merken
PLUS

Sachsen

Die Digital-Mafiosi

Die Selimi-Brüder gelten als Rädelsführer einer Bande, die Raubkopierportale wie kinox.to betrieben. Teil 2 der Serie "Fahndungsakte Sachsen".

Kastriot Selimi, geb.
7.10.1989 im Kosovo, soll Gründer diverser
Raubkopieportale wie
kinox.to sein. Zuletzt wohnhaft in
Pansdorf bei Lübeck. Er gilt als gewaltbereit.
Kastriot Selimi, geb. 7.10.1989 im Kosovo, soll Gründer diverser Raubkopieportale wie kinox.to sein. Zuletzt wohnhaft in Pansdorf bei Lübeck. Er gilt als gewaltbereit. © Polizei, stock.adobe.com

Von Thomas Schade

Es waren einmal zwei Brüder. Ihre Eltern, die Selimis, waren rechtschaffene Leute, sie flohen aus dem Städtchen Gjilan im Kosovo nach Schweden, als in den 1990er-Jahren Bürgerkrieg herrschte auf dem Balkan. 1989, noch in der Heimat, war der ältere Sohn Kastriot zur Welt gekommen. 1992, wird Kreshnik in Schweden geboren. Die Selimis siedeln später nach Deutschland über und leben bescheiden in einem kleinen Reihenhaus in Pansdorf zwischen Lübeck und Timmendorfer Ostseestrand.

Dort entdecken die Brüder ihre Vorlieben für Computer und Internet. Sie spielen mehr Egoshooter als Fußball, und sie haben einen älteren Freund, der sich mit Technik auskennt. Avit heißt der Junge, der schon mal einen Wlan-Router von Nachbarn oder Bekannten hackt.

Anzeige
Studium für Pflegeprofis
Studium für Pflegeprofis

Studium & Praxis vereinen? Bis zum 1. Oktober an der ehs Dresden für die innovativen pflegerischen Bachelor- & Masterstudiengänge bewerben!

Die Jugendlichen entdecken das Darknet und die Leichtigkeit, mit der man Raubkopien anfertigen und vertreiben kann. Und sie finden heraus, was alles im Netz digital verfügbar ist. Noch als Teenager gehen sie 2005 mit ihrem ersten Webhoster voller Raubkopien online. Fünf Jahre später besitzen sie ein digitales Imperium, mit dem sie neueste Kinofilme und Serien illegal anbieten.

Wenige Tage nach dem Aus für Kino.to ging das Raubkopierportal Kinox.to ans Netz. Heute existiert die Seite immer noch.
Wenige Tage nach dem Aus für Kino.to ging das Raubkopierportal Kinox.to ans Netz. Heute existiert die Seite immer noch. © Screenshot

Möglich ist das, weil es ihrem Kumpel Avit O., einem gebürtigen Kasachen, 2009 gelingt, eines der seinerzeit größten illegalen Filmportale zu hacken: die Plattform Kino.to, die von Leipzig aus betrieben wird. Avit nimmt unter dem Pseudonym „Pedro“ Kontakt zu den Kino.to-Betreibern auf. Die integrieren Avit in ihren Führungszirkel, um der Enttarnung zu entgehen.

2011 legt die Dresdner Generalstaatsanwaltschaft Kino.to still. Zuvor soll Avit O. die komplette Datenbank und das Programm der Webseite kopiert und sich damit abgesetzt haben. Anders ist kaum zu erklären, dass wenige Tage nach dem Aus für Kino.to das Raubkopierportal Kinox.to ans Netz geht – wie ein Klon, mit einem ähnlichen Angebot und einer ähnlich aufgebauten Seite. Später kommen andere Portale hinzu. Kinox.to leitet zu dieser Zeit auf mehr als 1,3 Millionen Filme weiter, darunter aktuelle Blockbuster und Serien wie „Game of Thrones“.

Meistgesuchte Cyberkriminellen in Europa

Nach Angaben der privaten Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) können diese Webseiten den Selimi-Brüdern und ihrem Komplizen Avit O. zugeordnet werden. Die GVU soll mit ihren Erkenntnissen die Ermittlungen gegen die drei bei der Dresdner Generalstaatsanwaltschaft in Gang gesetzt haben. Nicht wegen Kinox.to, sondern nur wegen des Verdachtes, sie könnten kleine Raubkopierer sein, bekommen die Selimis im Januar 2013 erstmals Besuch von der Polizei.

Beamte durchsuchen die Zimmer von Kreshnik und Kastriot in dem Reihenhaus in Schleswig-Holstein. Sie finden keine Raubkopien, aber eine Pistole, Munition und jede Menge verschlüsselte Festplatten. Die Cybercrime-Ermittler brauchen Monate, bis sie die knacken und das Treiben der beiden Brüder mit Hilfe ihres E-Mail-Verkehrs entschlüsseln können.

Im Sommer 2014 ahnen sie, wer hinter dem illegalen Imperium stehen könnte.
Am 29. Oktober 2014 gehen die Ermittler mit einer groß angelegten Razzia gegen die mutmaßlichen Betreiber von Kinox.to und Co vor. In Neuss und Düsseldorf werden Avit und ein weiterer Hacker der Bande namens Eddi festgenommen. Als Polizisten zeitgleich schwer bewaffnet das unscheinbare Reihenhaus in Pansdorf stürmen, sind die Selimi-Brüder ausgeflogen. Beide haben sich vermutlich schon Monate vorher abgesetzt – mit den Passwörtern für ihre illegalen Filmportale.

Seither gehören Kastriot und Kreshnik Selimi zu den meistgesuchten Cyberkriminellen in Europa. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihnen gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzung, Steuerhinterziehung, räuberische Erpressung und Brandstiftung vor. Die Ermittler vermuten Verbindungen zur osteuropäischen organisierten Kriminalität.

„Neuer Tätertyp“ in der Netzkriminalität

Die Brüder sollen versucht haben, lästige Konkurrenz auszuschalten, dabei gab es vermutlich Morddrohungen und brennende Autos. Die Gesuchten gelten als gefährlich und gewaltbereit. Die Spuren ihrer Webportale führen von Leipzig und Berlin über Pansdorf bei Lübeck bis auf die Britischen Jungferninseln, nach Florida, Zypern und nach St. Petersburg. Für den Dresdner Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein gehören die Selimi-Brüder zu einem „neuen Tätertyp“ in der Netzkriminalität.

Ihr Komplize Avit O. hält lange dicht. Er gilt als „technischer Direktor“ des kriminellen Unternehmens, die Brüder sollen für das „Kaufmännische“ zuständig gewesen sein. Erst im Oktober 2015 packt O. vor dem Leipziger Landgericht aus. Urheberrechtsverletzung in 767.000 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem 29-Jährigen vor.

2015 stand Avit O. in Leipzig vor Gericht.
2015 stand Avit O. in Leipzig vor Gericht. © Martin Schöler

Die Anklage umfasst 69 Seiten: Nötigung, Computersabotage, Steuerhinterziehung. Er soll mehrfach mit sogenannten DDoS-Attacken illegale Konkurrenzportale angegriffen haben. Seinem Verteidiger, dem Dresdner Anwalt Endrik Wilhelm, gelingt es im Dezember 2015, einen Deal auszuhandeln.

Avit O. legt ein weitreichendes Geständnis ab und bekommt dafür einen Teil seiner Taten erlassen. Er muss wegen 2.889 Urheberrechtsverletzungen und Computersabotage für drei Jahre und vier Monate in Haft.

Jahre später, am 12. Juli 2017, stellt sich Kreshnik Selimi, der jüngere Bruder, nach vier Jahren Flucht vor der deutschen Botschaft in Pristina im Kosovo den Behörden. Monate später sitzt er in deutscher Untersuchungshaft. Dort kooperiert der inzwischen 26-Jährige mit den Behörden, hilft laut Staatsanwaltschaft rund 1,75 Millionen Euro für den deutschen Fiskus zu sichern.

Kreshnik Selimi hat sich der Polizei gestellt.
Kreshnik Selimi hat sich der Polizei gestellt. © Polizei

Kreshnik Selimi habe als wirtschaftlich berechtigter Strohmann zweier Firmen in Hongkong fungiert, denen auf Umwegen über Zypern Schwarzgeld zugeflossen sei, so die Ermittler. Nach neuen Monaten U-Haft wird das Verfahren gegen ihn mit einem Täter-Opfer-Ausgleich beendet, auch weil für ihn noch das Jugendstrafrecht galt, als er seine Taten begangen hat.

Doch wo ist sein älterer Bruder? Etwa ebenfalls im Kosovo? Nach Kastriot Selimi, heute 30 Jahre alt, werde nach wie vor international gefahndet, sagt Wolfgang Klein, der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden. Tauchen Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort auf, werde ihnen sofort nachgegangen. Doch mittlerweile mehren sich Zweifel, ob die Brüder überhaupt die Betreiber von Kinox.to waren, oder nur Strohmänner, hinter denen eine Cyber-Mafia im Ausland steht.

+++ Hinweise gesucht +++

Weiterführende Artikel

Die unbekannte Heilige

Die unbekannte Heilige

Eine 500 Jahre alte Dame aus Holz wird bereits seit 1990 von der Polizei gesucht. Sie steht am längsten auf der Fahndungsliste des Freistaates Sachsen.

Der abgetauchte Messerstecher

Der abgetauchte Messerstecher

Ein junger Iraker greift beim Chemnitzer Stadtfest einen Farbigen an. Nun ist einer tot und der andere auf der Flucht. Teil 4 unserer neuen Serie.

Die Zündler von der „Kiezmiliz“

Die Zündler von der „Kiezmiliz“

Sie setzen Fahrzeuge in Brand, greifen Menschen an: Eine Soko der Polizei sucht nach Linksextremisten. Teil 3 der Serie "Fahndungsakte Sachsen".

Die eiskalte Ehefrau

Die eiskalte Ehefrau

Hayet Kaubisch soll 2011 ihren Mann getötet haben. Seither sucht die Polizei sie. Verurteilt wurde inzwischen ein anderer. Teil 1 der Serie "Fahndungsakte Sachsen".

Wer hat den Tatverdächtigen nach dem 1.7.2014 gesehen? Wer kann Hinweise zum derzeitigen Aufenthaltsort des Gesuchten geben? Hinweise bitte an das

Landeskriminalamt Sachsen
Neuländer Straße 60
01129 Dresden
Telefon: +49 (0)351 855-100
oder an jede andere Polizeidienststelle.

Mehr zum Thema Sachsen