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Görlitz

Hochschulvilla hat ihr Türmchen wieder

Das halbe Dach der Goethestraße 5 in Görlitz ist inzwischen gedeckt. Am Donnerstag schwebte nun die Spezialanfertigung ein.

Am Donnerstag, gegen 12 Uhr, hängt das Türmchen der Villa Goethestraße 5 noch am Kranhaken
Am Donnerstag, gegen 12 Uhr, hängt das Türmchen der Villa Goethestraße 5 noch am Kranhaken © Nikolai Schmidt

Um halb zwölf am Donnerstagmittag schwebt Olaf Köhler selbst am Kranhaken. Dann hängt der Dachdecker und Alpintechniker von der Firma Bausanierung Kuschel aus Beiersdorf das kupferne Türmchen an einen anderen Haken, bevor er die Gurte löst, mit denen das Türmchen auf einem Fahrzeuganhänger befestigt war. Nun kehrt er auf den Boden zurück – und das Türmchen am Kranhaken schwebt hinauf auf das Dach der früheren Hochschulvilla Goethestraße 5, die derzeit von Rafal Kordeusz aus Polen saniert wird. Der ist 48 Jahre alt und lebt mit seiner kleinen Familie 60 Kilometer nordwestlich von Zgorzelec. Er ist ein erfolgreicher Bauunternehmer.

Als Kordeusz eine halbe Stunde später eintrifft, sitzt der neue Schmuck schon fest auf seiner Villa, Köhlers Kollegen haben zur Abdichtung ein umlaufendes Band angebracht und anschließend die Holzkonstruktion auf dem Villendach mit dem Holz im Inneren des Türmchens fest verschraubt und schließlich die Montageklappe im Türmchen verschlossen. Dann ist wieder Olaf Köhler dran, diesmal im Korb eines Hubsteigers: Er löst den Kranhaken von der Türmchenspitze und verschließt Letztere mit einem Kupferblech. „In der Höhe zu arbeiten, ist Routine“, sagt Köhler: „Wir klettern ja auch auf Kirchendächer.“ Aber ein Türmchen setzt er auch nicht alle Tage auf: „Das ergibt sich eher selten.“

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In diesem Falle hatte die Villa schon früher ein Türmchen. Es war seit vielen Jahrzehnten verschwunden – und wurde jetzt anhand alter Fotos der Villa nachgebaut und auf das Schieferdach aufgesetzt. Schieferdächer hat Köhler schon viele gedeckt. „Aber das hier ist definitiv ein besonderes Dach – kein normales Hausdach, auf dem alles gerade ist“, sagt Köhler. Der Görlitzer Architekt Christian Weise, der den Bau begleitet, ist auch zur Turmaufsetzung gekommen. „Ein solches Dach hatte ich noch nie“, sagt er. Es gibt nicht viele glatte Flächen, dafür viele Rundungen, überall sind Verblechungen nötig. Gleichzeitig haben in der Höhe auch die Arbeiten an den Schmuckgiebeln begonnen. Zimmermann, Spengler, Putzer, Stuckateur, Sandsteinmetz – alle sind gleichzeitig da. Zusammen mit dem Türmchen wurden am Donnerstag auch Zierelemente aus Sandstein per Kran aufgesetzt – vor allem Kugeln mit den dazugehörigen Sockeln. „Die Schmuckgiebel sollen bis Ende September geschafft sein, sodass wir straßenseitig bis zur Traufe abrüsten können“, sagt Weise. Das Schieferdach auf dieser Seite ist fast fertig.

Auf der Rückseite der Villa sieht es ganz anders aus. Dort wollen die Dachdecker nun aber auch loslegen. „Ziel ist es, das gesamte Dach bis Ende des Jahres gedeckt zu haben“, sagt Weise. Ob das gelingt, hängt vom Wetter ab. Ein zeitiger Wintereinbruch könnte die Pläne durchkreuzen. „Das Landesamt für Denkmalpflege hat den Wert des Daches erkannt“, sagt Weise: „Es beteiligt sich finanziell.“ Die genaue Höhe steht noch nicht fest. Helmut Bolzek, der Vertreter von Kordeusz, schätzt, dass der Zuschuss am Ende 40 Prozent der Kosten des Daches decken kann – vielleicht auch etwas mehr oder weniger. Inzwischen ist er an einem zweiten Antrag dran – für Fassade und Fenster. Er hofft, dass es auch dafür Geld gibt. „Wir würden Fassade und Fenster gern 2020 sanieren“, sagt Weise. Das Gerüst unterhalb der Traufe bleibt für diese Arbeiten gleich stehen. Wenn alles klappt, ist Ende 2020 außen alles schick, sodass das Gerüst abgebaut werden kann.

Wie lange die Innensanierung dauern wird, ist hingegen noch offen. „Ein paar Jahre“, sagt Weise. Aber eine Lebensaufgabe solle es für Kordeusz nicht werden. Parallel haben jetzt auch ganz andere Arbeiten begonnen. Das marode Dach des Anbaus ist komplett abgerissen worden. Hinter der Villa wächst eine Baugrube. „Die ist für die Tiefgarage“, sagt Weise. Bolzek hofft, dass das Tiefgaragendach dieses Jahr noch fertig wird. Es soll später vollständig unter dem Villengarten verschwinden. Derzeit sind die Arbeiter aber erst einmal am Untergeschoss des Anbaus damit beschäftigt, die Anschlüsse für die spätere Tiefgarage herzustellen. Im Anbau sollen später 14 Wohnungen entstehen – mit direkter Anbindung an die Tiefgarage.

Sie werden wahrscheinlich schneller fertig als die eigentliche Villa. Wie die genutzt werden soll, ist nach wie vor offen. Klar ist nur: Kordeusz will mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern einziehen – vom Erdgeschoss aufwärts. „Darunter vielleicht Gewerbe“, sagt Bolzek. Sicher sei das aber noch nicht. Weise lobt derweil die Firmen für ihre durchweg sehr professionelle Arbeit – aber auch den Bauherrn, der mehrfach pro Woche vor Ort ist und alles gut im Blick hat. Auch Zimmermann Olaf Köhler hat ein gutes Gefühl: „Es gibt immer günstiges und gutes Bauen“, sagt er: „Das hier ist sehr gutes Bauen, der Eigentümer will es vernünftig haben.“

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