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Hörst du des Hähers Liebeslocken?

Die Ruhe stiller Gartenlandschaften hat immer schon Dichterinnen und Poeten inspiriert. Auch im Kromlauer Park kämen sie voll auf ihre Kosten.

Romantischer und herzensglühender könnte diese allegorische Figur kaum heißen: „Liebe mit dem brennenden Herzen“.
Romantischer und herzensglühender könnte diese allegorische Figur kaum heißen: „Liebe mit dem brennenden Herzen“. © André Schulze

Es gehört zu den vergangenheitsverklärenden Mythen der Gegenwart, dass „damals“ alles viel ruhiger war und folglich nur wir Jetztlebenden triftige Gründe genug haben, uns angesichts von Lärm, Stress, Hektik sehnsuchtsvoll hinaus zu wünschen. Auf die Wiesen, in die Wälder, zu Hummelgebrumm und Blättergewisper. Doch auch das „Damals“ konnte für die Menschen ganz schön stressig und lärmig sein. Man denke nur an die seelenbebenden Naturschwelgereien der Romantiker. Oder an Poetinnen wie Hedwig Dransfeld. Um die Jahrhundertwende verfasste die Politikerin und Lehrerin im größten deutschen Ballungsgebiet, dem schwerindustriellen, lauten und verqualmten Ruhrpott, einige elegische Land-Hymnen wie diese:

Es ist so still, nur dann und wann im Hag, / Ein Wachtelruf, des Hähers Liebeslocken, /

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Ein schluchzend abgebrochner Amselschlag,/

Ein kurzes Brausen wie versunkne Glocken.

Zugegeben, das klingt heute, als habe sich die offenbar höchst emotionalisierte Hedwig Dransfeld ein wenig zu zügellos dem Schwelgerischen hingegeben. Aber immerhin erzählt es aufschlussreich intim davon, wie sehr sich die großstädtische Dichterin – und nicht nur sie – nach solchen Fluchten verzehrte. Ihre Inspirationen fand Hedwig Dransfeld auf ihren Fluchten ins Grüne, sehr gerne in Gartenlandschaften. Die gibt es noch heute, doch wahre Ruhe findet sich nur selten in überlaufenen, weil berühmten Parks. Da muss man sich schon ein wenig ins Abseits begeben. In Landschaften wie den Rhododendronpark von Kromlau nahe Weißwasser. In ihm kann man noch heute des Gleiche erleben, was Dransfeld vor über 100 Jahren andernorts suchte und fand:

Goldstaub die Luft! – Der stille Park verträumt,/ Die Rosen schwer, vom eignen Dufte trunken, / Und jeder Halm von weißem Licht umsäumt, / Und selbst das Erlenlaub in Schlaf versunken.

Der Rhododendronpark Kromlau gehört flächenmäßig zu den größten Parkanlagen in Sachsen.
Der Rhododendronpark Kromlau gehört flächenmäßig zu den größten Parkanlagen in Sachsen. © Wolfgang Wittchen

Von Basaltkunstgebilden und seltenen Baumsorten wie Goldrobinie oder Hängebuche umstellte Teichlandschaften öffnen sich hin zu weiten Wiesen, Pfade schlängeln sich durch Waldstücke, führen vorbei an Pflanzungen von Azaleen und, natürlich, an immergrünem Rhododendron. All das untermalt von, wir ahnen es: Hummelgebrumm und Blättergewisper.

Dass der Park so still und verträumt ist, hat auch mit der Nähe zu seinem berühmten Konkurrenten zu tun, dem Fürst Pückler Park, keine acht Autominuten entfernt. Die meisten Fans kunstvoll komponierter Natur zieht es dorthin, nach Bad Muskau. Für Kromlau Pech und Glück zugleich. Denn hier, im Schatten des Großen Bruders, findet sich das Gleiche in Kleiner, Bescheidener – und eben in Stiller.

„Der höchste Grad der landschaftlichen Gartenkunst ist nur da erreicht, wo sie wieder freie Natur, jedoch in ihrer edelsten Form, zu sein scheint“, schrieb der Fürst von Pückler-Muskau 1834 in seinen „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“. In seinem Park gilt das vor allem für den polnischen Teil. In Kromlau gilt es fast ohne Einschränkung und mit Unterbrechungen seit 150 Jahren: Die Bepflanzungen und Gartenkompositionen um Rittergut und Kavaliershaus sind dicht und intensiv, hin zu den Rändern des Anwesens werden sie zurückhaltender. Bis das Menschgestaltete sich allmählich zurücknimmt, der Park fließend in die unberührte Natur über- und schließlich scheinbar darin aufgeht. Hedwig Dransfeld würde das womöglich so erleben:

In meiner Seele wird es licht und weit, / Ein Schwanken ist’s, ein selig Untergehn./ Des Sommertags verlor’ne Einsamkeit/ Fühl ich wie gold’ne Nebel mich umwehn.

Immer schon gehörten zum Rittergut Kromlau Gärten, vielleicht sogar ein Lustgarten. Doch erst als der gründaumige Geschäftsmann Friedrich Hermann Rötschke den Besitz 1842 erwarb, begann die Geschichte des heutigen Gartenreiches, wohl unter Zuhilfenahme Muskauer Landschaftskünstler. „Teiche ließ er graben“, notierte ein Chronist, „und Hügel aufwerfen, die er mit Eichen krönte. Seltenes Gehölz aus aller Herren Länder wurde gepflanzt. Lauschige Plätze mußten mit Standbildern aus mythologischer und Rokoko-Zeit sich schmücken lassen.“

Im Jahr 1842 erwarb Friedrich Herrmann Rötschke das Rittergut Kromlau und begann 1844 mit ersten Arbeiten zur Anlage des Parks. Das bekanntesten Bauwerke ist die Rakotzbrücke.
Im Jahr 1842 erwarb Friedrich Herrmann Rötschke das Rittergut Kromlau und begann 1844 mit ersten Arbeiten zur Anlage des Parks. Das bekanntesten Bauwerke ist die Rakotzbrücke. © www.wolfgang-wittchen.de

Sie „mußten“? Mag sein, dass der heutige Park dem Chronisten noch besser gefallen würde, denn der Bestand an barocken Skulpturen wurde im vergangenen Jahrhundert durch Diebstähle und Zerstörungen spürbar gelichtet. Überhaupt verfiel das Gelände seit den Dreißigerjahren so sehr, dass die Forstverwaltung des damals grundbesitzenden Grafen Eglofstein 1941 offiziell erklärte, der Park habe zu bestehen aufgehört. Doch schon in den Sechzigern setzte der Wiederaufschwung ein, begannen die Sanierungsarbeiten. Auch die Rakotzbrücke, das vom Volksmund gerne „Teufelsbrücke“ genannte Wahrzeichen des Parks aus Basaltsäulen und Feldsteinen, konnte man retten. Was Fotofreunde zurzeit enttäuschen dürfte: Sie ist erneut eingerüstet, die nächste Sanierung in vollem Gange. Andererseits: Wann hat man schon einmal Gelegenheit, die Brücke im stählernen Korsett zu sehen?

Ich selbst verträumt, das Auge sonnenschwer, / Es flutet über mich mit schwüler Welle, / Ein blauer Falter taumelt um mich her, / Vom Schilfe tönt das Schwirren der Libelle.

Leider tönt hier auch das Sirren der Mücken, derer man sich gelegentlich erwehren muss. Nachgerade an den Teichen im Osten, wo Straußfelberich, Wasserfeder und Fieberklee wachsen. Wie sorgsam die Gemeinde und das Land mit den behütenden und pflegenden Sanierungen umgehen, erkennt man am besten daran, dass man sie nur mit aufmerksamen Augen bemerkt: die gestalterischen Betonungen der Geländeformen, das Neu-Herausarbeiten der plötzlich wie im Überraschungsmoment auftauchenden Sichtachsen, die verblüffenden Hell-Dunkel-Kontraste durch entsprechende Anpflanzungen. Alles so unaufdringlich, dass es den sanften und gelassenen Charakter des Parks respektiert und man sich weiterhin darin vergessen kann. Und, wenn man mag, Herumschwelgen wie einst Hedwig Dransfeld auf ihren Fluchten aus der großen Stadt:

Ich sinke hin – so still und traumesmatt. / Und treibe steuerlos auf Traumeswogen.

Dieser Text ist Teil der Serie Grüne Oasen: Sachsens Parks und Gärten. Alle Teile finden Sie hier.

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