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Wie holt man Weltstars nach Sachsen, Herr Vogler?

Der Chef der Dresdner Musikfestspiele engagiert Klassikstars und Streetdancer, Hollywood-Größen und Rock-Legenden wie Eric Clapton. Wie gelingt ihm das nur?

Schnappschuss aus London: Jan Vogler (l.) probte vergangene Woche im Königreich mit Blues-Legende Eric Clapton. Am 10. Juni spielen sie ein paar Songs gemeinsam im Dresden-Konzert des britischen Gitarristen.
Schnappschuss aus London: Jan Vogler (l.) probte vergangene Woche im Königreich mit Blues-Legende Eric Clapton. Am 10. Juni spielen sie ein paar Songs gemeinsam im Dresden-Konzert des britischen Gitarristen. © privat

Neuanfang mit 55 Jahren. Seit Jahrzehnten spielt Jan Vogler sein Cello klassisch und ist ein geschätzter Solist. Nun aber muss er umlernen und übt Zwölf-Takt-Phasen, denn am 10. Juni spielt er seinen ersten Blues. Nicht allein. Jan Vogler wird in der Messe Dresden mit dem legendären britischen Blues- und Rock-Gitarristen und Sänger Eric Clapton auftreten und einige Songs des 17-fachen Grammy-Gewinners interpretieren. Das Konzert beschließt die diesjährigen Dresdner Musikfestspiele. Diese, von Vogler geleitet, bieten ab 16. Mai über 50 Spitzen-Konzerte.

Schon die Clapton-Ankündigung sorgte für Schlagzeilen. Andere Veranstalter versuchen seit Jahren, den Briten zu Auftritten zu überreden. Entsprechend ist das Gastspiel an der Elbe, trotz Kartenpreisen von bis zu 240 Euro, längst ausverkauft.

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Und wie auch bei anderen Künstlern, die zu den Festspielen kommen, fragt man sich: Wie schafft es Jan Vogler nur, immer wieder solche Top-Leute zu engagieren? Denn er kann – trotz eines nicht allzu üppigen Etats – nicht nur Klassikstars wie den Pianisten Daniel Barenboim, den Maestro Valery Gergiev, die Geigerin Anne-Sophie Mutter und Klangkörper wie die Wiener Philharmoniker regelmäßig präsentieren. Das tut er auch diesen Festival-Jahrgang. Genauso ist er aber auch schon mit dem koreanischen Popstar Rain, mit dem Tänzer Yaman Okur oder mit Hollywood-Schauspieler Bill Murray hier aufgetreten.

„Diese Engagements ergeben sich aus spontanen, zufälligen Begegnungen“, sagt Vogler. Den koreanischen Popstar Rain beispielsweise traf er das erste Mal im Fitnessstudio. Bill Murray hatte er bei einem Flug kennengelernt. Der Schauspieler saß neben ihm und hatte ungläubig gefragt, wieso Vogler für sein Cello einen Sitzplatz gebucht habe. Der Schauspieler hatte keine Vorstellung vom Wert des Stradivari-Cellos.

Die Pianistin Hélène Grimaud, die am 2. Juni bei den Festspielen in der Semperoper musiziert,  sagt über Intendant und Cellist Jan Vogler: „Wir sind Komplizen. Jan ist wunderbar anpassungsfähig und risikobereit für Neues.“
Die Pianistin Hélène Grimaud, die am 2. Juni bei den Festspielen in der Semperoper musiziert,  sagt über Intendant und Cellist Jan Vogler: „Wir sind Komplizen. Jan ist wunderbar anpassungsfähig und risikobereit für Neues.“ © Mat Hennek/DG
Der beste Cello-Spieler der Welt ist Yo-Yo Ma, der im vergangenen Jahr das Minifestival einer Cellomania innerhalb der Festspiele eröffnet hatte. Diesmal ist er am 7. Juni im Kulturpalast zu erleben. 
Der beste Cello-Spieler der Welt ist Yo-Yo Ma, der im vergangenen Jahr das Minifestival einer Cellomania innerhalb der Festspiele eröffnet hatte. Diesmal ist er am 7. Juni im Kulturpalast zu erleben.  © Jason Bell
Sie ist die Nr. 1 unter den Geigerinnen: Anne-Sophie Mutter. Regelmäßig ist sie in Dresden zu Gast. Diesmal spielt sie am 26. Mai im Kulturpalast Mozart. 
Sie ist die Nr. 1 unter den Geigerinnen: Anne-Sophie Mutter. Regelmäßig ist sie in Dresden zu Gast. Diesmal spielt sie am 26. Mai im Kulturpalast Mozart.  © PR
Daniel Barenboim hat den neuen Dresdner Kulturpalast vor gut zwei Jahren mit eingeweiht und war von Bau und  Akustik begeistert. Diesmal musiziert er am 19. Mai mit seine Berliner Staatskapelle allerdings in der Semperoper.
Daniel Barenboim hat den neuen Dresdner Kulturpalast vor gut zwei Jahren mit eingeweiht und war von Bau und  Akustik begeistert. Diesmal musiziert er am 19. Mai mit seine Berliner Staatskapelle allerdings in der Semperoper. © Holger Kettner
Der Dresdner Starbass Rene Pape gestaltet das Eröffnungskonzert der Festspiele am Donnerstagabend im Kulturpalast und singt Schubert-Lieder.
Der Dresdner Starbass Rene Pape gestaltet das Eröffnungskonzert der Festspiele am Donnerstagabend im Kulturpalast und singt Schubert-Lieder. © Jiyang Chen
Maestro Valery Gergiev, einer der charismatischsten Dirigenten der Gegenwart, kommt wieder zu den Festspielen: Am 5. Juni musiziert er mit seinem Orchester vom Mariinsky-Theater St. Petersburg im Kulturpalast unter anderem Tschaikowski.
Maestro Valery Gergiev, einer der charismatischsten Dirigenten der Gegenwart, kommt wieder zu den Festspielen: Am 5. Juni musiziert er mit seinem Orchester vom Mariinsky-Theater St. Petersburg im Kulturpalast unter anderem Tschaikowski. © Florian Emanuel Schwarz

Aus dieser Begegnung im Jahr 2013 erwuchs eine künstlerisch ergiebige Freundschaft. Sie starteten das gemeinsame Programm „New Worlds“, in dem sie Musik und Literatur kombinierten. Das lief weltweit und war auch als CD sehr erfolgreich.

„Ich bin sehr offen, mich interessieren Menschen im Allgemeinen und natürlich die Musik“, sagt Vogler. Zwei Dinge kommen bei ihm zusammen. Er ist ein Menschenfischer, der unglaublich kommunikativ ist und sich blitzschnell auf Leute einstellen kann. Und, „ich bin gern ein guter Gastgeber“. Deshalb schätzt er es, nach eigenen Konzerten noch Gäste zu treffen oder auftretende Kollegen zu besuchen. Während der Festspiele sitzt er in jeder Veranstaltung. Die Auftretenden wissen, dass da einer zuhört, der die Anspannung aus eigener Konzert-Erfahrung kennt. Das verbindet anders, als wenn der Festivalchef nur Intendant ist. „So entsteht ein Netzwerk, es bilden sich Blutbahnen.“ Die Pianistin Hélène Grimaud sagt: „Wir sind Komplizen. Jan ist wunderbar anpassungsfähig und risikobereit für Neues.“

Vogler ist überzeugt, dass die menschliche Seite, der fast schon private Umgang miteinander ausschlaggebend ist, ob sich Künstler buchen lassen, weil sie sich wohlfühlen. „ Dresden kann stolz sein, wenn eine Anne-Sophie Mutter auftritt. Sie hat sich für die Stadt entschieden und diese gegenüber anderen also bevorzugt.“

„Ich sammel keine prominenten Freunde, um mich zu schmücken. Ich kann mich genauso intensiv und gewinnbringend mit einem Koch oder Taxifahrer unterhalten“, so Vogler über seinen doch sehr illustren Freundeskreis, zudem auch Politiker gehören. „Ich mag Leute mit Facetten, die ich so nicht kenne“, sagt er: „Sympathien entscheiden. Es geht nicht ums Geschäft, sondern um Kreativität und Persönlichkeit.“ Entstünde dieser Draht, würde er versuchen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Manchmal werde daraus dann noch ein Projekt, manchmal zehre er aber auch nur von den Gesprächen. „Die Klassikwelt ist doch ziemlich klein. Leute wie den Regisseur Francis Ford Coppola mit all seinen Lebens- und Berufserfahrungen zu treffen, bereichert mich, öffnet mir Perspektiven.“

So kann sich Vogler beispielsweise nicht mehr an alle „New Worlds“-Konzerte erinnern, aber an einprägsame Ausflüge und Museumsbesuche mit Bill Murray. Außerdem hätten viele dieser Leute, die ihn interessieren, eine ansteckende Berserker-Energie. „Das macht mich auch offener und gelassener – auch im Umgang mit meiner Musik. Ich habe gemerkt, dass ich durch dieses Wissen mehr von mir am Cello preisgebe. Außerdem macht es Spaß, mit dem Cello die Klangwelten eines Rains oder Udo Lindenbergs zu entdecken.“ Doch wie hält er den Kontakt angesichts seines übervollen Terminkalenders? „Man muss nicht ständig miteinander telefonieren, sich aber voll auf den anderen verlassen können. Als Kind hat mich die Puccini-Oper ,La Boheme’ fasziniert – grundverschiedene Künstler sind Freunde. Einer steht für den anderen ein.“

Nun also eine neue, eine bluesige Begegnung für den Intendanten, der sein Festival wie wenige stets für Neues öffnet. Schuld ist Eric Clapton, der Vogler in Großbritannien mehrfach gehört und anschließend besucht hatte. Instrumentale Techniken, aber auch das Aussehen der Fingerkuppen waren ihre Gesprächsthemen. Die von einem Cellisten sind weniger angegriffen als die von einem Gitarristen.

„Es war ein netter, kollegialer Austausch“, so Vogler, der Clapton spontan in den neuen, schönen Kulturpalast einlud. Der sagte sofort zu. Dass er nun doch in der Messe spielt, liegt daran, dass die Bühnentechnik von Clapton zu umfangreich für die kleine Bühne des Kulturpalastes ist. Glück für Fans. Statt 1 754 Besucher im Palast können nun 4 000 in der größeren Messe das Event am erleben.


Festspiel-Infos:  Restkarten zu den Dresdner Musikfestspielen vom 16. Mai bis 10. Juni gibt es im Kulturpalast Dresden oder telefonisch unter 0351 65606700 

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TV-Porträt: Zum Start der Musikfestspiele strahlt das MDR-Fernsehen ein bemerkenswertes Porträt von Jan Vogler aus. Kulturredakteur Andreas Berger hat ihn bei der Arbeit in Dresden, Wien, Berlin und New York begleitet. Der 55-Jährige sei ein „Sänger auf vier Saiten“, weil der Klang des Cellos der menschlichen Stimme vielleicht am nächsten kommt. Langjährige Bühnenpartner wie Hélène Grimaud kommen zu Wort. Interessante Details erfährt man. So umrundet Vogler per Flugzeug pro Jahr die Erde sieben Mal – immer dabei sein Stradivari-Cello. Er ist zudem eine Art künstlerischer „Außenminister“ Dresdens, der Fäden in alle Welt knüpft. (SZ/bkl)

„Lebensläufe: Mit dem Cello um die Welt – Jan Vogler“, 16. Mai, 23.05 Uhr, MDR-Fernsehen

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