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Wie Görlitz die Nachricht von der Oscar-Pleite erlebt

Der teils an der Neiße gedrehte Film „Werk ohne Autor“ ging beim Oscar leer aus. Die Traurigkeit hält sich in Grenzen.

Auf dem roten Teppich noch in Begleitung der Oscar-Hoffnung: In der Mitte mit Locken Regisseur Florian von Donnersmarck, im weißen Kleid Saskia Rosendahl, im Film ermordet von Bösewicht Sebastian Koch (links außen) und bewundert von Neffe Tom Schilling (z
Auf dem roten Teppich noch in Begleitung der Oscar-Hoffnung: In der Mitte mit Locken Regisseur Florian von Donnersmarck, im weißen Kleid Saskia Rosendahl, im Film ermordet von Bösewicht Sebastian Koch (links außen) und bewundert von Neffe Tom Schilling (z © Frazer Harrison/Getty Images

Drei Jahre für einen roten Umschlag. Für nicht mal drei Minuten, die es dauert. Zwischen dem Moment, da eine Stimme die Kategorie ankündigt und dem, wenn sich der rote Umschlag öffnet. Und der Oscar geht an? „Roma“, schallt es durch den Saal in Hollywood. Der Schwarz-Weiß-Film aus Mexiko gewinnt in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“.

Unter anderem. Er siegt gegen den deutschen Konkurrenten „Werk ohne Autor“ von Regisseur Florian von Donnersmarck, gedreht vor drei Jahren zu großen Teilen in Görlitz, Zittau, Oderwitz und Dresden. Auch den Preis für die „Beste Kamera“ hat er an Mexiko verloren.

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Während Görlitzer Unterstützerinnen der Produktion in der Nacht zu Montag längst schliefen, zerschlugen sich auf der Verleihung des amerikanischen Filmpreises ihre Hoffnungen. Kerstin Gosewisch vom Kulturhistorischen Museum hat Drehorte, Ansprechpartner und Genehmigungen organisiert. „In ganz Sachsen haben viele die Daumen gedrückt. Ein bisschen traurig ist man schon, für Görlitz wäre es ein großes Achtungszeichen gewesen“, sagt sie. Gleichwohl komme ja schon die Nominierung „nicht von ungefähr“.

Eva Wittig von der Europastadt Görlitz Zgorzelec (EZG) ist mitverantwortlich für die touristische Vermarktung der Stadt, bei der Görliwood eine große Rolle spielt. „Es ist toll, dass der Film überhaupt nominiert worden ist“, sagt sie. „Der Preis wäre noch das Krönchen gewesen. Aber natürlich sind wir auch ohne Oscar stolz darauf, dass er in Teilen hier gedreht wurde.“ Man freue sich sehr, „wenn Filmemacher, Regisseure, Schauspielerinnen in Görliwood eine Kulisse finden, um ihre filmischen Ideen bestmöglich umzusetzen.“ Würde es ihnen dann noch gelingen, Publikum und Fachjurys zu begeistern, freue das besonders.

In Deutschland konnte sich keine Begeisterungs-Welle für die abgewandelte Künstler-Biografie entfachen. Die Reise durch Nazi-Deutschland und DDR sei berechnend, die Bilder zu gelb, die Botschaften zu kitschig, das Kunstverständnis zu plump und die nackten Brüste von Paula Beer zu präsent, meckerten Kritiker. Über einen Zusammenschnitt erbosten sie sich besonders: Zwischen weißen Fliesen vergasen Nazi-Verbrecherinnen Frauen mit Behinderungen, über den Dächern von Dresden baut sich eine Armada aus Bombenfliegern auf, an der Front fallen deutsche Soldaten. „Geschmacklos“ sei die Vermengung laut einhelliger Meinung. Und dann noch die Kritik von Künstler Gerhard Richter, der seine Biografie „missbraucht“ sieht.

Elemente wie die schauspielerische Leistung von Saskia Rosendahl, im Film durch Euthanasie ermordet, fanden in deutschen Rezensionen selten Erwähnung. Warum der Film in Amerika gut genug ankam, um nominiert zu werden? Auch das glauben Deutsche zu wissen: Amerikaner seien geschichtsversessen, stünden auf Erzählungen mit Helden, Diktaturen, Unterdrückung, feierten einfache Botschaften.

Für von Donnersmarck und Schauspieler Sebastian Koch wäre es nach „Das Leben der anderen“ (2006) der zweite Oscar gewesen. Görliwood feierte erst vor vier Jahren, für „Grand Budapest Hotel“ gab es vier Goldjungen. Einen davon für das beste Szenenbild – eine Auszeichnung auch für die Stadt. Derartige Wiedererkennungs-Effekte lieferte „Werk ohne Autor“ nicht. Viele Görlitzer Szenen spielen in Innenräumen, etwa in einer russischen Kommandantenvilla in der Südstadt. Gedreht wurde in der Emmerich-, der Heinzel-, der Augusta-, der Konsul- und der Holsteinstraße.

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Während seiner Zeit in Görlitz besuchte der von schlesischen Herrschern abstammende Regisseur unter anderem das Schlesische Museum, „einen Teil meiner Familiengeschichte“. Museumsdirektor Markus Bauer hätte sich den Film „etwas stiller vorgestellt“, sagt er am Tag nach der Verleihung. „Was mich natürlich freut, ist, dass der Name der berühmten Familie von Donnersmarck mal wieder in der Öffentlichkeit vorkam und Menschen für die schlesische Geschichte interessieren könnte.“ Schauspieler Sebastian Koch soll sich auf der Oscar-Party dem Vernehmen nach nur noch für eins interessiert haben: „Erst mal was trinken.“ Bericht q Feuilleton

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