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Stärkt Frauenmangel die Fremdenfeindlichkeit?

Die Soziologin Katja Salomo stellt ihre neue Studie in Löbau vor. Demnach begünstigt Männerüberschuss auf dem Land politische Extreme und Nationalismus.

Katja Salomo ist Soziologin, stammt aus Liebstein in Sachsen und hat eine Aufsehen erregende Studie vorgelegt.
Katja Salomo ist Soziologin, stammt aus Liebstein in Sachsen und hat eine Aufsehen erregende Studie vorgelegt. © Anne Günther

Manchmal sitzt der praktische Beweis für die Theorie genau vor der Wissenschaftlerin. Als die Soziologin Katja Salomo im Saal der Löbauer Volkshochschule einen Zusammenhang zwischen Unzufriedenheit, Politikverdrossenheit, fremdenfeindlich-nationalen Einstellungen und einem Mangel an vor allem heiratsfähigen Frauen herstellt, hebt ein Mann in der ersten Reihe den Arm. "Ich bin das lebende Beispiel für ihre Theorie", sagt der Zittauer, der inzwischen 53 Jahre alt ist.

Auch er hätte gern eine Partnerin gehabt - aber es gab keine: "Alle weggezogen!" Weggehen, das wollte der heimatverbundene Zittauer selbst aber nicht. Deshalb habe er im Internet nach Bekanntschaften gesucht, eine russische Frau kennengelernt, sie eingeladen. Doch sie durfte nicht kommen, weil er nicht genügend Geld verdiene, um die nötigen Sicherheiten zu hinterlegen, erzählt der kräftige Mann mit den lockigen Haaren weiter. "Warum unterstützt die Regierung mich nicht, sondern holt junge Männer ins Land?", skizziert er seine Sicht. Dass er AfD-Wähler ist, gibt er unumwunden zu.

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Eine solche Sichtweise, zu der ein Gefühl von Benachteiligung und ungerechter Behandlung im Vergleich zu anderen sowie Abstiegsängste zählen, sind laut Katja Salomo typisch für Regionen, in denen es nicht nur wirtschaftlich schwierig ist, sondern wo auch die Bevölkerungsstruktur eine besorgniserregende Veränderung aufweist: Zu wenige Frauen vor allem im heiratsfähigen Alter zwischen 18 und 40 Jahren - und damit zu viele Männer in dieser Altersgruppe, die keine Partnerin vor Ort finden.

Ganz neu ist die Erkenntnis, dass Frauenmangel auch gesellschaftlich zu gravierenden Veränderungen führen kann, spätestens seit der vor zwölf Jahren veröffentlichten Studie "Not am Mann" vom Berlin Institut in der Öffentlichkeit nicht mehr. Schmerzlich erinnern sich vor allem die Einwohner von Ebersbach im Oberland an diese Untersuchung, wurden sie doch damals als Negativbeispiel durch die ganze Republik getragen. Diesen Stempel haben sie wohl inzwischen abgegeben: In der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel wird Lübtheen in Mecklenburg - bekannt durch den schlimmen Waldbrand im Sommer - als der Ort mit den wenigsten Frauen zwischen 20 und 39 Jahren in Ostdeutschland geführt.

Katja Salomo hat anhand von Thüringen nachgewiesen, dass die Gründe für extremistische, demokratieskeptische, fremdenfeindliche Haltungen nicht nur in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Arbeitslosigkeit zu suchen sind, sondern eben jene Veränderung in der Bevölkerungsstruktur ausschlaggebend ist: „Abwanderung, Alterung, Frauenschwund: Die verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft“ heißt deshalb ihre Untersuchung. Dabei geht es der Wissenschaftlerin nicht etwa um die Frage des fehlenden "hormonellen Ausgleichs" für Männer, wie man verkürzt denken könnte: "Frauen investieren einfach mehr in familiäre, nachbarschaftliche Beziehungen als Männer, sie organisieren auch mehr im Ort", skizziert sie die Auswirkungen. Fehlen sie im Ort, verändert sich das Leben und Denken.

Thüringen steht für den ganzen Osten

Auch wenn für die Untersuchung Thüringer Daten genutzt wurden - hier gab es schon seit 2010 umfassende, repräsentative Umfragen zur politischen Haltung - so ist die Soziologin sicher, dass die Ergebnisse auf viele Regionen im Osten übertragbar sind. "Ich bin in Liebstein, der kleinsten sächsischen Gemeinde mit dem berühmten Schloss Kuckuckstein aufgewachsen", erzählte Salomo, die am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung tätig ist. Die Abwanderung, den Verfall der Ortsgemeinschaft - all das hat sie selbst erlebt und kann durchaus die Reaktionen der Menschen vor Ort nachvollziehen. "Mich hat aber immer gewundert, dass extremistische Einstellungen, das Gefühl von Benachteiligung sich auch nicht verändert haben, als es wirtschaftlich wieder besser wurde und sie auch im Vergleich zu früher in Ostdeutschland so irritierend hoch geblieben sind", erklärt sie ihre Motivation. Den Grund dafür meint sie jetzt gefunden zu haben: in der Bevölkerungsstruktur.

Mit der Wissenschaftlerin Katja Salomo (links) diskutierten in Löbau (von links nach rechts): Peter Bienwald von der Arbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen, der Bürgermeister von Rietschen, Ralf Brehmer, und Kathrin Treffkorn von der Initiat
Mit der Wissenschaftlerin Katja Salomo (links) diskutierten in Löbau (von links nach rechts): Peter Bienwald von der Arbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen, der Bürgermeister von Rietschen, Ralf Brehmer, und Kathrin Treffkorn von der Initiat © Anja Beutler

Doch bei aller Problembeschreibung - wie geht es weiter? Die Forscherin konnte dazu in Löbau auch keine Lösung aus dem Hut zaubern. Absehbar sei, dass dieses Phänomen Ostdeutschland durch die Überalterung noch eine Weile begleiten werde, auch wenn inzwischen nicht mehr so viele Menschen und vor allem Frauen abwandern wie nach der Wende. Ob die Männer vor Ort etwas tun können, um Frauen anzulocken - das diskutierten in Löbau neben dem Rietschener Bürgermeister Ralf Brehmer (SPD), auch Peter Bienwald von der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Sachsen und die Görlitzerin Kathrin Treffkorn von der Initiative Frauen.Wahl.Lokal.

Bienwald gab sich sicher, dass "eine Lösung des Themas nicht von außen kommen kann". Denn, wie Katja Salomo in ihrer Studie geschildert hatte, ist die Ablehnung von Zuwanderung in solchen Regionen ohnehin größer als anderswo. Er plädierte dafür, dass Männer ihr Frauenbild und ihr Verhalten überdenken sollten, so dass Frauen sich in der Region wohlfühlen und für sich persönliche Chancen sehen. Ein Vorschlag, der generell Zustimmung fand. Nur Soziologin Katja Salomo musste beim Verweis auf einen moderneren Mann Salz in die Wunde streuen: "Das Argument, dass die Männer hier nicht progressiv genug sind, zieht nicht wirklich, denn im Westen ist das Rollenbild viel konservativer", sagt sie. Ihr persönliches Fazit lautet: "Nichts schützt so sehr vor Ressentiments wie Bildung."

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