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„Endlich traue ich mich wieder zu tanzen“

Kristina Vogel ist nach einem Unfall querschnittsgelähmt. Nun will sie zehn Kilometer mit dem Handbike schaffen. Ihre großen Erfolge sind aber die im Alltag.

Ein starker Auftritt einer starken Frau. Am 12. September 2018 berichtet Kristina Vogel bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Unglück von ihrem Leben im Rollstuhl.
Ein starker Auftritt einer starken Frau. Am 12. September 2018 berichtet Kristina Vogel bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Unglück von ihrem Leben im Rollstuhl. © dpa/Annegret Hilse

Als der Clip über die Leinwand flimmert, bekommt sie Gänsehaut. Zum gefühlt tausendsten Mal, wie Kristina Vogel sagt. Es ist ein Werbevideo, das vor ihrem schweren Bahnradunfall gedreht wurde. Darin sagt sie Sätze wie: „Manchmal bekommt man nicht das, was man will.“ Oder: „Meine Mama hat immer gesagt, dass Leben fordert uns heraus.“ Damals spricht sie noch über ihren ersten Radunfall, als sie 2010 mit einem Auto zusammengestoßen war und sich nach einer monatelangen Reha auf die Bahn zurückgekämpft hatte, bis sie Weltspitze war – und das über Jahre.

Jetzt sitzt die zweimalige Olympiasiegerin im Rollstuhl. Seit einem Zusammenprall mit einem niederländischen Juniorenfahrer im Juni vergangenen Jahres ist sie querschnittsgelähmt. Das Video, in dem Vogel als Botschafterin für die Kampagne „Verfolge deinen Traum – egal, was kommt“ von einem Reifenhersteller, gibt es weiterhin. „Das passt doch mehr denn je zu mir“, sagt sie bei einem Sponsorentermin in Leipzig. Vieles habe sich verändert, auch ihre Träume. „Trotzdem kann ich die Leute motivieren und inspirieren.“

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Wie an diesem Sonntag in Berlin, wo Vogel mit einem Handbike die Zehn-Kilometer-Strecke beim „Bridgestone Great 10k“ bestreitet. Der Lauf für das Team „Heimliche Sieger“ wird von ihr als Motivator begleitet. „Wir haben aus 100 000 Leuten zehn ausgesucht, die aus ganz unterschiedlichen Lebenslagen kommen. Schicksalsschläge, Krankheiten – alle haben festgestellt: Jetzt bin ich dran“, erzählt Vogel und betont: „Die haben alle seit Juni einen unheimlichen mentalen Weg erlebt, sind seitdem unheimlich gestärkt und gereift. Die wissen nach dem Lauf alle: Ich habe meinen Traum gehabt, habe investiert, habe ihn verfolgt und es auch geschafft.“

Sie selbst hat Respekt vor der Distanz, die sie bisher noch nicht gefahren ist. „Die zehn Kilometer fühlen sich für mich wie ein Halbmarathon an. Da zählt allein der sportliche Geist.“ Aber sie hat auch Plan B, verrät sie mit einem Grinsen: „Es gibt bestimmt einige, die mich gern an der Strecke abschleppen würden.“

Der Zehn-Kilometer-Wettkampf ist keine Rückkehr in den Leistungssport. Das Thema Paralympics, auf das sie immer wieder angesprochen wird, ist weiter nicht aktuell. „Vielleicht nehme ich irgendwann einen Speer von Thomas in die Hand und stelle fest: Ja, das ist mein Sport.“ Thomas Röhler, der Speerwurf-Olympiasieger von 2016 in Rio de Janeiro, sitzt neben Vogel. Der Jenaer ist neuer Botschafter der Träume-Kampagne.

Dem Radsport ist Kristina Vogel weiter verbunden, hier mir Ex-Profi Jens Voigt zu Besuch bei der Deutschland Tour. Sie will am Wochenende in Berlin zehn Kilometer mit dem Handbike schaffen - aufs Gewinnen kommt es ihr dabei nicht an.
Dem Radsport ist Kristina Vogel weiter verbunden, hier mir Ex-Profi Jens Voigt zu Besuch bei der Deutschland Tour. Sie will am Wochenende in Berlin zehn Kilometer mit dem Handbike schaffen - aufs Gewinnen kommt es ihr dabei nicht an. © Roth-Foto

Fallschirmsprung und Oktoberfest

Wie wichtig Träume für die Erfurterin weiterhin im Leben sind, darüber könnte sie stundenlang philosophieren. Sie hat sich sogar eine Bucket-Liste mit Dingen erstellt, die sie unbedingt mal machen möchte. Davon hat sie schon einige abgehakt, wie einen Fallschirmsprung und einen Konzertbesuch bei Clueso. „Als Leistungssportlerin hatte ich dafür nie Zeit.“ Zuletzt besuchte Vogel das Oktoberfest in München. Im Februar will sie zum Rosenmontagsumzug nach Köln. „Toll, mal solche sinnlosen Sachen zu machen.“

Viel bedeutender für sie aber sind die scheinbar kleinen Alltagserfolge. Der Weg zurück in die Selbstständigkeit ist das große Ziel. Kürzlich habe sie das erste Mal seit dem Unglück in ihrem Haus allein geschlafen. „Ich kann natürlich kein Sixpack heimschleppen, aber ich kann für mich sorgen.“ Die Hürden des Alltags meistert sie immer besser. Letztens war sie in der Dusche gestürzt, robbte sich allein ins Bett. Die Reha in Kienbaum ist abgeschlossen.

In Erfurt hat sich die elfmalige Weltmeisterin einen Personaltrainer genommen, weil sie jemanden brauche, der sie „triezt und pusht“. Doch für den Sport bleibt nicht viel Zeit. Vogel sitzt seit Sommer für die CDU im Stadtrat, arbeitet für den Radsportweltverband und beim DOSB in verschiedenen Kommissionen mit und ist Botschafterin, der sogar eine eigene Barbie-Puppe gewidmet wurde. „Das ist doch das Schöne daran, wenn man die Welt irgendwann verlässt und sagen kann, dass man sie ein bisschen besser gemacht hat“, sagt Vogel, die weiß, dass sie gehört wird: „Je erfolgreicher man wird, desto wichtiger wird die eigene Stimme. Es wäre doch schade, wenn man sie nicht nutzt.“

Ihr Unfall und vor allem, wie schonungslos ehrlich und positiv sie damit umgegangen ist, hat Vogel deutschlandweit noch bekannter gemacht und viele Menschen inspiriert. „Es gab einen kurzen Bruch, und irgendwie ist doch wieder alles okay. Das ist eine Riesenstärke, die ich da wahrgenommen habe, wo jeder in jeder Lebenslage was rausziehen kann – und ich definitiv auch“, findet der Thüringer Sportkollege Röhler, selbst für viele ein Vorbild.

In der Sportfamilie fühlt sich Vogel noch immer besonders wohl. Nachdem sie vor einem Jahr beim Club der Besten fehlte und aus der Reha in Berlin mit einer emotionalen Botschaft grüßte, war die bekennende Party-Queen diesmal auf Fuerteventura dabei. „Da ging es abends ordentlich ab.“ An der Bar und auf der Tanzfläche.

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Erst seit kurzem verspürt sie wieder Lust, sich trotz Rollstuhl zu Musik zu bewegen. „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wie das aussieht.“ Beim Sport Bild-Award in Hamburg, wo sie als „Heldin des Jahres“ ausgezeichnet wurde, wagte sie sich etwas unfreiwillig auf die Tanzfläche. „Marcel Kittel und mein Manager Jörg Werner haben mir ein Bier gegeben, und dann ging es los“, sagt sie und kann sich wieder über einen kleinen Fortschritt freuen: „Endlich traue ich mich wieder zu tanzen.“

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