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Hier spielen die angesagtesten Bands der Region

Die vielversprechendsten Musikbands der Region treffen sich im Festspielhaus Hellerau. Ein Song läuft dabei rund um die Uhr.

Fürs „Popisterror“-Video wurde spontan auf dem Rummel gedreht.
Fürs „Popisterror“-Video wurde spontan auf dem Rummel gedreht. © Philipp Bellmann

Einfach nur ein Konzert war gestern. Beim Dresdner Bandstand, dem Festival, das die gebündelte Kreativmacht der hiesigen Szene am 14. und 15. Februar ins Festspielhaus Hellerau holt, wird der multimediale Rahmen immer üppig und diesmal sogar ganz neue Musik geschaffen. Genauer: Zum Bandstand hat sie ihre Uraufführung, komponiert wurde sie bereits vor einem Monat.

Erstmals luden die Veranstalter Mitte Januar neun Musikerinnen und Musiker aus der Region in ein spezielles Liederschmiede-Camp ein, das in den Castle Studios des ehemaligen Rittergutes Röhrsdorf stattfand. Immerhin sechs ziemlich unterschiedliche Songs entstanden dabei, die jetzt von Oree, Annemaríe Reynis, Johnethen Fuchs, Jaguwar und Zebra Zentauri live präsentiert werden. Zudem spielen sich an den zwei Festivalabenden insgesamt 20 Bands in vier Sälen nahezu durch alle denkbaren Pop-Sparten.

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Das Gegenteil von Pop

Doch auch abseits der Bühnen können die Besucher Spektakuläres erleben. Es gibt kinetische Objekte, Musik zum Anfassen, Tanz- und Trommel-Performances. Und es gibt eine Video-Box, die eigentlich das Gegenteil von Pop sein soll.

Nachdem das von Thomas Natzschka vor vier Jahren initiierte Unternehmen „Popisterror“ im vergangenen Jahr beim Dave-Festival seine erfolgreiche Premiere hatte, erlebt es nun mit anderen Mitteln eine Neuauflage. Die einst nur geliehene Foto-Kiste wird dafür ersetzt durch einen 150-Kilo-Holzkasten, den Natzschka mithilfe eines handwerklich versierten Freundes selbst zurechtgezimmert hat.

Der äußerlich schlichte Zweimal-zwei-Meter-Würfel hat es in sich: Vollständig ausgekleidet mit dicker, rosaroter Luftpolsterfolie soll er entfernt an eine Gebärmutter erinnern, einen Ort, an dem man sich nahezu vollkommen sicher und geborgen fühlt. Das Kontrasprogramm dazu flimmert über den Bildschirm gegenüber der plüschigen Zweiersitzbank, mittels zweier Kopfhörer gibt es außerdem den ergänzenden Soundtrack dazu. Getreu dem Motto „Popisterror“, laut Natzschka wahlweise englisch als „Pop is terror“ oder deutsch als „Pop ist Error“ zu lesen, will diese Installation Genre-Klischees mindestens auf die Schippe nehmen. 

Die Basis dafür ist zunächst allerdings – ein Pop-Song. „Flashback Forward“ verbindet Sprechgesang mit einem Sound-Mix aus Hip-Hop und Elektro. Natzschka schrieb den ironischen Text und trägt ihn auch vor, die zackige Musik steuerte der Dresdner Klangbastler Alec Troniq bei. „Auch wenn es mittlerweile ein ganzes Download-Album gibt, werden wir definitiv keine Konzerte geben“, erklärt Natzschka. „Dem üblichen Ständigpräsentsein des Pop stellen wir weitgehende Anonymität gegenüber.“

Ein weiterer inhaltlicher Kern: „Fast jeder redet ständig von Achtsamkeit und Entschleunigen, dennoch wird alles immer nur noch schneller“, sagt Natzschka, der vor 36 Jahren in Dresden geboren wurde, an der TU Philosophie und Alte Geschichte studiert hat. „Über diesen bizarren Gegensatz machen wir uns lustig.“ Und während im Musikgeschäft die Künstler meist verkaufsfördernd inszeniert würden, vieles über möglichst hübsche Gesichter funktioniere, spare sich „Popisterror“ das komplett. Natzschka: „Grundsätzlich soll jedoch das, was wir machen, immer noch sehr unterhaltsam sein.“ Das ist das Video, das beim Hellerauer Bandstand in Endlosschleife zum Song „Flashback Forward“ in der Tempel genannten Box läuft, tatsächlich. Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer, alle drei stecken in sogenannten Morphsuits, also eng anliegenden Ganzkörperanzügen, übersetzen die Musik an verschiedenen Orten Dresdens in Bewegungen. Nachts irgendwo in der Heide, unter einer Elbbrücke und – eine besonders coole Sequenz – direkt vorm „Breakdancer“.

Spontandreh auf dem Rummel

„Wir hatten bereits einige Szenen im Kasten und waren an der Elbe unterwegs, als wir zufällig mitbekamen, dass Rummel ist“, erzählt Natzschka. „Nachdem wir zig Leute auf dem Platz um Erlaubnis gefragt hatten und von jedem weitergeschickt worden waren, fingen wir einfach an.“ Ruckzuck steckten die Tänzer in ihren Morphsuits, die Musik hämmerte aus der mitgebrachten Box, das Drehteam drehte. „Und die Rummelbesucher bestaunten das Treiben mit gehörigem Abstand. Denen war das wohl irgendwie unheimlich.“

Natzschka sagt, das Video halte die Balance zwischen Leni-Riefenstahl-Ästhetik und dem typischen Hip-Hop-Blingbling. In ähnlicher Optik will die Truppe aus Videoexperten, Tänzern, Musikern und Technikern, die der hauptberufliche Texter hinter sich vereint hat, weitere Clips produzieren. „Wir sind jedoch offen für künstlerische Ideen und Mitstreiter“, so Natzschka. „Es darf halt nur niemand das große Geld erwarten, für uns alle ist es ein reines Hobby-Projekt.“ Das aber wachsen soll. Angedacht seien Festivalauftritte im kommenden Sommer, selbst eine Tour mit dem „Popisterror“-Tempel durch Einkaufszentren kann sich Natzschka gut vorstellen. „Unterhaltsame Konsumkritik in einem Konsumtempel – diese Konstellation ist doch mal was Besonderes.“

Das Bandstand-Dresden-Festival findet am 14. und 15. Februar im Festspielhaus Hellerau statt. Karten und weitere Informationen zu den beteiligten Musikern gibt es unter www.hellerau.org

popisterror.bandcamp.com

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