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Feuerwehr muss auf Oldtimer-Ersatz warten

Weil sich Leisnig kein neues Fahrzeug leisten kann, müssen Unfallopfer bangen. Schaffen es die Helfer zu ihnen oder nicht?

Mit dem Baujahr 1988 ist der Leisniger Rüstwagen ein Oldtimer. Ersatz kann sich die Stadt nicht leisten.
Mit dem Baujahr 1988 ist der Leisniger Rüstwagen ein Oldtimer. Ersatz kann sich die Stadt nicht leisten. © Dietmar Thomas

Leisnig/Mittelsachsen. Wer schon mal ein Auto gefahren hat, das bereits zehn oder gar 20 Jahre auf den Rädern hat, der kennt vielleicht die bangen Fragen: Springt es noch an? Hält es bis zum Ziel durch? Bringt es mich wieder zurück?

So ähnlich geht es den Leisniger Feuerwehrleuten. Nur geht es bei ihnen nicht um die Reise in den Urlaub oder um die nächste Einkaufsfahrt. Bei jeder Alarmierung könnten Menschenleben auf dem Spiel stehen. Dafür ist unter anderem ein zuverlässiges Fahrzeug wichtig. Doch das haben die Ehrenamtlichen in Leisnig nicht.

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Eigentlich stand der Ersatz des Rüstwagens, der Baujahr 1988 in den Papieren stehen hat, in diesem Jahr an. Der Ältestenrat hatte sich dazu bekannt, den Kauf „durchzuziehen“, obwohl es dazu wider Erwarten nur wenige Zuschüsse durch Fördergeld gibt.

Klinkenputzen war umsonst

Mitarbeiter der Verwaltung und der Bürgermeister sind nach Freiberg zum Landkreis gefahren, haben sich an die Landesregierung in Dresden gewandt. Denn ihrer Meinung nach besteht ein „besonderes öffentliches Interesse“ an diesem Rüstwagen, der offiziell Gerätewagen Logistik heißt. Dieses begründeten die Leisniger allerorts unter anderem mit dem Einsatz des Wagens auf der Autobahn 14, zusätzlich zu den Hilferufen, die von jeder anderen Straße kommen können. 

Geholfen hat es nichts. Es soll bei einer Festbetragsförderung von aktuell 47 Prozent bleiben. Damit hätte die Kommune mehr als die Hälfte des Geldes – ungefähr 184.000 Euro – für den neuen Rüstwagen aufbringen müssen. „Doch die Stadt Leisnig vertritt die rechtliche Position, dass dieser Fördersatz den tatsächlichen Aufwand nur unverhältnismäßig darstellt“, heißt es in der Ratsvorlage. Dabei wird eben auf die Autobahneinsätze verwiesen.

Leisnig zieht Förderantrag zurück

Aus diesen Gründen zieht Leisnig den für 2020 gestellten Förderantrag für den Logistikwagen zurück. Damit ist das Geld frei für andere Wehren, die dringend neue Technik benötigen. „Wir können diesen hohen Eigenanteil nicht aufbringen“, so Bürgermeister Tobias Goth (CDU). 

Eine Kostenreduzierung durch eine Sammelbestellung zu erreichen, wie es Waldheim und Roßwein zusammen mit anderen bezüglich der Neuanschaffung eines Tanklöschwagens aktuell praktizieren, ist dem Bürgermeister zufolge jetzt nicht mehr möglich gewesen. 

 Nach den Worten von Goth will Leisnig die Nachbarn fragen, ob für sie 2021 eine Rüstwagen-Sammelbestellung ein Thema ist. Parallel soll weiter geprüft werden, ob und wie es möglich ist, eine höhere Förderquote zu erreichen.

Folge-Investitionen kommen ins Trudeln

Das Aufschieben des Rüstwagenkaufs lässt auch andere wichtige Investitionen bei der Feuerwehr weiter nach hinten rutschen. Die Wehrleitung hatte eine Prioritätenliste erstellt. 

Nach der müssen dringend fünf Fahrzeuge getauscht werden. Jedes Jahr sollte eines an der Reihe sein. Dazu gehört auch die Drehleiter. Die zu ersetzen, „wird finanziell noch einmal eine ganz andere Hausnummer“, kündigte die Verwaltung den Stadträten an.

Dieter Kunadt (Die Linke) ermutigte seine Ratskollegen, sich beim Freistaat mit dafür stark zu machen, dass das Land die Förderrichtlinien für das Feuerwehrwesen ändert und sich in stärkerem Umfang einbringt als bisher.

Fernsehbeitrag rüttelt wach

 Die Erneuerung alter Rettungstechnik dürfte nicht übergebührlich auf den Kommunen lasten. „Denn es gibt noch genug alte Technik bei den Feuerwehrwehren. Da kommt in den nächsten Jahren eine Lawine auf die Städte zu“, prognostizierte Kunadt.

Doch wie alt sind die Feuerwehrfahrzeuge in Mittelsachsen genau? Das wollte der Roßweiner Kreisrat Peter Krause (Die Linke) jetzt von der Landkreisbehörde wissen. Zuvor hatte er einen Bericht im MDR-Sachsenspiegel über den Zustand der Feuerwehrfahrzeuge im Landkreis Bautzen gesehen und war erschrocken. Denn: In Mittelsachsen dürfte es, was das Alter der Fahrzeuge betrifft, ähnlich aussehen, vermutete Krause.

Die Hälfte aller Feuerwehrfahrzeuge im Landkreis ist alt

Nun hat er es schwarz auf weiß: Zum Stichtag 31. Dezember 2017 – also der letzten Abfrage – standen in Mittelsachsen 445 Fahrzeuge im Dienst von Feuerwehren. Deren Durchschnittsalter betrug knapp 21 Jahre. Jünger als 15 Jahre sind gerade mal ein Viertel der Feuerwehrautos.

Der Leisniger Rüstwagen gehört sogar offiziell zu den Oldtimern. So bezeichnet werden Fahrzeuge ab einem Alter von 30 Jahren. Noch mit 56 dieser Oldies fahren die Helfer im Landkreis zu Einsätzen. 

Mehr als die Hälfte davon sind Fahrzeuge, die noch in der DDR hergestellt worden sind: Robur, W 50 und B 1000.

Was es kosten würde, die Fahrzeugflotte zu modernisieren, diese Frage kann Landrat Matthias Damm (CDU) dem Roßweiner Peter Krause nicht beantworten. Zumindest nicht kurzfristig.

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 Ohnehin sei der Landkreis da weitgehend außen vor. Denn: „Neben den Zuwendungen des Freistaates obliegt die Finanzierung grundsätzlich den Gemeinden“, teilt Beigeordneter Lothar Beier namens des Landrates auf Krauses Anfrage mit.

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