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Glücksbringer im Doppelpack

Jörg Rother aus Krauschwitz ist Bezirksschornsteinfeger. Nun tritt Sohn Heiner in seine Fußstapfen, lernt sogar bei ihm.

Jörg Rother aus Krauschwitz (li.) ist seit 30 Jahren Schornsteinfeger, hat mittlerweile einen Meistertitel und einen eigenen Kehrbezirk. Er bildet seit vielen Jahren in Theorie und Praxis Lehrlinge aus. Aktuell lernt sein Sohn Heiner bei ihm das Einmalei
Jörg Rother aus Krauschwitz (li.) ist seit 30 Jahren Schornsteinfeger, hat mittlerweile einen Meistertitel und einen eigenen Kehrbezirk. Er bildet seit vielen Jahren in Theorie und Praxis Lehrlinge aus. Aktuell lernt sein Sohn Heiner bei ihm das Einmalei © Sabine Larbig

An seinen ersten Arbeitstag als Lehrling erinnert sich Jörg Rother noch genau. „Ich fuhr mit dem Moped in voller Montur, mit Stoß- und Kehrbesen, nach Köbeln, wo ich mit meinem Meister gleich bei einem Mehrfamilienhaus aufs Dach musste. Glücklicherweise war es ein Flachdach.“ Das war am 3. September 1990, also vor 30 Jahren. Inzwischen ist der Krauschwitzer selbst Meister seines Fachs, Bezirksschornsteinfeger, Inhaber eines Schornsteinfegerbetriebs im Nebenerwerb und Ausbilder. Sogar an der Berufsschule Eilenburg, wo künftige Schornsteinfeger ihr theoretisches Wissen erhalten.Seine Berufswahl hat Jörg Rother nie bereut.

„Es war und ist mein Traumberuf. Obgleich sich vieles verändert hat.“ Die Arbeit sei leichter geworden. Während er früher in Neubaugebieten samt Ausrüstung, die fünf Kilo und mehr wiegt, treppauf und ab laufen musste, um Schornsteine in 11-Geschossern zu reinigen, werde heute meist Fahrstuhl gefahren, zudem vorrangig gemessen und nur einmal im Jahr in Luftschächten von Bädern und Küchen gefegt. „Zu DDR-Zeiten waren 50 Kehrungen pro Tag die Norm. Und weil selbst Neubaublöcke zum Großteil mit Kohle beheizt wurden, kam es durch uns Schornsteinfeger zu viel schwarzem Kohledreck in Wohnungen und an Gardinen, was heute auch nicht mehr der Fall ist. Rückblickend kann ich sagen, dass in 30 Schornsteinfeger-Jahren schon viele Frauen wegen mir geweint haben“, verrät Jörg Rother lachend.

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16 Jahre Bewerbungszeit

Überhaupt habe er im Job so manch Lustiges und Kurioses erlebt. Unbekleidete Hausbewohner, die Türen öffnen, oder angriffslustige Gänse, die mit dem Stoßbesen verscheucht werden mussten, um aufs Dach zu gelangen. Aber auch Familiengeschichten und Schicksalsschläge habe er oft als Erster erfahren. Schließlich reicht sein Kehrbezirk von Stannewisch, Boxberg, Weißwasser, Rietschen bis Köbeln. Hier kennen die Leute seinen Sohn Heiner mittlerweile ebenfalls, weshalb er auch schon viel erlebte.„Neulich schnackte eine alte Dame mit mir vom Krieg und ihrer Vertreibung. Es von einem Zeitzeugen zu erfahren, war interessant. Wir Jungen kennen das ja nur aus Filmen oder Büchern“, erzählt der 18-Jährige, der seit zwei Jahren in die Schornsteinfeger-Lehre geht. Bei seinem Vater Jörg. „Ich hatte nach 16 Jahren Bewerbungszeit Glück und wurde genommen“, feixt der Filius in Richtung Vater und Ausbilder. 

Der bestätigt, dass Heiner schon immer Interesse am Beruf gehabt und als Kind oft gebettelt habe, er solle was über seinen Beruf und Alltag erzählen. „Das hat er auch. Aber was mich wirklich erwartet und was alles dran hängt, wusste ich trotzdem nicht“, gibt Heiner zu. Sicher sei ihm klar gewesen, dass es bei Wind und Wetter raus auf Dächer geht, man im Sommer schwitzt und Fußabdrücke auf Pappdächern hinterlässt, man im Winter friert und auf rutschigem Untergrund balanciert, man schwindelfrei sein und Kraft für den Stoßbesen haben muss und jeden Tag am ganzen Körper dreckig wird.„Doch der Beruf ist so komplex, dass man ihn nicht knapp umschreiben kann. Das und die viele Büroarbeit hatte ich nicht erwartet.“

Anspruchsvolle Ausbildung

Ja, es gäbe viele Unterschiede zwischen einst und heute. „Früher kehrten wir vorrangig Kohlendreck aus Schornsteinen und Schächten. Heute wird durch neue Technik bei Öfen und Kesseln und unterschiedliches Brennmaterial vor allem gemessen, gereinigt, dokumentiert. Schließlich gelten gesetzliche Grenzwerte und Herstellervorgaben, die einzuhalten sind“, verdeutlicht Jörg Rother, Auch die Beratung der Bürger nehme stetig zu, da Schornsteinfeger inzwischen Sicherheits-, Umwelt- und Energieexperten seien. Bei bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegern, die im Auftrag der Landkreise unterwegs sind, kommen Bauabnahmen und Feuerstättenschauen hinzu. 

„Als Bezirksschornsteinfeger hafte ich sogar ein Leben lang für mögliche übersehene Mängel“, bekennt der 47-jährige Bezirksschornsteinfeger aus Krauschwitz.Derart viel „Verantwortung, Bürokram, Fortbildungen und Schulungen“ halten Heiner noch vom Wunsch ab, selbst einmal einen Kehrbezirk haben zu wollen. „Büro und Schule sind nicht so mein Ding. Da bleibe ich lieber angestellter Geselle“. Vater Jörg weiß sehr gut, was er meint. Immerhin bildet er Heiner praktisch und, als Dozent in Eilenburg, theoretisch aus.

Vom Mythos Glücksbringer

Kommt es bei so viel gemeinsamer Zeit, zumal Heiner noch mit Eltern und Geschwistern zusammenlebt, nicht zu Reibereien? „Nein“, sagen Vater und Sohn. Zu Hause werde nicht vom Job gesprochen. Schule sei durch Blockunterricht nur alle paar Wochen und bei der täglichen Arbeit begleitet Heiner meist die Gesellen. Man habe zudem eigene Hobbys und Freunde. Eine Sache aber erleben beide gleich: den Mythos vom Glücksbringer Schornsteinfeger. 

„Ja, wir Schornsteinfeger sorgen noch immer für Aufregung“, weiß Heiner. Und so mehr genießen es die Glücksbringer im Doppelpack, wenn man sie anfasst, um „Glücksschmutz“ abzubekommen, wenn man an ihren Knöpfen dreht, ihnen über die Schulter spuckt oder Kindergruppen ihnen das Schornsteinfegerlied singen. Vielleicht ist der Mythos sogar der Grund, warum nur Ehefrau und Mutter Claudia die Schmutzwäsche ihrer „schwarzen“ Männer wäscht – obwohl sie sagt, dass man die ja „keinem anderen antun“ könne.

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