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„Meine Kinder haben mich sehr geerdet“

Für den Triathleten Jan Frodeno hat sich die Motivation, seinen Sport zu betreiben, grundlegend geändert - weg von der Besessenheit aus der Not heraus.

Jan Frodeno ist mit Triathlon-Olympiasiegerin Emma Snowsill aus Australien verheiratet. Das Paar hat einen Sohn und eine Tochter.
Jan Frodeno ist mit Triathlon-Olympiasiegerin Emma Snowsill aus Australien verheiratet. Das Paar hat einen Sohn und eine Tochter. © dpa/Frank Rumpenhorst

Er ist besessen vom Triathlon, vom Erfolg in seiner Sportart. Und er ragt heraus, nicht nur seiner Größe wegen: Jan Frodeno. Im Interview spricht der dreimalige Ironman-Weltmeister auch über die Entstehung seines „Grundhungers“, der den 38-Jährigen zum Topstar der Triathlon-Szene gemacht hat.

Herr Frodeno, empfinden Sie so etwas wie Stolz?

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Ich würde mich nicht als stolzen Menschen bezeichnen. Ich bin ein lebensfreudiger Mensch. Ich kann genießen, ich kann vor Freude einfach losschreien. Aber mit dem Schulterklopfen habe ich es nicht mehr so.

Wie hat sich Jan Frodeno von 2008, der Olympiasieger, von Jan Frodeno aus dem Jahr 2019, dem dreimaligen Hawaii-Gewinner, verändert?

Die Grundmotivation ist eine andere. Damals wollte ich diesen Erfolg der Anerkennung halber so sehr. Ich habe dann sehr viel daraus gemacht, es sehr genossen. Es war damals der größte Moment für mich, mitten im Rampenlicht zu stehen. Inzwischen ist es etwas anderes, etwas Inneres, Tieferes. Diese Suche nach diesem perfekten Rennen, der eigenen Verbesserung und dem, was geht. Es gibt mir mittlerweile deutlich mehr, von jemandem zu hören, dass er über mich zum Sport gekommen ist, als dass ich so ein toller Typ bin, weil ich den Sport mache.

Nicht wenige bezeichnen Sie als den Größten aller Zeiten in Ihrem Sport. Wie nehmen Sie das wahr?

Es ist schön, und ich fühle mich geehrt. Es ist aber auch sehr, sehr schwer, Menschen und Persönlichkeiten über Jahrzehnte hinweg zu vergleichen. Es ist wie jede andere Anerkennung eine äußere Anerkennung, ein Empfinden. Wenn jemand das so findet, ist es total cool, wenn nicht, ist das auch vollkommen okay. Ich werde mich selbst daran nicht messen und sicherlich nicht hinstellen und sagen, ich bin der Größte aller Zeiten.

Inwiefern hat Sie das Vatersein verändert, weiter entwickelt oder vielleicht auch geerdet?

Meine Kinder haben mich auf jeden Fall sehr geerdet. Sie haben mir relativ deutlich gemacht, dass der Sport doch nur die schönste Nebensache der Welt ist. Für mich gibt es nichts Wichtigeres als das Wohl meiner Kinder. Es ist auch krass zu sehen in so einem egozentrischen Dasein, das man als Sportler führt, dass das Herz doch noch wachsen kann und alles andere egal ist, sobald es einem von den beiden nicht gut geht. Ich hätte das nicht gedacht. Früher war ich kein Kindertyp. Es ist für mich aber jetzt einfach fantastisch, die Welt aus einer ganz anderen Perspektive noch mal zu sehen.

"Ich kann vor Freude einfach losschreien", sagt Jan Frodeno und macht das dann auch auf Hawaii.
"Ich kann vor Freude einfach losschreien", sagt Jan Frodeno und macht das dann auch auf Hawaii. © dpa/Marco Garcia

Haben Ihre Kinder Sie auch noch stärker gemacht?

Mit Sicherheit haben sie mich stärker gemacht, weil sie mir meine Ziele nicht genommen, mir aber einen Fokus auf das Wesentliche gegeben haben.

Können Sie Ihre Kinder gewinnen lassen?

Ja, ja, ich lasse sie immer gewinnen. Außerhalb vom Triathlon kann ich sehr gut verlieren. Der Ehrgeiz beschränkt sich mittlerweile fast nur noch auf den Wettkampf.

Sie sagen, dass Geld allein Ihnen nicht wirklich viel bedeutet. Inwiefern trägt Ihre finanzielle Situation aber auch zu Ihrer Ausgeglichenheit bei?

Ich kann als einer von wenigen sagen, dass ich mit viel, viel weniger angefangen habe als viele andere. Ich habe mich schon mal wochenlang von Haferflocken ernährt, weil die Packung nur 19 Cent gekostet hat. Ich habe der Sporthilfe extrem viel zu verdanken, weil ich mir durch diese 200 Euro mein Leben über zwei Jahre komplett finanziert habe. Ich hatte keine Krankenversicherung, weil ich sie mir einfach nicht leisten konnte. Dadurch, dass ich nicht im deutschen System war, hatte ich auch keine gesetzliche Krankenversicherung. All das hat mir gezeigt, dass Geld zwar schön, aber nicht entscheidend ist. Für mich ist aus dieser Situation eine gewisse Not entstanden. Aus dieser Situation ist auch mein Grundhunger entstanden, Erfolg zu haben, mein Leben irgendwann mal so gestalten zu können. Ich hatte keine Angst, weil ich es als Chance gesehen habe.

Sie sprachen vom Grundhunger. Gibt es im Leben Knackpunkte, die aus Top-Sportlern Weltklassesportler machen?

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Mit Sicherheit. Es gibt diese Besessenheit, die alle verbindet. Ich glaube, eine gewisse Besessenheit entsteht immer aus einem gewissen Notstand. Wenn man sich mal die Kulinarik weltweit anschaut: Wo entstehen neue Sachen, wo entsteht Kreativität? Dort, wo es Notstand gibt. Es tut mit sehr leid für alle Amerikaner, wenn sie das lesen, aber deswegen wird es mit der amerikanischen Küche nichts, weil es dort schon immer einen Überfluss an allem gab. Kreativität war nicht notwendig. In anderen Lebensbereichen ist das auch so: Ein gewisser Notstand ruft diesen Überlebensinstinkt in uns hervor. Wenn man den kanalisieren kann, kann man sehr weit kommen.

Das Interview führte Jens Marx. (dpa)

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