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Gesundheit ist nicht selbstverständlich

Die Corona-Pandemie zeigt uns: Gesundheit ist kein Lifestyle-Trend, sondern das wertvollste Gut, das es zu schützen gilt. Ein Leitartikel.

Bayern, München: Eine Frau mit Mundschutz verfolgt einen Gottesdienst in der ansonsten fast menschenleeren St. Matthäuskirche. Aufgrund der Corona-Krise wurde der evangelische Gottesdienst ausschließlich im Radio und Internet übertragen.
Bayern, München: Eine Frau mit Mundschutz verfolgt einen Gottesdienst in der ansonsten fast menschenleeren St. Matthäuskirche. Aufgrund der Corona-Krise wurde der evangelische Gottesdienst ausschließlich im Radio und Internet übertragen. © Sven Hoppe/dpa

Bleib gesund! Wie oft haben Sie diesen Satz in den vergangenen Wochen gehört? Früher war die Formulierung eher kein Bestandteil des alltäglichen Sprachgebrauchs. Man wünschte sich „Mach’s gut“, vielleicht noch „Pass auf dich auf“. Und es ist ja auch ein etwas widersinniger Appell, dieses „Bleib gesund“, als könne man irgendetwas dagegen tun, dass einen dieses oder jenes Virus erwischt. Dennoch hören und sagen wir diesen Satz derzeit ständig. Am Gartenzaun, durchs Telefon, in E-Mail-Verabschiedungen.

Corona ändert eben alles. Es verrückt den Blickwinkel. Weil das Virus radikal gleichmacht: Niemand ist faktisch davor geschützt, zu erkranken. Auch die anfangs vielbeschworenen Aussagen darüber, dass die Krankheit nur bei Älteren oder Immunschwachen heftig verläuft, sind nicht mehr haltbar, seitdem Kinder oder Leistungssportler schwere Verläufe hatten. Solange es keinen Impfstoff gibt, solange wir so wenig über die Verbreitung der Krankheit wissen, liegt es nicht in unserer Hand, ob wir uns anstecken oder nicht. Und nichts davon, worauf wir uns in den vergangenen Jahren gestützt haben, kann uns schützen.

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Corona bringt vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. Angesichts einer weltweiten Pandemie scheint es geradezu lapidar, in welche Dinge wir so viel Energie gesteckt haben: Karriere, Geld, Eigentum – all das hilft jetzt auch nicht weiter. Stattdessen geht es um das, was alle eint: Jedes Lebewesen will so schmerzfrei wie möglich so lang wie möglich leben und seine Lieben um sich herum gesund wissen. Viel mehr braucht es nicht.

Menschen schützen sich und andere mit einer Maske. Bis vor Kurzem wurde man dafür belächelt, jetzt gehört es zum Alltag.
Menschen schützen sich und andere mit einer Maske. Bis vor Kurzem wurde man dafür belächelt, jetzt gehört es zum Alltag. © (c) Christian Juppe

Immer wieder war in den vergangenen Jahren von einem „Gesundheitswahn“ die Rede. In Wahrheit machten sich vor allem findige Firmen den Trend zunutze, dass als cool galt, wo „Gesundheit“ draufstand. Im Lebenswandel der westlichen Welt spiegelt sich das noch nicht entsprechend wider: Der moderne Mensch ist weiterhin hervorragend darin, Pillen gegen Symptome zu schlucken, Gelenke auszutauschen oder Probleme wegzutherapieren – und gleichzeitig die Ursachen zu verdrängen. Sport wird getrieben für die gute Figur, gesund gegessen nur dann, wenn es nicht zu teuer ist. Fürsorge für die Seele verkommt unter dem Label „Achtsamkeit“ zum Instagram-Schlagwort mit hübschen Bildchen. Man wünscht einander „Bleib gesund“, aber wer macht sich wirklich klar, was Gesundheit bedeutet?

Man hat manchmal den Eindruck, dass sich die Menschen der Verletzbarkeit des Lebens nicht mehr bewusst sind. Man sieht das etwa an der wachsenden Zahl der Impfgegner: Weil in den Industrienationen viele der tödlichen Infektionskrankheiten verschwunden scheinen, denken einige, es könne ihnen nichts mehr etwas anhaben. Wenn es keine schlimmen Krankheiten mehr gibt, muss ich mein Kind nicht impfen, und Windpocken steht man irgendwie durch – das klingt im ersten Moment logisch. 

Doch dann kamen die eigentlich ausgerottet geglaubten Pocken zurück, stiegen die Masernfälle. Und nun zeigt uns Corona gnadenlos: Viren können mutieren. Neue Krankheiten entstehen. Alte brechen wieder aus. Eine Welt ohne Impfstoffe, das dürfen ihre Gegner jetzt am eigenen Leib erfahren, ist keine, die man sich wünscht.

Die Covid-19-Notaufnahme im Krankenhaus Friedrichstadt. Jemand hat sich mit Blumen bei den Krankenhausmitarbeitern bedankt.
Die Covid-19-Notaufnahme im Krankenhaus Friedrichstadt. Jemand hat sich mit Blumen bei den Krankenhausmitarbeitern bedankt. © Sven Ellger

Immerhin: Auch sie können sich verlassen auf eins der besten Gesundheitssysteme der Welt. Innerhalb weniger Wochen konnte die Anzahl der Intensivbetten in Kliniken massiv hochgefahren werden. Doch tatsächlich spüren Ärzte und Pfleger nun täglich, dass vielerorts zu lange am Personal gespart wurde. Darum geht der Appell auch an die Politik: Sie sollte die jetzige Situation dafür nutzen, den medizinischen Betrieb technisch und personell aufzustocken. Langfristig.

Nein, es gibt keinen Anlass, jetzt wirklich den Gesundheitswahn auszurufen, in Panik zu verfallen und das ganze Leben den Vitaminen, Fitnessprogrammen und Vorsorgeuntersuchungen zu widmen. Wahrscheinlich dringender als je zuvor sollten alle dieses Osterfest dafür nutzen, es sich wirklich schmecken zu lassen und so viele Schokoeier zu essen wie möglich. Gesund ist sicher nicht, wer sich alles verbietet.

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Doch wir alle bekommen in der Corona-Krise gezeigt, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist. Dass wir uns nicht verlassen können auf eine Medizin, die uns in jedem Fall retten wird, nicht auf einen Körper, der alles mitmacht, nicht auf eine vermeintliche Herdenimmunität. Eine Krankheit zeigt uns, was Gesundheit bedeutet.

Darum: Bleiben Sie gesund!

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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