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Eine Jahrhundertgeschichte

Riesas größte und bekannteste Gartensparte wird 100. Eine Familie war von Anfang an im "Reiter" dabei.

Gunter Bräunig in seinem ganz privaten Gartenparadies.
Gunter Bräunig in seinem ganz privaten Gartenparadies. © Lutz Weidler

Riesa. Gunter Bräunig sitzt auf seinem kleinen Bänkchen mitten im Garten, neben sich die Metallgießkanne vom Großvater. Der 85-jährige Riesaer schaut versonnen über seine Beete, die teilweise mit grünen Planen abgedeckt sind.

Seit 1920, als der Kleingartenverein Reiter gegründet wurde, haben die Bräunigs hier ihren Garten. „Mein Großvater hatte drei Gärten nebeneinander“, erinnert sich der Senior. „Als mein Vater 1945 alles übernommen hat, da hat er einen davon abgegeben. 1979 bin ich dann eingestiegen, habe aber nur noch einen Garten behalten.“ - Zur Freude derer, die damals auf der Warteliste des Kleingartenvereins standen.

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Denn die Nachfrage nach Parzellen war früher viel größer als heute, wo im Reiter etliche Gärten leer stehen und in Elbnähe sogar ein Rückbau begonnen hat. „Wir haben jetzt auch unsere Kündigung abgegeben“, sagt Gunter Bräunig bedauernd. Zusammen mit seiner gleichaltrigen Ehefrau Thea ist die ordentliche Bewirtschaftung der 390 Quadratmeter großen Parzelle mit der Nummer 3 auf Weg 15 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. „Deswegen auch die Planen auf den Beeten. Da soll schließlich kein Unkraut wachsen.“

Gärtnern im Reiter - eine Aufnahme etwa von 1980 aus dem Bestand des Stadtmuseums Riesa.
Gärtnern im Reiter - eine Aufnahme etwa von 1980 aus dem Bestand des Stadtmuseums Riesa. © Stadtmuseum Riesa

Schon als Kind war Bräunig, der seit 60 Jahren in einer Mietwohnung in Merzdorf wohnt, oft in den Kleingärten zu finden. „Nach dem Weltkrieg mussten wir erstmal die ganzen Granaten wegschaffen, die in unseren Gärten herumlagen. Zum Glück kannte sich mein Vater damit aus.“ Denn die Wehrmacht hatte genau an der Ecke von Weg 15 ein Geschütz aufgebaut und für eine freie Sicht auch gleich alles umgesägt, was im Weg stand.

Nach der Beräumung konnte endlich wieder angebaut werden. „Damals wurde alles vollgepflanzt mit Kartoffeln, Gemüse und Obst.“ Denn nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem Nahrung gefragt. Und auch später waren die Bräunigs Selbstversorger. „Wir haben ja noch drei Kinder und waren somit schon fünf Personen. Dazu kam die vierköpfige Familie meiner Schwester und meine beiden Eltern.“ Wenn doch mal was übrig blieb vom Grünzeug, wurde das in die Kaufhalle geschafft und verkauft.

1920: Am 14. Juni Vereinsgründung auf dem ehemaligen Gelände des Exerzierplatzes der Reitergarde. Erster Vorsitzender war Woldemar Schroth.

1926: 321 der mehr als 800 Gärten sind vom Elbehochwasser betroffen.

1930: Tonscherben-Funde am Weg 13 lassen vermuten, dass sich das frühere slawische Dorf Riezowe auf dem höchsten Punkt der jetzigen Kleingartenanlage befunden hat.

1931: Innerhalb von nur zwei Monaten wird das Vereinsheim errichtet.

1945: Nach zahlreichen Diebstählen wird ein Wachdienst organisiert. Dabei wird nachts ein Kleingärtner erschossen und ein Weiterer schwer verletzt.

1949: Nach einer Zählung gibt es im Reiter 8.222 Obstbäume und 12.579 Obststräucher.

1956: 2.000 Obstbäume sind nach einem strengen Winter eingegangen.

1976: Alfred Hübel wird nach 23 Jahren als Vereinsvorsitzender von Helmut Hundertmark abgelöst.

1995: Zur 75-Jahr-Feier gibt es eine 24-seitige Festschrift, die Siegfried Thieme verfasst hat.

2002: Beim Jahrhundert-Hochwasser wird der "Reiter" vollständig überflutet. Viele Gartenbesitzer geben auf. 142 Pächter verlassen den Verein.

2020: Wegen der Corona-Pandemie muss die 100-Jahr-Feier auf 2021 verschoben werden.

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Auch an die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Reiter-Jubiläum kann sich Kleingärtner Gunter Bräunig noch gut erinnern. „Damals sind Gespanne mit Pferden durch Riesa gezogen, und am Abend gab es für die Kinder einen Lampionumzug.“ 

Eigentlich sollte auch jetzt eine große Feier zur 100-jährigen Gründung steigen. Bis Corona kam und alles auf 2021 verschoben werden musste. Dennoch sind nun viele Zäune mit Fähnchen und Plakaten geschmückt, um auf das Jubiläum eines der größten Kleingartenvereine in der Ex-DDR und in Deutschland hinzuweisen, der exakt am 14. Juni 1920 gegründet wurde.

In jüngeren Jahren engagierte sich auch Bräunig in der Vereinsführung. „Ich war mal zehn Jahre lang Schatzmeister und habe erstmal eine Kassenordnung erstellt“, erinnert sich der Riesaer. „Die Decke sowie der Fußboden in unserem Vereinsheim sind auch zu meiner Zeit im Vorstand entstanden.“ 

An das große Elbehochwasser 2002 kann sich der 85-Jährige auch noch bestens erinnern. „Unser Garten stand 70 Zentimeter unter Wasser, und die Einrichtung der Laube war zerstört. Einige Kleingärtner waren ja versichert, aber die meisten nicht.“

Davon und von den beiden folgenden Hochwassern 2006 und 2013 ist im Garten Nummer drei auf Weg 15 nichts mehr zu sehen. Etliche Rosensträucher blühen in den verschiedensten Farben, und Wein rankt an einem Holzgitter der Laube empor.  „Wir sind schon noch zwei bis dreimal die Woche hier im Garten“, sagt Bräunig, der sich im Herbst von dem trennen muss, was sein Großvater vor 100 Jahren begonnen hat.

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