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Gekommen, um zu bleiben

Familie Shahood fühlt sich in Mittelsachsen wohl. Eine Rückkehr nach Syrien hält sie für ausgeschlossen – im Moment.

Hisham Shahood ist vor fünf Jahren aus Syrien geflüchtet. Seine Frau Najwa ist mit den beiden Jungs Anas und Wassim später nachgekommen.
Hisham Shahood ist vor fünf Jahren aus Syrien geflüchtet. Seine Frau Najwa ist mit den beiden Jungs Anas und Wassim später nachgekommen. © Dietmar Thomas

Döbeln/Roßwein. Wer die Shahoods kennenlernt, der schließt die beiden zwölf und 14 Jahre alten Jungs und deren Eltern häufig sofort in sein Herz. Die Familie ist aufgeschlossen, erzählt gern, ist gastfreundlich.

 Najwa Al Hawat hat zum Beispiel vor Kurzem für mehr als 20 Leute ein warmes Gericht aus ihrer Heimat gekocht. Zum Nachtisch gab es Kuchen. Beim Backen haben alle mitgeholfen. 

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Wie war die Situation in Syrien, als sich zunächst Vater Hisham Shahood zur Flucht entschlossen hat? Wie sehr hat der Krieg den Alltag beeinflusst? Wie lebt die Familie heute? 

Kindheitstraum ist in Deutschland zerplatzt

Alle diese Fragen und noch einige mehr beantworteten die Shahoods jetzt im Jugendhaus in Roßwein. Dort gehörten internationale Ferientage zum Angebot in den unterrichtsfreien Wochen.

Vater Hisham (47) stößt etwas später zu dieser Runde. Er lässt sich gerade in Chemnitz zum Busfahrer ausbilden. Eigentlich wollte er sich in Deutschland einen Kindheitstraum erfüllen – und Physiotherapeut werden. Doch die Ausbildung abzuschließen, das ist ihm nicht gelungen. Künftig wird er seine Hände also nicht auf schmerzende Körper, sondern auf ein großes Lenkrad legen.

Dabei würde Hisham Shahood gern wieder in seinem Metier arbeiten: der Landwirtschaft. In seinem Heimatland hat der Agraringenieur seine Erfahrung im Umweltministerium eingebracht, unter anderem an Bewässerungsprojekten mitgearbeitet. Hier haben ihm die Behörden keine Hoffnung gemacht, in seinem Beruf einen Job zu finden. Da müsste er schon in ein anderes Bundesland umsiedeln.

"Zuhause ist dort, wo unsere Kinder sind"

Das macht Familie Shahood vielleicht – irgendwann. Auf die Frage, wo er künftige seinen Lebensmittelpunkt haben möchte, antwortet der 47-Jährige ohne groß darüber nachzudenken: „Wir gehen dorthin, wo es unsere Jungs hinzieht.“ 

Anas Shahood (14) sieht seine Zukunft in Deutschland. „Außer, ich bekomme ein fantastisches Angebot aus dem Ausland“, meint er lächelnd. Im Moment ist eine Karriere als Schachspieler gar nicht so abwegig.

Bis es in seiner alten Heimat wegen des Kriegsgeschehens zu gefährlich geworden ist, hat er bei einem Privatlehrer Schachunterricht genommen. Seit er in Deutschland ist, misst er sich bei verschiedenen Turnieren mit regionalen Schachgrößen – sogar in der Bezirksliga der Männer schon sehr erfolgreich.

Anas (14) ist ein guter Schachspieler. Sogar gegen viel ältere Konkurrenten setzt er sich mittlerweile erfolgreich durch..
Anas (14) ist ein guter Schachspieler. Sogar gegen viel ältere Konkurrenten setzt er sich mittlerweile erfolgreich durch.. © André Braun/Archiv

Beruflich hat Anas klare Vorstellungen. Er will Arzt werden, genau Neurochirurg. „Schon immer“, sagt er. Sein jüngerer Bruder Wassim ist sich da noch unsicher. Wegen seines Faibles für Physik hat er auf die Frage, was er werden will, gern geantwortet: Einstein. Mittlerweile tendiere er aber eher zu Zahnarzt. 

Der Zwölfjährige ist der Musische in der Familie, spielt Gitarre, Klavier und Flöte. Sein älterer Bruder verbringt die freien Stunden nicht nur mit Schachspiel, sondern auch dem Test von Computerprogrammen. Vom Spielen am Computer dagegen hält er nichts. Beide Jungs lernen in Döbeln am Gymnasium.

Gut angenommen im fremden Land

Wie Hisham Shahood sagt, fühlt sich die Familie in Deutschland gut aufgenommen. Wie es zuhause in Syrien war, daran können und wollen sich zumindest die Kinder nicht mehr erinnern.

Die letzten Bilder im Kopf sind die von zerstörten Häusern. Wenn sie an ihre Flucht denken, dann fällt Mutter Najwa Al Hawat sowie Anas und Wassim vor allem eines ein: „Wir mussten einen Monat lang in Jordanien ausharren und auf unser Visum warten“, erzählt der 14-Jährige. Ansonsten sei ihre Flucht eher unspektakulär gewesen.

Aufgrund der Regelungen ist die Familie vor drei Jahren Hisham Shahood nach Deutschland gefolgt. Er war zehn Tage lang unterwegs: mit Bus, Flugzeug, Gummiboot und Schiff, über die Türkei, Serbien, Griechenland, Litauen. Seine ersten Stationen in Deutschland waren Passau, Dresden und Roßwein. Nun lebt die Familie in Döbeln.

Englisch-Studium allein genügt nicht

Gern würde auch Najwa Geld verdienen. Die 46-Jährige hat Englisch studiert und sich als Lehrerin an einer Privatschule beworben. Für eine Stelle im öffentlichen Dienst genügt ihr Studium nicht, dafür müsste sie sich noch qualifizieren.

Was die Familie vermisst? Verwandte und Freunde, mit denen sie unter anderem telefonisch in Kontakt steht. Eine Rückkehr nach Syrien schließt sie im Moment aus. „Außer, wir werden nach Kriegsende in unserer Heimat gebraucht“, sagt der Vater. 

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Die Jungs würden nicht zurückwollen, weil sie in absehbarer Zeit zum Militär verpflichtet würden. Außerdem ist unsicher, ob Geflüchtete als Rückkehrer verfolgt werden oder Repressalien ausgesetzt sind.

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