag Paul Zimmermann herausgebracht. Auch heute noch befindet sich an der Stelle ein Fischteich. Die Mühle ist nicht mehr in Betrieb. Foto_ Sammlung Schloss Klippenstein