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Hilfe, mein Fahrrad ist kaputt

Von wegen mal schnell zur Reparatur. Wegen des Corona-Booms gibt es im Landkreis Wartezeiten. Und noch andere Hürden.

Gunter Jacob bringt in Freital jeden Drahtesel wieder in Gang. Nur dauert es derzeit etwas länger, was nicht an ihm, sondern den vielen Reparaturen liegt.
Gunter Jacob bringt in Freital jeden Drahtesel wieder in Gang. Nur dauert es derzeit etwas länger, was nicht an ihm, sondern den vielen Reparaturen liegt. © Karl-Ludwig Oberthuer

Silke Stelzner musste vier Wochen zu Fuß gehen. Nicht, weil sie ihre Fahrerlaubnis abgeben musste. Schlimmer. Ihr Fahrrad war kaputt. Für die passionierte Heidenauer Radlerin eine mittlere Katastrophe. Nicht so sehr, dass die Speichen am Hinterrad gebrochen waren, sondern dass sie so lange auf die Reparatur warten musste. Und das ist keine Seltenheit. 

Erstes Problem: Lange Wartezeit

Denn Corona hat für einen Fahrradboom gesorgt und dazu gehören auch volle Werkstätten. Wie etwa die von Holger Neubert in Dohna. Er vergibt seine Reparaturtermine mit etwa vier Wochen Vorlauf. Dann ist es in der Regel binnen einer Woche erledigt. Was schneller geht, wird gleich gemacht. Einen Schlauch wechseln oder Bremsen zum Beispiel. Gerade hat er ein Trekkingrad vor sich. Antrieb und eine neues Hinterrad werden ihn etwa zweieinhalb Stunden Arbeit kosten.  Neubert lässt inzwischen an zwei Vormittagen den Laden zu, um alles zu reparieren.

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Auch in Neustadt müssen sich Radler gedulden. Thomas Liebsch stellt derzeit drei bis vier Wochen Wartezeit in Aussicht. Bei Fahrrad Feine-Inhaber Gunter Jacob in Freital dauert es im Schnitt zwei Wochen, bis er den kaputten Drahtesel wieder flott gemacht hat. Jacob aber ahnt, der große Reparaturbedarf kommt erst noch. Dann nämlich, wenn die Leute, die jetzt mit ihren Zweirädern im Urlaub sind, wieder zurückkommen. 

Eine Erfahrung, die Jacob und seine Kollegen machen: Viele der Räder, die jetzt zur Reparatur gebracht werden, standen lange ungenutzt im Keller und fordern nun die Handwerkskunst der Meister heraus. Das ist meist im Frühjahr so, doch da geht es in der Regel nur um das, was im Winter einrostete. Jetzt wurden die Räder oft jahrelang nicht bewegt und benötigen eine Rundum-Erneuerung, sagt Gunter Jacob. Eine Verschrottung musste er noch für kein Fahrrad vorschlagen, auch wenn manche nah dran sind. Aber dafür sind Männer wie Jacob Meister ihres Faches. Und sie stehen noch vor einem ganz anderen Problem.

Zweites Problem: Keine Ersatzteile

Wenn das Fahrrad aus dem Keller geholt ist und endlich einen Termin zur Reparatur hat,  droht möglicherweise das zweite Problem. Dann nämlich, wenn es an der Ersatzteil-Beschaffung hapert. Das klingt wie aus einer Werkstatt zu DDR-Zeiten, ist bei Holger Neubert in Dohna aber durchaus Realität. Um einen Antrieb wieder in Gang zu bringen, muss er schon mal drei verschiedene Anbieter anfragen. 

Inzwischen werden nicht nur die Keller-Drahtesel zur Reparatur gebracht, sondern auch die ersten E-Bikes. Neben den üblichen Verschleißerscheinungen an Reifen und Bremsen ist auch schon mal ein Motor zu wechseln. Das aber geht in der Regel schnell und problemlos. Ansonsten ist es wie bei den Autos. Bei Trabi und Co. konnte früher noch fast jeder selbst Hand anlegen, und so war es auch lange bei den Fahrrädern. Umso technisch raffinierter nun die Räder werden, umso öfter müssen sie zum Fachmann. 

Der Allgemeine Deutscher Fahrradclub sieht es gelassen. Aus Sicht des ADFC seien die meisten Reparaturen am Fahrrad immer noch vom Radler selbst machbar, und wenn es unter Anleitung ist. Außerdem verweist der Club auf Fahrrad-Selbsthilfewerkstätten. Da es die bisher vorrangig in größeren Städten gibt, fordert der ADFC sie im Zusammenhang mit mehr fahrradfahrerfreundlichen Bahnhöfen auch für diese.

Drittes Problem: Große Nachfrage

Wer keine Lust auf den alten Drahtesel hat und sich stattdessen einen neuen kaufen will, hat auch nicht automatisch mehr Glück. Die Lücken im Angebot der Fahrradhändler werden größer. Was die Verkäufer einerseits freuen könnte, beschert ihnen ein neues Problem: Sie können die Wünsche der Kunden nicht mehr erfüllen. "Ich muss sie oft auf die nächste Saison vertrösten", sagt Thomas Liebsch. Die beginnt im Herbst. Doch wer jetzt ein Fahrrad kaufen will, will auch jetzt fahren. Irgendein Fahrrad bekommt man immer noch, sagt Liebsch, doch niemand mehr will heute irgendein Fahrrad. Die Vorstellungen sind wie die Räder geworden: spezieller. 

Zufriedenheit schlägt Wartezeit

Silke Stelzner hat die Fahrrad-Abstinenz überstanden und kann inzwischen wieder alle ihre Wege wie gewohnt erledigen. Das Laufen war ungewohnt, doch aufs Auto wollte sie auch nicht umsteigen. Holger Neubert hatte sich bei Silke Stelzner für das lange Warten entschuldigt. Doch das hat sie letztlich gern in Kauf genommen. "Wir sind sehr zufrieden", sagt sie. Es hätte schließlich noch länger dauern können.

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