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Leben und Stil

Endlich gesünder – dank 40 Kilo weniger

Margitta Zellmer wog fast 100 Kilo, hatte Bluthochdruck und Schmerzen. Mit der Umstellung ihrer Lebensweise verlor sie nicht nur Gewicht. Teil 6 der SZ-Diätserie.

Margitta Zellmer aus Chemnitz walkt täglich acht bis zehn Kilometer. Kaum zu glauben, dass sie vor ein paar Jahren noch so wie auf dem rechten Foto aussah.
Margitta Zellmer aus Chemnitz walkt täglich acht bis zehn Kilometer. Kaum zu glauben, dass sie vor ein paar Jahren noch so wie auf dem rechten Foto aussah. © Andreas Seidel; privat

Energiegeladen und glücklich wirkt Margitta Zellmer, wenn sie mit ihren Walkingstöcken durch den Chemnitzer Stadtpark marschiert. „Das mache ich jeden Tag“, sagt die 65-Jährige. „In faulen Zeiten laufe ich 60 Kilometer pro Woche, in guten 80 Kilometer.“ Sie ist gern mit dem ersten Sonnenstrahl unterwegs. „Das hat etwas Meditatives, alles ist so ruhig, und ich kann meinen Gedanken nachhängen.“

Seit einem Montag im August 2012 – es war ihr Schicksalstag – hat sie 40 Kilogramm abgenommen. „Eigentlich wollte ich ja nie Diät machen“, sagt die studierte Philosophin. Doch ein unbedachter, beiläufig dahingesagter Satz eines Freundes hat zu einer Kehrtwende geführt.

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„Schon in der zwölften Klasse wog ich bei 1,63 Meter Körpergröße 63 Kilogramm. Ich war also nie schmal“, sagt Zellmer. Aktiv und fit sei sie aber schon immer gewesen. Deshalb habe sie auch nie mit ihrem Gewicht gehadert oder wurde gar gemobbt, weil sie etwas kräftiger gebaut war. „Nach meinem Philosophiestudium arbeitete ich in der Technischen Hochschule Chemnitz.“ Ihr damaliger Chef sei ein Choleriker gewesen, habe alle Launen an ihr ausgelassen. „Als sensibler Mensch hätte ich da eigentlich weggehen müssen, doch ich habe meinen Frust mit Essen kompensiert. Nicht mit Süßigkeiten, eher mit Wurst. Bockwurst mochte ich besonders gern“, sagt sie.

„Ich war mit mir im Reinen“

Ihr Gewicht kletterte auf etwa 85 Kilogramm. „Das hat mich nicht besonders beunruhigt, ich war mit mir im Reinen. Meinen Bluthochdruck wäre ich aber gerne losgeworden“, sagt Zellmer. Seit Jahren nahm sie Medikamente dagegen. Als der verhasste Chef weg war und sie kein Frustessen mehr brauchte, blieben die Kilos trotzdem haften. Es kamen infolge einer gynäkologischen Operation weitere hinzu, bis es schließlich 99 waren. „Ich habe immer gerne gegessen, außer Rosinen schmeckt mir alles.“ Einem Freund, der sehr gesundheitsbewusst lebt, sagte sie deshalb: „Ich habe in den letzten 18 Jahren nicht ein Kilo zugenommen.“ Seine Antwort war: „Aber auch nicht abgenommen!“ Es war lapidar gemeint, für Margitta Zellmer fühlte es sich an wie ein Hieb.

Der Halbsatz legte bei ihr einen Schalter um. Sie versagte sich von einem Tag auf den anderen Schokolade und Kuchen, abends gab es statt zwei Scheiben Brot nur noch eine – sie praktizierte die klassische FDH-Methode (Friss die Hälfte). „Nordic Walking habe ich damals schon gemacht. Da war der Sport noch nicht so populär, und es gab viele verständnislose Kommentare.“ Innerhalb eines Jahres waren elf Kilo weg. „Als die Waage das erste Mal weniger als 90 Kilogramm anzeigte, war das zwar eine große Freude, doch im Grunde auch eine Enttäuschung. Knapp ein Kilo pro Monat war mir zu wenig, jetzt wollte ich mein Gewicht aus Abizeiten wiederhaben.“ Dazu mussten noch 25 Kilogramm weg.

„Spezielle Diäten kamen für mich nicht in Frage. Denn ich wusste, sobald ich wieder zur normalen Ernährung zurückkehre, geht mein Gewicht wieder hoch.“ Deshalb optimierte Margitta Zellmer ihr FDH- und Sportprogramm so, dass sie es lebenslang durchhalten kann. Pro Tag gab es damals 1500 Kilokalorien. Morgens Haferflocken mit Joghurt und Obst, mittags viel Gemüse, aber auch mal Nudeln oder Reis, dazu Fleisch, Fisch oder Käse. Abends gab es Salat oder eine Gemüsepfanne mit einem Stück Fisch oder Fleisch, keine komplexen Kohlenhydrate wie Brot oder Kartoffeln. 

Jeden Freitag kommt der „Sündenfall“

Hinzu kam ein straffes Sportprogramm: Pro Woche drei- bis viermal Nordic Walking, zweimal je eine Stunde Schwimmen und zweimal je eine Stunde Bauch-Beine-Po-Gymnastik im Fitnessstudio. Das zeigte Wirkung: Ein Jahr später waren noch mal 26 Kilo weg. Sie wog 62 Kilogramm und hatte das erste Mal ihr Abi-Gewicht unterboten. „Ich war überglücklich. Und das Beste war, mir fiel die Umstellung gar nicht so schwer, denn ich habe mir trotzdem auch mal etwas gegönnt.“ Im Urlaub zum Beispiel schaue sie nicht auf die Kalorien. Da gibt es zum Frühstück Brötchen mit Butter und Käse, mittags auch Nudeln. Jeden Freitag sei bei ihr „Sündenfall“. „Da esse ich abends einen halben Broiler – so richtig mit Haut – und danach eine Rippe Schokolade.“

Doch dann kam das Jahr 2015, wo ihr noch heute unklar ist, wie sie es überstanden hat. Sie erkrankte an rheumatoider Arthritis, der häufigsten Form von Rheuma – ziemlich plötzlich und ziemlich heftig. „Bis ich zum Hausarzt ging, und danach einen Termin beim Rheumatologen hatte, habe ich regelrecht Tablettenmissbrauch betrieben.“ Die Schmerzen und Gelenkentzündungen kosteten sie jede Energie. Erst durch Cortison und andere antientzündliche Medikamente kehrte langsam ihre Lebensqualität zurück.

„So gut diese Tabletten auch wirken, bis ans Ende meiner Tage will ich sie nicht nehmen.“ Sie recherchierte zum Thema antientzündliche Ernährung, doch die hatte einen Haken: Alles, was sie bisher gern gegessen hatte, stand nun auf der Verbotsliste. Für ganzheitlich orientierte Ernährungsmediziner enthalten verarbeitetes Mehl, Milchprodukte und rotes Fleisch Inhaltsstoffe, die Entzündungen im Körper anfeuern. Das hieß: kein Brot, keine Nudeln, keine Joghurts, keine Milch im Kaffee und vor allem keinen Käse. „Ich war darüber ziemlich erschrocken. Trotzdem wollte ich es probieren, mein Kampfgeist war geweckt.“ Mehr noch: Sie baute Lebensmittel mit ein, die Entzündungen lindern können, zum Beispiel Kurkuma, Nüsse, Chiasamen und Hanföl. Allein durch diese Umstellung purzelten noch einmal drei Kilo.

Blutdruck wie aus dem Lehrbuch

So sieht nun der Essensplan von Margitta Zellmer aus: Zum Frühstück gibt es drei Esslöffel Haferflocken und einen Esslöffel Chia- und Hanfsamen mit Lupinenjoghurt, 100 Gramm Heidelbeeren und eine halbe Banane. Mittags isst sie oft Gemüse mit etwas Fisch oder magerem Fleisch, hin und wieder etwas Reis oder vegane Nudeln. Letztere sind aus Linsen oder Erbsen gemacht. Sie enthalten viel pflanzliches Eiweiß und Ballaststoffe, aber keine komplexen Kohlenhydrate wie herkömmliche Nudeln aus Hartweizengrieß. „Die Linsennudeln schmecken richtig gut“, sagt sie. Abends dann Gemüsesalat oder -pfanne, gelegentlich auch mal Obstsalat mit Nüssen. „Nach 17 Uhr gibt es bei mir nichts mehr“, sagt sie.

Auch beim Sport hat sie einiges verändert:. „Jeden Tag laufe ich mit oder ohne Stöcke acht bis zehn Kilometer. Hinzu kommt eine halbe Stunde Gymnastik, bei der alle Gelenke in alle möglichen Richtungen bewegt werden. Das fördert die Beweglichkeit und reduziert den Schmerz.“

Seit zweieinhalb Jahren braucht sie kein Cortison mehr. „Meine anderen Rheuma-Medikamente habe ich um die Hälfte reduziert und hoffe, dass ich sie irgendwann weglassen kann – so wie das seit 2017 bereits bei den Blutdruckmitteln gelang.“ Seit ihrer Gewichtsabnahme habe sie einen Blutdruck wie aus dem Lehrbuch – 120 zu 80, manchmal auch weniger.

„Für mich ist das Weglassen von Brot und Milchprodukten heute kein Verzicht mehr. Ich sehe es als Gewinn an Lebensqualität.“ Eine handvoll Nüsse am Tag isst sie jetzt mehr als früher. „Bei meiner vielen Bewegung brauche ich etwa 2.000 Kilokalorien, um nicht noch mehr abzunehmen. „Mit 59 Kilogramm fühle ich mich rundum wohl“, sagt die 65-Jährige. „Meinen freitäglichen Sündenfall gibt es immer noch, auch die Freiheiten im Urlaub. Man muss auch genießen können, sonst wird man selbst ungenießbar.“

Die nächsten Teile der Serie:

  • Teil 7, 21. Januar:
    Wie das richtige Muskeltraining schlank macht. Ein Sportwissenschaftler aus Zwickau hat es erforscht.

  • Teil 8, 25. Januar:
    Was taugt die Hirschhausen-App zum Intervallfasten? Ein Selbsttest.

  • Teil 9, 29. Januar:
    Wie kann ich mein Gewicht auf Dauer halten? 

Bisher in der Serie erschienen:

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