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Filmgeschichte in Zittau mit japanischem Whisky

Seit 20 Jahren betreibt Heiko Winkler das „Filmriß“ am Zittauer Markt. Aus dem Café ist inzwischen eine Cocktailbar geworden.

© Matthias Weber

Immer mal wieder kann Heiko Winkler beobachten, wie Bekannte ihn beim Vorbeigehen am Schaufenster des „Filmriß“ zuwinken. „Manche merken gar nicht, dass sie die Büste von Louis de Funès gegrüßt haben“, erzählt er. Der Kopf des berühmten französischen Fratzenschneiders steht nämlich auf dem Tresen und wird mit einer Leuchte angestrahlt. Einige Menschen verwechseln ihn deshalb mit dem Wirt. Louis de Funès, der als „Gendarm von Saint Tropez“ 1964 weltberühmt wurde, ist allgegenwärtig im „Filmriß“, dessen Interieur Filmgeschichte atmet.

Die Wände sind mit Filmplakaten, Schauspielerfotos, Programmheften, Filmspulen und Filmbüchsen dekoriert. Raumgreifend füllt ein alter Filmprojektor die Mitte der Gaststube aus. Das Komiker-Duo Stan Laurel und Oliver Hardy erinnert in Gips gegossen an die Stummfilm-Ära. Nicht selten beschenken Stammgäste ihren Wirt mit alten Projektoren, Filmplakaten oder Programmheften.

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Vor zwanzig Jahren mietete Heiko Winkler sich am Markt ein und zauberte innerhalb von 14 Tagen aus der italienischen Gaststube seines Vorgängers das Café „Filmriß“. Den Älteren ist das Etablisement noch als „Stadtkrug“ bekannt. „Filmriß mit ß, das ist ein Eigenname“, sagt der Gastronom. Dass der Laden schräg gegenüber dem Filmpalast liegt, war kein Zufall und gehört zum Konzept, auch wenn die Mehrzahl der Gäste heutzutage nicht unbedingt aus dem Kino kommt.

Der 60-Jährige ist ein Gastronom vom alten Schlage, hat in seinem Leben alles gemacht, vom Küchenchef bis zum Barkeeper, war gastronomischer Leiter im „Oybiner Hof“, lernte den Bäckerberuf und studierte Gastronomie. Bis heute betreibt er das Lokal allein. Nur bei Veranstaltungen holt er sich Unterstützung. „Ich muss die Fäden selbst in der Hand halten, ich kann ganz schlecht delegieren“, erklärt der gebürtige Leipziger den zwei Jahrzehnte anhaltenden Alleingang. Wegen eines Praktikums kam er nach Oybin und blieb in der Region, weil er hier seine Frau kennenlernte. „Mir macht die Arbeit Spaß“, sagt er.

Für seine Gäste mime er auch mal den Entertainer und nehme das Mikrofon zur Hand, um gute Stimmung zu erzeugen. Das passiert in der Regel bei Geburtstagsfeiern oder Themenpartys, wie beispielsweise der „DDR-Party“, die er schon lange abschaffen wollte, aber seine Gäste immer wieder auf eine Fortsetzung bestehen. Für Abwechslung sorgen die Gäste, manchmal sind sie prominent. Frank Schöbel, Rolf Hoppe, Ursula Karusseit, Tom Schilling, Franziska Tröger und andere Stars und Sternchen waren zu Gast. Die Münchner Filmhochschule drehte zur Jahrtausendwende Filmszenen im Lokal.

Anfangs als Café konzipiert wurde aus dem Laden schon vor langer Zeit eine Cocktailbar, der Nachfrage wegen. Die Getränkekarte lässt daran keinen Zweifel aufkommen: Vier Biere vom Fass, noch mehr aus der Flasche, Weine, Longdrinks, Tee, Kaffee, Säfte, nach Filmen benannte Cocktails, Rum. Insgesamt 400 Sorten Spirituosen, davon 200 Whiskysorten hat Winkler am Lager. Speisen gibt es nicht. Nur bei Veranstaltungen und Feiern fährt der Wirt ein heißes Buffet auf. Regelmäßig trifft sich der Zittauer Whiskyclub zur Verkostung des Getreidedestillats. Erst kürzlich holte Winkler an seinem freien Montag eine selten gewordene Flasche japanischen Whiskys bei Edeka in Niesky ab, um den Whiskyjüngern wieder eine neue Sorte anbieten zu können.

Wie lange er noch hinterm Tresen stehen wird, werde er sehen. Je nachdem, wie die Gesundheit mitspielt, so Winkler. Die beiden Kinder „sind von der Gastronomie geheilt“, mussten oft am Abend und an den Wochenenden auf den Vater verzichten.

Im Kamin knistert das Holz, eine wohlige Wärme breitet sich im Raum aus. Aus den Boxen schallt Rockmusik aus den 1970er Jahren, altersgerecht in Zimmerlautstärke. „Der Wirt muss sich wohlfühlen“, sagt Winkler und grinst. In dem Moment ähnelt der Zittauer dem alten Louis de Funès, der vom Tresen aus zuschaut.

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